Ein herrlicher Betrug

Eigentlich soll Achim in Irland nur Englisch lernen. Doch seine Ferien werden ein Abenteuerausflug ins Reich der Fantasie Von Susanne Gaschke

Spukt es auf Schloss Fionn? Mr. O’Flaherty behauptet das jedenfalls: Derart grausige Dinge gingen dort im alten Turmzimmer vor sich, dass einmal sogar die Perücke eines Übernachtungsgastes vor Schrecken weiß geworden sei. Soll man das glauben? Achim, aus Deutschland zu Besuch bei dem irischen Geschäftsfreund seines Vaters, ist misstrauisch. Aber würde ein Erwachsener Märchen erzählen? Noch dazu ein bedeutender Wirtschaftsboss aus Dublin? Das kommt dem Jungen fast ebenso unwahrscheinlich vor wie ein real existierender Spuk.

Damit hat Achim schon seine erste Lektion über Irland gelernt: Fantastische Geschichten scheinen hier wichtiger zu sein als im ordentlichen, exakten, faktenverliebten Deutschland. Wer gut erzählen kann, genießt Ansehen auf dem »Eselschwanz«, der Halbinsel, auf der die O’Flahertys ihr Ferienhaus haben, nahe einem winzigen Dorf mit genau 69 Einwohnern. Statussymbole, wie Achim sie von zu Hause kennt, sind hier weniger von Bedeutung: Das Auto der O’Flahertys ist eine schrottreife Klapperkiste; seine Gastgeber tragen alte, ausgeblichene Ferienkleidung, und ihr Cottage hat weder Fernsehen noch elektrisches Licht.

Adolf Himmel, der Autor des 1962 erschienenen Buches Fauler Zauber auf Schloss Fionn hat Deutschland 1959 verlassen und lebt seither in Portugal – womöglich auch deshalb, weil er sein Land so empfand, wie es sich in Achim zunächst widerspiegelt: als Heimat gehetzter Menschen, die wenig Zeit füreinander haben, die schlecht zuhören können und einseitig aufs Materielle fixiert sind. Achim pocht zunächst auf die Überlegenheit dieser Lebensweise – und doch wird schnell deutlich, wie sehr auch er sich im Grunde danach sehnt, dass seine viel beschäftigten Eltern mehr Zeit für ihn hätten.

In Irland lernt er, wenigstens seine eigene freie Zeit zu genießen und nicht immer hektisch nach der nächsten Aktivität zu suchen. Er sieht Mr. O’Flaherty dabei zu, wie dieser stundenlang ins Feuer starrt, als seien die tanzenden Flammen spannender als jedes Fernsehprogramm – und irgendwann kommt es auch Achim so vor.

Die Ferien auf dem »Eselschwanz« schön zu finden ist letztlich kein großes Kunststück: Schon am ersten Tag seines Aufenthalts lernt Achim Moira kennen, die Tochter des Friedensrichters, und den 14-jährigen Liam. Beide begegnen ihm offen und freundlich, nehmen ihn sofort mit zum Makrelenfischen und spotten nur ein ganz klein wenig über seine beharrlich erhobene Forderung, Erzähltes müsse doch »wahr« sein. »Wieso wahr?«, fragt Liam den neuen Freund entgeistert. »Eine Geschichte muss nicht wahr sein, sondern gut.«

Zu dieser Sicht der Dinge ringt sich schließlich auch Achim durch, und zwar als die Kinder beschließen, als Fremdenführer auf Schloss Fionn zu arbeiten – gegen Geld natürlich. Geld brauchen sie dringend, denn Moira wünscht sich nichts sehnlicher, als ihren Bruder Sean an ihrem Geburtstag zu Hause zu haben. Sean arbeitet in England, und die Familie kann seine teure Fahrkarte nicht bezahlen. Also wird erzählt auf Schloss Fionn – je nach Interessenlage der Touristen über grausame Ritter, ängstliche Ritterfräulein, über Elfen und Leprechauns und versteinerte Kinder und Geistererscheinungen. Achim tut sich zunächst noch schwer in dieser Kunst, doch mit der Zeit gelingt es ihm fast ebenso gut wie seinen irischen Freunden – und das alles auf Englisch! Als Leser ist man zwar nicht geneigt, besonders viel von Achims Eltern zu halten, aber ihre pädagogische Ferienabsicht ist jedenfalls aufgegangen.

Das Verlies, in dem sich die Besucher Schloss Fionns wohlig gruseln, haben die drei Jungunternehmer übrigens zuvorkommenderweise gleich selbst für sie gegraben. Wahr ist also nichts von dem, was die Fremden über Schloss Fionn erfahren – aber die Geschichten sind so gut, dass alle freudig den Eintrittspreis entrichten. Die Idylle wird freilich schnell gestört, und das nicht nur durch Polizei, Schwarzbrenner und einen whiskeysüchtigen Hund, sondern vor allem durch einen deutschen Touristen mit dem programmatischen Namen Grillenfenger, einen Unsympathen, von dem von vornherein nichts Gutes zu erwarten ist.

Dieser unerfreuliche Zeitgenosse ist noch dreimal buchstabengetreuer, als es Achim zu Beginn seiner irischen Zeit war – und verklagt die geschichtenerzählenden Fremdenführer wegen Betrugs: Alles ausgedacht hätten sie sich, nichts von all dem, was sie erzählten, sei wahr, das Ganze eine skandalöse Geldschneiderei.

Nun muss der Friedensrichter gegen seine eigene Tochter ein Verfahren eröffnen, in dem zunächst die Diktatur der Tatsachen zu siegen scheint. Doch ein leidenschaftliches Plädoyer rettet die Angeklagten. Wer es hält, wird nicht verraten. Aber dem Credo des ungenannten Verteidigers können wir uns aus vollem Herzen anschließen. Die Kinder dürften nicht bestraft werden, sagt ihr Fürsprecher, »weil sie erkennen, dass Phantasie etwas Herrliches, Schönes, Großartiges ist, und weil sie wissen, dass ohne die Dinge, die nur in unserer Phantasie existieren, unsere Erde ein schrecklich öder und kahler Stern und unser Leben unerträglich langweilig wäre«.

Illustration: Sabine Wilharm, Umschlagillustration »Fauler Zauber auf Schloss Fionn« erschienen in ZEIT-Edition »Fantastische Geschichten für junge Leser« 2008; Abb.: Jupiterimages (Leprechaun)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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