Kunstmarkt
»So richtig hasse ich, glaube ich, nur Leute, die Pu der Bär neu illustrieren wollen«
Zur Erinnerung an den einzig wahren Winnie-the-Pooh: E. H. Shepards Originalzeichnungen bei Sotheby’s in London
Weihnachtskarte von E. H. Shepard (undatiert)
Es war Weihnachten, als ein eigenartiger Bär namens Winnie-the-Pooh erstmals aus seinem Heimatwald hinaus in die Weltöffentlichkeit stapfte. Die Londoner Zeitung Evening News schenkte ihren Lesern am 24. Dezember 1925 die Geschichte The Wrong Sort of Bees (»Die falsche Sorte Bienen«), verfasst von A. A. Milne, ein bisschen aber auch von seinem Sohn, dessen Dialoge mit dem Lieblingsteddy die Urquelle der Pooh-Geschichten waren. Die fanden ihre definitive Gestalt, als sie 1926 in Buchform erschienen, versehen mit, wie es auf dem Einband bescheiden hieß, »Dekorationen« des Zeichners E. H. Shepard. Shepards Stil hatte Milne zuerst als »hoffnungslos« abgetan. Bis er verstand, dass seine Bilder zwar nicht perfekt geschliffen, dafür aber umso lebendiger waren. Und somit bestens geeignet, Kuscheltiere zum Leben zu erwecken.
Shepard zeichnete Pooh nach dem Teddy seines eigenen Sohnes, und vielleicht liegt es am Einfluss der beiden Teddybären, dass den frühen Pooh-Geschichten in Bild und Text bis heute etwas sehr Privates anhaftet. Noch nach über achtzig Jahren wirken die Illustrationen so genial improvisiert wie die Erzählungen.
In dieser Weihnachtszeit nun standen Originalzeichnungen klassischer Pooh-Szenen bei Sotheby’s in London zum Verkauf (mit Schätzwerten bis 90000 Euro): Pooh beim Treppensteigen, zu Besuch in der Höhle des Hasen, beim Ritt auf dem Fass in der Flut. Neben signierten Erstausgaben (auf 400 bis 25800 Euro taxiert) war auch die Vorlage der oben abgebildete Weihnachtskarte zu ersteigern, von der Shepard 200 Stück drucken ließ (25800 bis 38700 Euro).
Die Zeichnungen führen noch einmal die gewaltige Kluft vor Augen, die sich zwischen den Pooh-Originalen und ihrer Vermarktung aufgetan hat. Schon 1930 investierte ein Amerikaner namens Stephen Slesinger 1000 Dollar in die Rechte an den Pooh-Figuren, setzte bald mit Puppen und Puzzles Millionen um und begründete damit die moderne Merchandising-Industrie. 1961 stieg Disney ein, ersetzte Shepards Skizzen mit hauseigenem Produktdesign und warf Pooh-Zeugs aller Art auf den Markt: -Filme, -Spiele, -Puppen. Disneys Pooh-Jahresumsatz wurde zuletzt auf eine Milliarde Dollar geschätzt. Es hat etwas Herzzerreißendes, dass Millionen Kinder Disneys Pooh für den Inbegriff des Niedlichen halten. Niedlich ist er ja auch, unerträglich niedlich sogar, auf diese optimierte, sterile Art, die nur ein globaler Unterhaltungskonzern generieren kann. Pooh geriet sozusagen an die falsche Sorte Zeichner. Die Versteigerung von Shepards Skizzen ist ein willkommener Anlass, sich auf den unbezahlbaren Wert seiner Bilder zu besinnen. Jürgen von Rutenberg
Harry Rowohlt hat Winnie-the-Pooh kongenial ins Deutsche übersetzt. In der ZEIT erscheint gelegentlich seine Kolumne Pooh’s Corner
ZEIT magazin Fotos––– Thomas & Thomas; Sotheby’s
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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