Was sagst du, Herz? – Dass ich aus Liebe schlage
Luís Camões, der einstmals viel gelesene portugiesische Klassiker, ist endlich auf Deutsch wiederzuentdecken Von Peter Hamm
Als Fernando Pessoa 1917 in seinem Poem Ultimatum in geradezu tobsüchtigem Furor alle Ikonen der modernen Kultur und Zivilisation zertrümmerte und nur Verachtung zeigte für alles, »was weniger ist als die Entdeckung einer neuen Welt«, da prophezeite der portugiesische Dichter seinem Volk gleichzeitig einen neuen Camões, einen, wie er ihn apostrophierte, »Super-Camões«, und es besteht kaum Zweifel, dass er sich selbst damit meinte. Heute ist Pessoa, dieser Super-Camões, Kult. Aber wer kennt, wer liest außerhalb Portugals noch Camões?
Das war noch im 19. Jahrhundert ganz anders, als deutsche Dichter, allen voran die Romantiker, sogar Portugiesisch lernten, um Camões im Original lesen zu können. Friedrich Schlegel rühmte 1803 Camões und sein Versepos Die Lusiaden als »das einzige heroische Nationalgedicht, was die Neueren aufzuweisen haben«, und stellte Camões in eine Reihe mit Homer, Vergil, Tasso und Dante. Ein Jahr danach übersetzte sein Bruder August Wilhelm Schlegel ungemein einfühlsam Partien aus dem sechsten Gesang der Lusiaden sowie mehrere Sonette und Lieder und beförderte damit entschieden die literarische Auseinandersetzung mit Camões im deutschen Sprachraum.
Sogar Johann Gottlieb Fichte, wer hätte es gedacht, versuchte sich als Übersetzer an der berühmten Ines de Castro-Episode aus dem dritten Gesang der Lusiaden, und August Graf von Platen, noch ein ganz junger Mann, wurde durch die Sonette des Camões selbst erst zum Schreiben strenger Sonette angeregt, wobei er beklagte, dass der deutschen Sprache der dunkle Wohllaut des Portugiesischen fehle. Bereits 1833 erschien dann die erste komplette Übertragung der Lusiaden durch Jacob Christian Donner, und bevor zwischen 1880 und 1885 Wilhelm Storck die mit einem reichen philologischen Apparat bestückte erste Gesamtausgabe der Werke von Camões besorgte, kamen noch sechzehn (!) mehr oder weniger vollständige Lusiaden-Übertragungen heraus.
Wegen einer Liebesaffäre wurde er nach Afrika verbannt
Fast noch mehr als sein Werk faszinierte im 19. Jahrhundert freilich das abenteuerliche Leben des 1523 oder 1524 geborenen portugiesischen Dichters, der, als Sohn eines verarmten adligen Kapitäns geboren, nach seinem Studium an der berühmten Universität von Coimbra nach Lissabon zog, aber wegen seiner Liebe zu einer Hofdame der Königin Katharina und wegen etlicher anderer Unvorsichtigkeiten zum Kriegsdienst in Afrika verbannt wurde, wo er bald ein Auge einbüßte. Nach seiner Rückkehr in die Heimat brachten ihm Raufhändel ein Jahr Kerker ein. »Begnadigt« zum Militärdienst in Asien, musste er sich dort auch an »Strafexpeditionen« gegen die einheimische Bevölkerung beteiligen, Unternehmen, die, wie er sehr wohl registrierte, in krassem Kontrast zur offiziell propagierten »christlichen Weltmission« Portugals standen, die er in seinen Lusiaden so begeistert feierte.
Sowohl in Macao, wo er eine kleine Beamtenstelle erhielt, wie in seinen Jahren in Goa lebte Camões unter schlimmsten Entbehrungen. Als er dann 1569, nach fast siebzehnjähriger Abwesenheit, wieder nach Lissabon heimkehrte, musste er, der einst den ruhmreichen Aufstieg seiner Nation erlebt und besungen hatte, nun den totalen Zusammenbruch Portugals miterleiden, dessen blutjunger König Sebastian 1578 samt seiner Armee von den Arabern auf der dürren Ebene von al-Qasr-al-Kabir in Nordafrika vernichtend geschlagen wurde. Im selben Jahr 1580, in dem Camões verarmt und vergessen als eines der vielen Opfer der in Lissabon grassierenden Pestepidemie starb, wurde Portugal eine spanische Provinz.
Dieser faszinierende Lebensstoff inspirierte zahlreiche deutsche Autoren des 19. Jahrhunderts nicht nur zu Camões-Dramen, sondern ihm verdanken wir auch ein Schlüsselwerk der deutschen Romantik, Ludwig Tiecks Novelle Tod des Dichters, in der Portugal als »das Haupt und Auge Europas« erscheint und Camões am Ende seiner Tage vollkommen desillusioniert auf sein Leben zurückblickt und zum Ankläger des Kolonialismus und jeglichen Machtstrebens wird. »Ein Ausgezeichneter unter Millionen ist aber der, der sich und sein Leben in kümmerlicher Armut hinschleppen darf, verstoßen und verachtet und von der Verleumdung gebrandmarkt«: Dies lässt Tieck den alten schwarzen Diener und letzten Freund von Camões nach dessen Tod klagen.
Es war ein Bild des geharnischten und lorbeergekrönten, gleichwohl von tiefem Leid gezeichneten und einäugigen Luís de Camões, das der Schüler Reinhold Schneider zu Beginn des 20. Jahrhunderts im vielbändigen Orbis pictus seines Großvaters entdeckte und das ihn so sehr in Bann schlug, dass er beschloss, sich später einmal auf den Weg nach Portugal zu machen, um diesen Dichter, seine Sprache und sein Volk aus der Nähe kennenzulernen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man sagt, dass Portugal und Camões, den Reinhold Schneider später einmal als die »Galionsfigur meiner fragwürdigen Lebensfahrt« bezeichnet hat, Schneider erst selbst zum Dichter werden und so tief wie keinen anderen Deutschen in das Geheimnis Portugals eindringen ließen. Reinhold Schneiders erstes, 1930 bei Jakob Hegner in Hellerau erschienenes Buch Das Leiden des Camões oder Untergang und Vollendung der portugiesischen Macht ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine poetische Selbsterforschung im Spiegel des Camões, ein sprachlich beeindruckendes Meisterwerk, aus dem zu zitieren man nicht müde wird. Sieht man von einem schmalen Insel-Bändchen mit sehr geschmeidigen Übertragungen einiger Camões-Sonette durch Otto von Taube einmal ab, ist danach für den portugiesischen Dichter in Deutschland lange nichts mehr getan worden. Bis 1999 der kleine, aber ungemein wagemutige Berliner Elfenbein-Verlag eine opulent aufgemachte Neuübersetzung der Lusiaden von dem Lusitanisten Hans-Joachim Schaeffer herausbrachte, der man schon wegen ihrer Vollständigkeit und Zweisprachigkeit Bewunderung zollen muss. Jetzt hat der Elfenbein-Verlag nachgelegt und, wieder in der Übertragung Schaeffers, eine zweisprachige Ausgabe der sämtlichen Gedichte von Camões präsentiert, die vielleicht noch mehr als die Lusiaden geeignet sind, ernsthaft ein neues Interesse an Camões zu wecken, da uns das rühmende Pathos des Helden- und Nationalepos mit seinem mythologischen Faltenwurf doch etwas ferngerückt ist, während die Gedichte mehr vom Menschen Camões verraten und deshalb noch ganz unmittelbar zu wirken vermögen.
Camões konnte so ziemlich alle Register der Poesie ziehen, vom volkstümlichen und frech-witzigen Ton bis zum elegischen und tragischen. Er war ein Artist und Poeta doctus, der Mythologie und Philosophie, Geschichte und Literatur nicht nur bestens kannte, sondern sie in seinen Elogen, Elegien, Kanzonen, Oden, Oktaven, Sestinen und Sonetten auch als poetisches Material nutzte und fruchtbar werden ließ. Zweifelsohne bilden dabei die Sonette den Gipfelpunkt seines dichterischen Ingeniums, im Rang nur jenen Petrarcas vergleichbar, auf den sie sich nicht selten auch beziehen.
In diesen Sonetten dominiert jenes portugiesische Lebensgefühl, das gern mit saudade umschrieben wird und nicht nur Lust an der Traurigkeit – Schmerzlust – meint, sondern Resignation und Fatalismus mit einschließt und aus abgrundtiefer Seeleneinsamkeit kommt.
Die Frau und die Liebe zur Frau sind die Garanten dafür, dass diese Schmerzlust immerwährend Nahrung findet; Liebe und Unglück bedeuten für Camões so etwas wie Synonyme. Manchmal gelingt es ihm, mit dem Unglück fast spielerisch umzugehen, als sei es nur eine nötige Nuance im tragischen Lebensspiel, dann wieder drückt es ihn nieder bis zum Todesverlangen, und er verflucht den Tag seiner Geburt. Obwohl er doch weiß und es sagt, dass erfüllte Sehnsucht ihr Tod, der Tod der Liebe ist und jeder Augenblick Glück mit einer Ewigkeit Unglück bezahlt werden muss, wird ihm die Frau, die sich entzieht, ebenso zum Anlass leidenschaftlicher Klage wie die Frau, die sich nicht verweigert, der er aber Wankelmütigkeit und Falschheit vorwirft. Entrückt er deshalb die Frau so oft in die Sphäre absoluter Unerreichbarkeit, wo sie keine Gefahr, keine Feindin mehr zu sein scheint, sondern nur noch anbetungswürdig? Doch dann holt er sie wieder – und sei es mit einem einzigen Wort, »süße« – auf das Schlachtfeld der Liebe zurück: »süße, harte Feindin«. Das Oxymoron, das in der Poesie des Camões allgegenwärtig ist, wird vielleicht der Dialektik der Liebe doch am ehesten gerecht.
Wenn diese Gedichte manchmal den Eindruck einer Überforderung des Gefühls erwecken – es ist ja keine rhetorische Geste, sondern sein Credo, das Camões in der Verszeile »Mein Lieben wird den Tod selbst überleben« formuliert –, so ist dies sicher auch einer maßlosen Überforderung der Frau geschuldet, die für den portugiesischen Dichter weit mehr sein soll als nur sie selbst, nämlich Transmissionsträger nicht nur zu allem Endlichen, sondern auch zum Unendlichen. Dass es nicht die reale Frau, sondern eigentlich das Bild der Frau ist, dem sein Verlangen gilt, verrät eines der schönsten Sonette von Camões, das ein Frage-und-Antwort-Spiel mit sich selbst darstellt:
»Was hoffst du, Hoffnung, denn?« – »Nichts,
ich verzage.«
»Warum nur?« – »Weil ein Wandel mich getroffen.«
»Wie ist dein Leben?« – »Ohne jedes Hoffen.«
»Was sagst du, Herz?« – »Dass ich aus Liebe schlage.«
»Und was fühlst, Seele, du?« – »Liebe ist Plage.«
»Wie lebst du denn?« – »Von Misstrauen betroffen.«
»Was stärkt dich?« – Nur ein Bild, unübertroffen.«
»Und daran denkst du nur?« – »Ja, alle Tage.«
»Und wo kannst du verharren?« – »Wo ich bin.«
»Was hast du vor?« – »Zu endigen mein Leben.«
»Was scheint dir gut?« – »Der Lieb Verlangen.«
»Was drängt dich so?« – »Zu wissen, wer ich bin.«
»Wer bist du denn?« – »Bin völlig hingegeben.«
»Wem hingegeben denn?« – »Einem Verlangen.«
»Dass die beiden Merkmale, die die saudade besonders kennzeichnen – Erinnerung (lembranca) und Tränen (lagrimas) –, im Portugiesischen miteinander alliterieren, ist ein stimmiger Zufall«, schreibt Rafael Arnold, der als Herausgeber und Kommentator der Camões-Ausgabe fungiert, in seinem fundierten Vorwort. Wenn Erinnerung und Tränen Camões zu überwältigen drohen und ihm oft nur noch der Tod Schutz gegen sie zu bieten scheint, kommt ihm immer wieder die Natur – Winde, Wellen, Berge, der Himmel – zu Hilfe. »Die Klage über den Verlust der Geliebten strömt in die Landschaft über, Steine und Bäche scheinen den Liebesschmerz des Dichters zu teilen« (Rafael Arnold). August Graf von Platen empfand die Poesie von Camões so: »Man glaubt, seine Verse lesend, eine rührende Musik zu hören, die sich in vollen Tönen von der Erde zu heben scheint, und langsam allmählich in den Aetherwolken des Firmaments verschwebt.«
Ein Wort noch zur Übertragung dieser Gedichte. Wenn das Übersetzen von Lyrik ohnehin fast immer ein Ding der Unmöglichkeit scheint (es sei denn, ein so originärer Dichter wie etwa Paul Celan verwandelt die fremde Poesie rücksichtslos ins Eigene), so ist im Falle des portugiesischen Dichters schon ein minimaler Grad der Annäherung ein Gewinn, sind doch die portugiesische und die deutsche Sprache einander denkbar fremd. »Das Portugiesische ist weich und unbestimmt«, schreibt Reinhold Schneider in seinem Camões-Buch, »es ist so von Gefühl gesättigt, dass es fast seinen Rhythmus verliert; es ist die Sprache der Apostrophe, Verkürzungen und Verschmelzungen, des Vermischens und Hinüberfließens; zusammengezogen von einem gleichsam unterirdischen Temperament, das ganze Silben des lateinischen Stammes unbedenklich überspringt und im Tone noch überhastet, was in der Schrift stehen blieb, eilt es doch nur, um zu vergehen und zu verströmen.«
Unter den deutschen Dialekten hat der schwäbische eine seltsame Verwandtschaft mit dem Portugiesischen, was einen Freund Mörikes auf die noch seltsamere Idee brachte, die Lusiaden ins Schwäbische zu übertragen!
Mit dem Manuskript in der Hand schwamm er übers Meer
Dass Hans-Joachim Schaeffer in seinen Übertragungen viel dem Reim opfert und dabei die lakonisch knappen Verszeilen von Camões oft mit Füllwörtern strecken muss (so wird etwa aus »Vendo quanto mal fizeram / Disfarcados se acolheram«: »Als sie sahen, was sie da vollbracht, / Gingen fort sie, ganz heimlich und sacht«), nimmt man, wie manche andere Umständlichkeit und Holprigkeit, noch hin. Doch wenn Schaeffer seinem Hang zu Fremdwörtern und Umgangssprache nachgibt und Wörter wie brutal, real, konform, ignorant, perfekt, riskant, permanent, primitiv et cetera verwendet, trivialisiert er die Poesie des Camões unerträglich. Sogar vor »Verwaltungsstelle« oder »Rücksichtnahme« (als sei der poetische Tatort ein Büro oder eine öffentliche Toilette) scheut er nicht zurück.
Gottlob, man muss daran erinnern, hat er mit seiner Übertragung der Lusiaden weit mehr anverwandelndes Sprachgefühl bewiesen und öfter das Glück des adäquaten deutschen Wortes auf seiner Seite gehabt. Dass aller Einwände ungeachtet seine Übertragung sämtlicher Gedichte schon eine Art Lebensleistung darstellt, darf gesagt werden. Um dem Zauber dieser Poesie auch heute noch zu erliegen, sollte man sie möglichst, auch wenn man der Sprache des Dichters nicht mächtig ist, mittels CD oder Freund/Freundin aus Portugal auf Portugiesisch hören und die Übersetzungen nur als Notbehelf nehmen. Schon Platen hatte seine Übertragungen als »Notbehelf« charakterisiert.
Der Legende nach erlitt Camões, als er 1558/59 aus Macao nach Lissabon zurückkehrte, Schiffbruch und rettete sein Manuskript der Lusiaden, indem er es mit einem Arm über die Meereswogen hielt und mit dem anderen an Land ruderte. Conrad Ferdinand Meyer hat in seinem Gedicht Camões einen Schüler des Dichters fragen lassen, ob diese Geschichte denn auch wahr sei, und der Meister antwortet ihm mit einem Gleichnis:
»Solches tat ich, Freund, in Wahrheit, / Ringend auf dem Meer des Lebens! / Wider Bosheit, Neid, Verleumdung / Kämpft ich um des Tages Notdurft / Mit dem einen dieser Arme. / Mit dem andern dieser Arme / Hielt ich über Tod und Abgrund / In des Sonnengottes Strahlen / Mein Gedicht, die Lusiaden, / Bis sie wurden, was sie bleiben.«
Luís de Camões: Sämtliche Gedichte
Portugiesisch – Deutsch, aus d. Portugiesischen von Hans-Joachim Schaeffer; herausgegeben und kommentiert von Rafael Arnold; Verlag Elfenbein, Berlin 2008; 1232 S., 75,– €
Luís de Camões: Os Lusiadas – Die Lusiaden
Aus d. Portugiesischen von Hans-Joachim Schaeffer; bearbeitet und mit einem Nachwort von Rafael Arnold; Verlag Elfenbein, Berlin 1999; 653 S., 65,– €
Abb. (Ausschnitt): Gravur von B. Roger nach einem Gemälde von F.P.Simon Gerard; Privatsammlung; Bridgeman
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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