Hand in Hand

zu den beiden Übersetzungen von John Miltons »Paradise Lost«

Die alten Götter, von denen Homer so lebendig erzählt, kommen zweieinhalb Jahrtausende später in Miltons Gegenentwurf seines Verlorenen Paradieses nur noch unter den Rebellen vor, die der neue Gott aus dem Himmel ans schwärzeste Ende des Alls verbannt hat – von woher nun der Rebellenführer, Satan, sich mit Rachegedanken hinabstürzt durch die unendliche Leere hin zu jener kleinen schönen Welt, die Gott nah bei sich mit Mond und allem für uns in den Raum gehängt hat und die Satan nun, um Gott zu kränken, ruinieren will, mit einer Frucht.

In jungen Jahren hatte sich Milton in Florenz mit Galilei getroffen, der dort, von der Inquisition überwacht, versteckt lebte, sie hatten sich unterhalten, wahrscheinlich über Äpfel und ihr Fallen und darüber, wie die Welten im Raum verteilt sind, wie sie sich halten, wie sie schweben, kreisen.

Und dann hatte Milton eben beschrieben, wie der Botenengel Michael die hübsche Sünderin und ihren Mann aus dem Paradies hinausführen muss. Er tut es freundlich, beinahe mit tröstender Attitüde, fast als wollte er sagen: Da draußen die Äpfel schmecken auch, und kein Gott stört sich mehr daran, dass ihr sie esst. Also adieu, es gibt da auch noch einen Plan, viel Glück. Jetzt vor vierhundert Jahren wurde John Milton geboren, von seinem Verlorenen Paradies sind auf Deutsch zwei Versionen zu haben, erstens eine einhundertfünfzig Jahre alte Übersetzung von Adolf Böttger (marixverlag, Wiesbaden 2008; 478 S., 10,– €), gut lesbar, schwungvoll und mit den leider etwas verschwommen reproduzierten Illustrationen von Doré; und zweitens neu in regulärer Buchform aufgelegt die moderne und bewährte Übersetzung von Hans Heinrich Meier (Reclam, Stuttgart 2008; 546 S., 29,90 €), mit zwölf dieser etwas übertriebenen Illustrationen von William Blake.

Milton selber, schon lang blind, starb 1674, er sei ein umgänglicher Mann gewesen, schreibt Meier in seinem schönen Nachwort, und habe Bücher, Wein und Tabak geliebt. Man weiß die Kirche, in der er begraben liegt, aber nicht die genaue Stelle. Das Erste, was er publiziert hatte, waren Verse auf Shakespeare gewesen.

Und hier die letzten Verse, erst englisch: »The world was all before them, where to choose / Their place of rest, and Providence their guide: / They hand in hand, with wandering steps and slow, / Through Eden took their solitary way.« Und deutsch von Meier: »Vor ihnen offen lag die Welt, wo sich / die feste Stätte ihres Bleibens fände / und die Vorsehung ihre Schritte wies: / Sie gingen Hand in Hand, langsamen Ganges, / durch Eden einsam wandernd ihres Weges.«

Stillleben mit Buch

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle »Kriminalroman« von Tobias Gohlis

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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