Kreidezeit
Teil 5: Was der böse Wolf und der gute Roland Koch gemeinsam haben
Bei Kreide handelt es sich bekanntermaßen um weichen, marinen Kalkstein, der vorwiegend aus calcitischen Mikrofossilien entstanden ist. Dessen natürliches Weißpigment wird durch Mahlen des Sedimentgesteins gewonnen und findet selbst in unserer heutigen digitalen Welt noch als Schreib- und Schlämmkreide Verwendung. Das weiß jeder, der Petrologie, die Lehre von der Entstehung der Gesteine, von Petroleum zu unterscheiden vermag, das durch fraktionierte Destillation von Erdöl gewonnen wird. Die Neigung, Kreide zu fressen , um den Bogen von der Historie der Gesteine zum Urschlamm der Politik zu spannen, basiert zwar auf einem Märchen der Gebrüder Grimm, Der Wolf und die sieben Geißlein . Niemand hat aber zuletzt so zugelangt wie der Hauptmieter der Hessischen Staatskanzlei. Der böse Wolf, selbst die großen Kinder werden sich erinnern, futtert die Kreide, um sich einzuschmeicheln bei den Geißlein, um seine Stimme sanfter klingen zu lassen. Der gute Roland Koch futtert Kreide, um sich einzuschmeicheln bei den Wählern – und das hört sich dann so an: »Natürlich habe ich auch Glück gehabt«, »Manche sagen, ich sei zurückhaltender geworden«, »Ich möchte nicht zurückkommen zu den Verhältnissen, die wir gehabt haben«. Wie viele Weißpigmente passen eigentlich in einen geschäftsführenden Ministerpräsidenten? Koch sollte jetzt nicht über eine Schultafel laufen. Wird er dabei durch Vibrationen in seiner Eigenfrequenz zur Resonanz angeregt, wird’s unangenehm. Er quietscht dann. peter Dausend
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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