Maria, hilf!

Zwei schizophrene Frauen, eine Wunderheilung und eine kritische Nachfahrin. Warum Kerstin Schneiders brillantes Sachbuch »Maries Akte« in der Heimat der Titelfigur unwillkommen ist Von Evelyn Finger

Der Wunsch, dass Gott sich den Menschen offenbaren möge, ist so alt wie die Welt. Man könnte ihn einen Weihnachtswunsch nennen, denn er drückt zwei widerstreitende Grundbedürfnisse aus – nach Erkenntnis einerseits, nach Transzendenz andererseits – und will sie versöhnen. In der Offenbarung erfährt man das jenseits aller Erfahrung Liegende. Der Wunsch ist: dass Gott sich beweist, ein Erlöser sich tröstend zu uns herabbeugt und den Sinn unseres Daseins enthüllt.

Wer wollte also den Bürgern von Filippsdorf ihre Gutgläubigkeit verdenken, mit der sie im Januar 1866 die Botschaft von der Wunderheilung ihres kranken Gemeindemitglieds Magdalena Kade aufnahmen? Filippsdorf war ein böhmisches Kaff am äußersten Rand Österreichs, das sich gerade in eine Doppelmonarchie verwandelte. Unsichere Zeiten für Katholiken, die nur einen Steinwurf entfernt vom protestantischen Sachsen lebten. Das Königreich Sachsen hatte die 1848er Revolution knapp überlebt und sollte binnen Kurzem von den Preußen unterworfen werden. Unsichere Zeiten also auch auf der anderen Seite der Grenze. Außerdem war Winter. Wer die Oberlausitz kennt, der kennt den unerbittlichen Wind, der durch die Talsenken pfeift, und den nassen Nebel, der sich aus dem Bergland in die Ebene wälzt. Abgeschieden, gottverlassen: Solche Wörter fallen einem ein, wenn man vom tschechischen Filippsdorf westwärts über die Grenze nach Neugersdorf geht. Man kann sich vorstellen, wie herzwärmend die Bewohner dieser Gegend Magdalenas unverhoffte Errettung durch die Muttergottes empfanden. Endlich Gewissheit, dass jenseits der Kälte höhere Gnade obwaltet!

Magdalena Kade war damals dreißig Jahre alt. In einer eben erschienenen kritischen Geschichtsreportage aus der Provinz, die die Welt ist, lesen wir, dass die heute noch Hochverehrte damals in Filippsdorf als Tochter armer Weber ihr kärgliches Leben fristete und an einem bösartigen Ausschlag litt. In jenem Winter 1866 soll sie nur noch matt im Bett gelegen haben. Aber eines Nachts, vom 12. auf den 13. Januar, schreckte sie plötzlich hoch und rief, dass es so licht um sie sei. Eine Freundin, die neben dem Krankenbett wachte, konnte in der dunklen Kammer nichts Ungewöhnliches erkennen, doch die Kranke zitterte, schluchzte, begann die Heilige Jungfrau anzurufen. Am nächsten Morgen berichtete Magdalena den staunenden Dörflern von einer Marienerscheinung und wie ihr versprochen wurde: »Mein Kind, von jetzt an heilt’s!« Zum Beweis präsentierte sie ihren fast verheilten Ausschlag. Da hub lautstarker Lobpreis an, der bis heute nicht verhallt ist. Der katholische Pfarrer jubelte, die Wundergläubigen pilgerten scharenweise herbei, skeptische Ärzte blieben ungehört, der Kaiser von Österreich spendete 1500 Gulden, eine Gnadenkapelle und eine Kirche wurden erbaut. 1926 anerkannte Papst Pius XI. die Erscheinung. Amen! Amen?

So hätte es bleiben können bis in alle Ewigkeit, wäre nicht anderthalb Jahrhunderte später die Großnichte der Großnichte Magdalenas aufgetaucht. Die Hamburger Journalistin Kerstin Schneider wagte die Vermutung, es habe sich bei der weltberühmten Filippsdorfer Epiphanie um eine profane Halluzination gehandelt. Sie recherchierte die historischen Quellen und fand, ihre Vorfahrin sei schizophren gewesen, genau wie Magdalenas Großnichte Marie – die hatte 1928 in einem Anfall von Dementia praecox ihre Kleider vom Leib gerissen und verkündet, sie sei der Heiland. Obwohl Magdalenas Krebsleiden eine Legende sei und die Patientin vor der angeblichen Wunderheilung lange Zeit niemandem ihren Ausschlag zeigte, treibe die katholische Kirche Schindluder mit den Hoffnungen Todkranker. Schneider kritisierte vor allem den fortwirkenden Offenbarungsfanatismus, doch so naheliegend der Vorwurf, so unzeitgemäß die Oberlausitzer Reaktion.

Man muss weit ausholen, um zu erklären, wie im Deutschland der Massenmedienära eine Buchlesung verhindert wurde – aus schierer Angst, einige Dörfler könnten sich empören. Der Buchtitel lautet Maries Akte (Verlag weissbooks, Frankfurt am Main 2008; 286 S., 19,80 €). Kerstin Schneider arbeitet beim stern und wollte ursprünglich nur den Spuren ihrer verschollenen Großtante Marie nachgehen. Als die Reporterin jedoch feststellte, dass Marie in einer Lausitzer Euthanasie-Anstalt ermordet wurde, lotete sie tiefer. Nach vier Jahren Recherche kam sie zu dem Schluss: Marie und Magdalena hatten ähnliche psychotische Schübe, aber erlitten unterschiedliche Schicksale, weil der Zeitgeist höchst unterschiedlich über sie urteilte. Während man die eine Erleuchtete heiligmäßig in einer Basilika aufbahrte, wurde die andere im Massengrab verscharrt. Das Buch zeigt soziale Aporien, zeigt den verlogenen Umgang mit weiblichen Außenseitern, aber auch die private Tragik beider Biografien. Vor allem Maries Martyrium in der nahegelegenen Psychiatrie Großschweidnitz, wo man Anfang der vierziger Jahre Patienten verhungern ließ, ist eine bedrückende Lektüre. Wie unentrinnbar die mörderische Ideologie vom »lebensunwerten Leben«! Wie lax die Verfolgung der Mörder nach Kriegsende! Maries Akte ist ein düsteres Lehrstück, ist sensibel rekonstruierte Zeitgeschichte im Familienformat – bitter nur, dass es in Maries Geburtsort Neugersdorf, der Nachbargemeinde von Filippsdorf, nicht vorgestellt werden darf.

Erst hatte die Neugersdorfer Stadtbibliothek zu einer Lesung eingeladen, plötzlich sagte man der Autorin ab. Der katholische Pfarrer hatte gegen die Buchankündigung im Heimatblatt gewettert. Die Bürgermeisterin empfahl, auf die Veranstaltung zu verzichten. Jetzt heißt es, niemand habe eine Lesung verhindern wollen. Warum fällt sie dann aus? Die Bürgermeisterin (parteilos) sagt, da habe die Bibliothekarin eigenmächtig entschieden. Warum hatte dann dieselbe Bibliothekarin die Autorin erst bei ihren Recherchen unterstützt? Den Pfarrer Christoph Eichler persönlich kann man nicht fragen, er verschanzt sich hinter der Pressestelle des Bistums.

Die Filippsdorfer drüben in Tschechien ahnen ja nicht, wie katholisch die protestantischen Sachsen sein können. Eine private Neugersdorfer Buchhandlung erklärt, aus Rücksicht auf ihre katholischen Kunden lieber keine Ersatzlesung zu veranstalten. Das ist immerhin ein offenes Wort. Fünf Kilometer entfernt, in Eibau, gibt es aber noch den beherzten Buchhändler Jürgen Arlt, der findet: Debatte muss sein. Nachdem er den 10. Januar 2009 als Lesetermin annoncierte, bekam er Drohanrufe. Das sei das Obrigkeitsdenken der Ossis, sagt Arlt. Und vielleicht die Angst, dass jemand fragt, was in der Großschweidnitzer Anstalt zu DDR-Zeiten los war.

So brodelt in der Lausitz nun also ein vorweihnachtlicher politischer Konflikt. Manche Katholiken freuen sich auf die Kontroverse. Manche sagen, dass die Hiesigen nun mal erzkonservative Sturköppe seien, nicht umsonst gebe es einen Schnaps namens Lausitzer Granit. Die Granitschädel leben in einer Arbeitslosenregion, wo scharf der Wind pfeift und die NPD prima abschneidet. Sie wollen weder den alten Osten noch den neuen Westen. Weil sie seit 1989 so viele Gewissheiten verloren haben, verteidigen sie nun aus Trotz die letzte Vision, an die sie wahrscheinlich gar nicht glauben.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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