Gewinnbringende Objekte

Sabine Rückert: »In der Landesversickerungsanstalt«

Ein erschütternder Artikel.

Träger oder Durchführungsbeauftragter der Forensischen Psychiatrie Uchtspringe ist eine Salus GmbH. Das bedeutet, dass die Prinzipien einer normalen Kapitalgesellschaft gelten: Jeder Patient verwandelt sich mit Überschreiten der Schwelle dieser Institution in ein gewinnbringendes Objekt – er bringt täglich bis zu 400 Euro, aufgrund seines Ausgeliefertseins in der Regel lebenslang. Viele neue Patienten ermöglichen Salus die Errichtung eines neuen Hauses, also eine im Sinne der Gewinnmaximierung erwünschte Expansion. Jede Ausgabe für therapeutische Maßnahmen dagegen verringert den Gewinn. Vor allem aber: Jeder Entlassungsvorgang gefährdet das Geldvermögen der GmbH-Anteilseigner.

Für den beamteten Pfleger eines staatlichen Landeskrankenhauses bedeutet dagegen jeder durch gute therapeutische Betreuung ruhiger gewordene und jeder entlassene Patient eine Arbeitserleichterung.

Margrit Kischkat-Gaspar Psychologische Psychotherapeutin per E-Mail

Viele der Missstände in forensisch-psychiatrischen Krankenhäusern, auf die Frau Rückert zu Recht hinweist, haben mit den Straftätern wenig zu tun. Ein Grundproblem ist die im Artikel erwähnte Überbelegung. Allerdings greift die Einschätzung, dass allein der Druck der öffentlichen Meinung und die reißerische Berichterstattung zu länger dauernden Behandlungen führen, zu kurz. Der Druck der Öffentlichkeit wirkt sich auch auf die Behandlung selbst aus, die zunehmend aus Bestrafungen für jede noch so geringe Regelübertretung besteht. Bestehen Strafen dann noch daraus, erreichte Lockerungsstufen wieder rückgängig zu machen, verlängert sich automatisch die Behandlung.

Stichwort Prävention. Die vorliegenden Statistiken zeigen, dass 80 Prozent an Schizophrenie leidende Straftäter und eine ähnlich hohe Anzahl von suchtkranken Straftätern vor der Begehung von Straftaten bereits in allgemeinpsychiatrischer Behandlung gewesen waren. Eine konsequentere Identifizierung von Risikopatienten und eine enge Anbindung an das Helfersystem im Sinne einer Primärprävention könnten zumindest in diesem Bereich Straftaten verhindern.

Es mag sein, dass viele Patienten in Maßregelvollzugskliniken hospitalisiert sind, aber eine lange andauernde Behandlung führt fast unausweichlich zu diesem Effekt. Fraglich ist allerdings, ob Kliniken und Behörden insgesamt genug für die Resozialisierung und damit auch für das Aufheben der Hospitalisierung gegen Ende der Therapie tun. Gerade die Therapie von Patienten mit einer lange andauernden Prägung durch ein kriminogenes Milieu ist entgegen häufig geäußerten Ansichten keineswegs unmöglich, aber sie ist eben ein langwieriges Projekt, das eine Kontinuität vonseiten der behandelnden Therapeuten auch über die Zeit der Unterbringung hinweg im Sinne einer Sekundärprävention erfordert.

Dr. phil. Hedwig Eisenbarth Diplom-Psychologin, Regensburg

Die Öffentlichkeit wird diesmal nicht mit Schreckensmeldungen konfrontiert, die das Bild des gemeingefährlichen psychisch Kranken transportieren, wie es so häufig nicht nur in der Boulevardpresse üblich ist. Stattdessen wird nun die forensische Psychiatrie angeklagt, Patienten unendlich länger als notwendig hinter Gittern zu belassen und sich ihrer Verantwortung für diese Menschen in keiner Weise bewusst zu sein.

Es scheint kaum möglich zu sein, über den Maßregelvollzug zu berichten, ohne Emotionen schürende Tendenzen in die eine oder andere Richtung mit einzubringen. Der Klinik wird hier unterstellt, sie »torpediere verbissen alle Bemühungen« und schreibe ihre Gutachten »wütend« und »in feindseligem Ton«.

Grundsätzlich ist der forensischen Psychiatrie sehr daran gelegen, die Patienten in all ihren unterschiedlichen Facetten auch über die üblichen Schlagzeilen der Boulevardpresse hinaus beschrieben zu sehen. Enttäuschend ist die hier erfolgte Ersetzung des einen Feindbildes (psychisch kranker gemeingefährlicher Straftäter) durch ein anderes (die »totale Institution« Maßregelvollzug). Ganz ohne Feindbild geht es offenbar nicht.

»Die Öffentlichkeit« erfahre von »jedem einzelnen Patienten, sobald er eine neue Straftat begeht, aber nichts von den Hunderten, die zu Unrecht in den Anstalten sitzen«. Vor allem erfährt die Öffentlichkeit nichts über die Patienten, die im Maßregelvollzug ihre Therapie erfolgreich abschließen und deren Rückfallquote nach der Entlassung deutlich niedriger liegt, als dies im »normalen« Strafvollzug der Fall ist. Hierüber ZEITgemäß zu berichten ist die Redaktion herzlich eingeladen.

Wolfgang Willenberg Referat Öffentlichkeitsarbeit Landeskrankenhaus (AöR) Andernach

Margrit Kischkat-Gaspar

»Jede Ausgabe für therapeutische Maßnahmen verringert den Gewinn«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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