Hosen am Haken
Die Kleiderständer des Textildiscounters Kik sehen aus wie Hakenkreuze – jetzt ermittelt der Staatsschutz Von Anne hansen
Albersdorf/Hamburg
Der Widerstand gegen den Faschismus muss manchmal im Alltäglichen beginnen. Jens-Uwe Nickel hatte Hosen und Pullover kaufen wollen, als er im schleswig-holsteinischen Albersdorf zum ersten Mal einen Laden der Textilkette Kik betrat. Er fand dann aber vor allem eins – Hakenkreuze, genauer: Kleiderständer in Form von Hakenkreuzen. Sein 13-jähriger Sohn (»Der Junge nimmt gerade den Nationalsozialismus in der Schule durch«) hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. »Guck mal Papa, hier sind ja überall Hakenkreuze.« Nickel zählte schnell durch: neun an der Zahl. Unglaublich. Er verließ umgehend den Laden, für immer. Nickel kann sehr konsequent sein.
In einem Schreiben am nächsten Tag forderte er den Textildiscounter auf, die Kleiderständer zu entfernen. Kik bedankte sich für Nickels Interesse an dem Unternehmen und ließ mitteilen, dass die Hakenkreuze korrekt als »Winkelständer« angesprochen würden und zur »verbesserten Darstellung einzelner Sortimentsbausteine« dienten.
Kleine Recherche in Kik-Filialen – Hakenkreuze, überall. Wäre auch schlimm, wenn das nicht so wäre, sagt eine Pressesprecherin des Textildiscounters. Man wolle schließlich ein einheitliches Bild abgeben, das Hakenkreuz wäre demnach ein Teil der Corporate Identity. Wie sich herausstellt, ist der Winkelständer ein Erfolgsmodell – gestern in Deutschland, heute in der halben Welt. 2600 Kik-Filialen gibt es in Mitteleuropa, alle mit Winkelständern. Nach Deutschland wurde der Markt in Österreich erobert, Tschechien, Slowenien, Ungarn und die Slowakei folgten. All das sind Länder, in denen das Hakenkreuz den Älteren noch in lebhafter Erinnerung sein dürfte. Die Läden, sagt die Sprecherin ohne jede Ironie, sollen ja auch einen gewissen »Wiedererkennungswert« haben.
Im Internet tobt die Winkelständerdebatte seit Monaten, sehr zum Vergnügen der Online-Naziszene, wie man auf einschlägigen Seiten nachlesen kann. Die Ansichten der Kik-Geschäftsführung scheinen unter den Teilnehmern der Debatte mehrheitsfähig zu sein. Von Paranoia ist die Rede und davon, dass Mixer und Betonmischer, mit bösem Willen betrachtet, ebenfalls wie Hakenkreuze aussähen.
Mittlerweile aber ermittelt auch der Staatsschutz. Dieser Fall sei der Kurioseste, den er in seiner Amtszeit erlebt habe, sagt Uwe Keller, Sprecher des Landeskriminalamtes in Kiel. Aber »die Verwendung der Kleiderständer könnte durchaus ein Delikt sein, denn die Darstellung eines Hakenkreuzes ist nach dem Strafgesetzbuch verboten«.
Ortstermin in einer Kik-Filiale in Hamburg. »Ach, das sind doch nur unsere Winkelständer«, sagt ein Verkäufer ein wenig gelangweilt. Ja, er habe schon davon gehört, dass manche darin ein Hakenkreuz sähen. Kann er das nachvollziehen? »Nö, gar nicht.« Die Ständer seien einfach praktisch. »Gerade wenn man viel Langarm hat, bekommt man da viel mehr drauf als auf einen Rundständer.« Auch die Kunden würden am liebsten an einem Winkelständer einkaufen, hat er beobachtet. »Die wirken wahrscheinlich hochwertiger.« Wenn all die Winkelständer in einer Reihe ständen, sehe das außerdem so schön symmetrisch aus. Das mache was her.
Könnte man nicht wenigstens die Ständer so verändern, dass die Haken des Kreuzes nicht mehr nach rechts, sondern nach links abgewinkelt werden? »Um Himmels willen«, sagt der Verkäufer. Rechtshänder (»und das sind ja schließlich die meisten«) könnten sich nur bei einem nach rechts abgewinkelten Winkelständer die Kleidungsstücke geordnet ansehen. Bei einem nach links abgewinkelten Ständer sei das gar nicht möglich. »Um Himmels willen«, sagt der Verkäufer wieder.
Beim Hinausgehen ruft er den Besuchern noch hinterher: »Gucken Sie sich mal unser Maskottchen an, und gehen Sie in die Knie. Dann sieht das so aus, als ob es den Hitlergruß machen würde.« Schnell mal nachgeschaut: Stimmt. Der Verkäufer lacht.
Foto: DZ
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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