Wall Street Ende der Moral
Jetzt hat die Wall Street endgültig abgewirtschaftet
Ohne Vertrauen kann kein Wirtschaftssystem funktionieren. Erst recht kein Finanzzentrum. Und jetzt steht da diese unerhörte Summe im Raum: 50 Milliarden Dollar, ergaunert und verzockt in einem betrügerischen Anlagefonds. Auch europäische, auch deutsche Anleger sind betroffen. Der Fall Bernhard Madoff hat das Vertrauen in die Wall Street endgültig ruiniert, mehr noch als die Bankenzusammenbrüche.
Wenn man einem ehemaligen Chef einer der führenden Börsen der USA, einem Kapitalmarktpionier, einem Anlageexperten mit über 40 Jahren Wall-Street-Erfahrung nicht mehr trauen kann, wem dann?
Dabei hat Madoff im Grunde nur das auf die kriminelle Spitze getrieben, was an der Wall Street seit Jahren auch legal betrieben wurde. Die großen Finanzhäuser machten unhaltbare Versprechungen. Sie behaupteten, neuartige Finanzinstrumente erfunden zu haben, die hohe Erträge bei hoher Sicherheit erwirtschafteten – entgegen der alten Anlegerweisheit, dass es so etwas gar nicht geben kann.
Dass trotzdem so viele mitmachten, dass trotzdem so viele daran glaubten, hat auch mit dem Prinzip Wall Street zu tun. Mit diesem sozialen Netz im südlichen Manhattan. Man arbeitet für dieselben Institutionen, besucht dieselben Klubs, dieselben Partys. Die Kinder besuchen dieselben Schulen, man sitzt gemeinsam in Beiräten von Museen und charities.
Die familiäre Atmosphäre bezieht auch die Aufpasser mit ein: Von den vielen Skandalen der vergangenen Jahre, vom Kollaps des Energiehändlers Enron über die lukrative Schönfärberei durch Aktienanalysten bis zu missbräuchlichen Handelspraktiken der Investmentfonds wurde nicht ein einziger von der Wertpapieraufsichtsbehörde SEC aufgedeckt. Nun, junge Rechtsanwälte starten ihre Karriere bei der SEC, um später einen lukrativen Job bei einer Bank zu finden. Wer will es sich da durch pingeliges Nachhaken mit künftigen Bossen verderben? Bei Madoff kam sogar heraus, dass seine Nichte einen ehemaligen SEC-Ermittler geheiratet hat.
Kein Wunder, dass die Vertrauenskrise der Wall Street in diesen Tagen eskaliert. Die Anleger fliehen aus Hedgefonds. Der künftige US-Präsident Barack Obama hat gerade eine erfahrene Wertpapieraufseherin als neue SEC-Chefin ausgewählt, er will neue Regeln und Institutionen, aber all das kann höchstens langfristig nützen. Fürs Erste setzt sich der tiefe Fall der Wall Street fort. Zur Erinnerung: Nach der großen Spekulationskrise 1929 dauerte es fast eine Generation, bis die Anleger wieder Vertrauen schöpften.
- Datum 11.03.2009 - 09:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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