Belletristik Wenn der Mond hinter den Wolken verschwindet
Robert Olmstead hat einen erschütternden Roman über den amerikanischen Bürgerkrieg geschrieben
Zwei Jahre dauert der Amerikanische Bürgerkrieg schon, als im Mai 1863 eine Mutter nicht mehr an den Sinn dieses Krieges glaubt und ihren Sohn ausschickt, um den Vater zurückzuholen. Der Junge heißt Robey Childs und ist gerade vierzehn, alt genug, um das Land zu bestellen, aber noch zu jung, um für dieses Land zu sterben. Er soll niemanden trauen, als Erster schießen, und er muss seiner Mutter versprechen, nicht zu sterben. Ausgestattet mit einer Unbekümmertheit, wie sie nur Kinder kennen, einer ruhigen Zähigkeit, geprägt von der Arbeit auf der kleinen Farm, und mit einem schwarzen Hengst ausgestattet, der seine Kraft und seinen Instinkt auf den Jungen zu übertragen scheint, beginnt Robey eine Reise in das Herz der Finsternis.
Nach tagelangem Ritt durch eine betörend wilde Landschaft in üppigem Frühjahrsgrün kündigt zwar ein Pferdekadaver das nahe Grauen an, die Wucht, mit der ihn der Krieg dann aber plötzlich überfällt, ist überwältigend. Vor allem, weil Robert Olmstead seinen Ton nicht ändert: So genau, kraftvoll und bilderreich er zuvor die Natur ausgemalt hat, wird er auf den nächsten gut zweihundert Seiten über die Schrecken des Amerikanischen Bürgerkrieges – und jedes Krieges – erzählen. Er schickt den jungen Childs und sein Pferd auf ein Schlachtfeld, auf dem vergewaltigt wird, erschlagen, erstochen, erschossen, auf dem das Blut schwarz wird und doch die Hausierer schon wieder unterwegs sind, auf dem zerrissene Körper in Tausenden herumliegen und Leichenfledderer halb toten Männern den Kiefer zerschlagen, um an ihr Zahngold zu kommen.
Und der Junge? Stirbt nicht. Wird aber so schnell erwachsen wie nie einer in einem Roman über Heranwachsende. Er lernt, mit dem Nötigsten auszukommen, notfalls zu stehlen, lernt, Schmerz zu ertragen, und sieht immer genau hin. Wird also auch von jenem Wahnsinn erfasst, »der das ganze Land schüttelte«, bleibt aber fast so makellos wie sein Pferd. Zwar erschießt er irgendwann einen Mann, doch aus moralischer Empörung und Wut. Zwar verliert er, den sterbenden Vater in den Armen, für einen Augenblick jede Hoffnung, um dann doch weiterzuleben. Und kurz darüber nachzudenken, ob er je mit dem Gesehenen und dem eigenen Tun wird leben können, ob er Gesichter und Namen, die Gewalt der Menschen je wird vergessen können. Doch zugleich kann er sich schon nicht mehr erinnern, was früher war, außer »Arbeit und Ruhe und Einsamkeit«.
Der Autor lässt ihn – und uns – jeden Unrat des Krieges sehen, nur einmal ist er gnädig: »Dann verschwand der Mond hinter den Wolken und alles war dunkel.« Das ist das höchste Maß an Pathos, das dem Text eingeschrieben ist, der trotz einer poetisch bildhaften Sprache karg wirkt. Weil er nichts erklärt, nur beschreibt, dabei immer konzentriert bleibt auf den Jungen. So wird der Krieg auf Distanz gehalten, obwohl wir nicht näher dran sein könnten.
Der Glanzrappe ist alles andere ist als ein klassischer Adoleszenzroman, und doch stellt er mit der Geschichte von Robey Childs, der unter unfassbaren Bedingungen erwachsen wird, die zentralen Fragen dieser Gattung. »Wie lässt sich erklären, dass man das nicht verstehen kann, dass man nicht verstehen kann, dass es Dinge gibt, die nicht zu verstehen sind?« Und wie alle großen literarischen Texte, die von einem Coming of Age erzählen, gibt er keine Antworten darauf, weil es sie letztlich nicht gibt.
Robert Olmstead: Der Glanzrappe
Roman; aus dem Englischen von Jürgen Bauer und Edith Nerke; Eichborn/Die Andere Bibliothek, Frankfurt a. M. 2008; 260 S., 28,– €
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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