Der Krieg war kurz, aber der Konflikt lang; fünf Tage kämpfte Georgien in diesem Sommer um Südossetien; 18 Jahre hatte der Streit mit der Provinz da schon gedauert.

Der Krieg war groß, aber der Konflikt klein; nur um zwei Regionen ging es, Südossetien und Abchasien. Als der georgische Präsident Michail Saakaschwili im Winter 2003 an die Macht kam, sicherte er seinen Landsleuten zu, er werde die seit Anfang der neunziger Jahre abtrünnigen Provinzen zurückholen. Auf friedlichem Wege, versprach er. Er zeigte bald, dass ihm der zweite Teil der Zusage nicht so wichtig war.

Der Kaukasuskrieg war grausam, wie Kriege es immer sind. Es war aber auch ein seltsamer Krieg: Russland und Georgien waren beide Sieger und Besiegte, Opfer und Täter. Denn wer den ersten Schuss abgab, trägt Schuld, aber auch wer nur als Zweiter schoss, ist in diesem Fall nicht frei davon. Vor allem rief der Krieg zwischen Russland und Georgien so überstarke Bilder wach vom Kalten Krieg und von russischer Expansion, dass die dahinterliegende Wirklichkeit kaum sichtbar wurde. Aber das Bild von Russland und dem Westen wird dadurch noch jetzt bestimmt.

Am ersten Tag des Krieges, dem 8. August, brach in Russland die Börse ein. Seit dem russischen Bankrott vor zehn Jahren hatten ausländische Investoren nie wieder derart eilig ihr Geld in Sicherheit gebracht, an nur einem Tag zogen sie sechs Milliarden Dollar ab. In den Tagen darauf war in Georgien die Infrastruktur zerstört, das Militär ruiniert, Zigtausende Menschen flüchteten. In den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen änderte sich schlagartig der Ton. Einstweilige Vereisung – wegen einer Provinz, groß wie das Saarland, arm wie eine vergessene Provinz?

Diesen Krieg haben alle in Kauf genommen, aber gemessen an seinen Folgen kann ihn niemand gewollt haben. Wieso brach er aus?

Beide Seiten behaupten bis heute, Zivilisten beschützt zu haben. Georgien habe den Krieg begonnen, sagte der russische Ministerpräsident Wladimir Putin. Weil in Südossetien ein »Genozid« verübt werde mit fast 2000 Toten, müsse Russland einschreiten. Saakaschwili sagte kürzlich vor einem Untersuchungsausschuss, man sei militärisch vorgegangen, weil georgische Dörfer unter »schwerem Beschuss« standen und laut unterschiedlichen Quellen – angeblich auch eigenen Geheimdiensten – Tausende russische Soldaten in Georgien einzudringen drohten.

Wer lügt hier? Beide.

Die Rede vom Genozid und von 2000 Toten ist Propaganda; die Begründung Saakaschwilis, er habe sein Volk verteidigen müssen, auch. In diesem Krieg ging es um eines gewiss nicht – darum, Unschuldige zu schützen. Georgien hat im südossetischen Zchinwali, mitten in Wohngebieten, Mehrfachraketenwerfer verwendet. Im Sekundentakt schossen sie auf die Stadt; nur wenige Stunden zuvor hatte Georgien eine Waffenruhe erklärt, nun traf der Angriffsbefehl die Bewohner im Schlaf. Russen wie Georgier, berichtet Human Rights Watch, haben Streubomben verwendet. Gute Absichten führten nicht zum Ausbruch dieses Krieges. Was dann?