Gefallener HeldEinsame FrauGescheiterter »Gorilla« Verständnisloser VorstandVerachteter VisionärEine Bank gefällig?
Wertverluste der Aktien europäischer Kreditinstitute im Jahr 2008
Als der Schwabe Werner Schmidt (Foto) im Jahr 2001 als Vorstandschef der Bayerischen Landesbank antrat, krempelte er das Institut um: Personal wurde abgebaut, die österreichische Hypo Alpe Adria übernommen, lukrative Geschäftsfelder wuchsen. Im Jahr 2006 erwirtschaftete die BayernLB das beste Betriebsergebnis aller Zeiten, Schmidt wurde in München als Held gefeiert. Der Erfolg aber war – wie sich heute zeigt – auf Sand gebaut. Denn ein echtes Geschäftsmodell hatte das Institut nicht. Die hohen Renditen konnte Schmidt nur erwirtschaften, weil er die Tresore der BayernLB mit amerikanischen Immobilienpapieren und anderen riskanten Anlagen füllte – ganz so wie andere Landesbanken, die 2008 ebenfalls in heftige Turbulenzen gerieten. Es passt zur Misswirtschaft dieses Bankensektors, dass Schmidt im Februar nicht etwa wegen seiner falschen Strategie gehen musste, sondern wegen seiner verfehlten Kommunikationspolitik: Als die Bank ins Gerede kam, blieb der damalige Landesfinanzminister Erwin Huber (CSU) in Absprache mit Schmidt vage – kurz darauf rückte Schmidt mit Zahlen heraus und blamierte damit Huber. Inzwischen ist auch dieser nicht mehr im Amt, und Schmidts Löcher verblassen neben denen, die Nachfolger Michael Kemmer jüngst präsentierte: Zehn Milliarden Euro neues Kapital benötigt die BayernLB – zahlen will sie das Land allein. Noch ist Kemmer im Amt. mas
Ingrid Matthäus-Maier (Foto) bereiste gerade die russische Republik Tatarstan, als sie die Finanzkrise einholte. Das Telefon der KfW-Chefin klingelte, der Chef der Mittelstandsbank IKB war am Apparat. Es gebe da ein Problem, sagte er, man habe ihm den Kredit gesperrt. Das war im Juli 2007, und von da an lief fast alles schief. Immer neue Milliardenlöcher taten sich auf, die KfW half aus, ihr Anteil von 38 Prozent stieg drastisch in die Höhe, Panne reihte sich an Panne, Union und FDP attackierten die Sozialdemokratin. Im April 2008 warf Matthäus-Maier, eine der wenigen mächtigen Frauen in Frankfurts Finanzwelt, hin. Längst hatte sie sich da selbst mit Parteifreunden überworfen. Nicht einmal Bundesfinanzminister Peer Steinbrück weihte sie in ihre Rücktrittspläne ein.
Einst war »MM« angetreten, um die KfW zu ihrem Ursprung zurückführen: dem Fördergeschäft – Solarzellen, Entwicklungsprojekte, Mittelstandskredite. Die Fehler, über die sie am Ende stolperte, fielen in die Zeit ihres ehrgeizigen Vorgängers Hans Reich, der sich gerne als Großbanker feiern ließ und sich in der Expansion gefiel. Inzwischen gehört die IKB dem Finanzinvestor Lone Star. Und als läge ein Fluch auf der KfW, musste Matthäus-Maiers Nachfolger Ulrich Schröder im September, kaum angetreten, einräumen, dass die KfW 300 Millionen Euro an die US-Bank Lehman Brothers überwiesen hatte – am Tag ihrer Pleite. mas
Er sei der »bestgehasste Mann der Wall Street«, so das New York Magazine, das Richard »Dick« Fuld, einst CEO von Lehman Brothers, auf dem Cover mit Teufelshörnchen zeigt. CNN zählt Fuld zu den zehn meistgesuchten Verursachern der Finanzkrise. Tatsache ist: Mit der Pleite von Lehman im September wurde die Misere der Wall Street schlagartig zum globalen Debakel. Im Jahr 1969 war der heute 62-Jährige bei Lehman Brothers eingestiegen; seine große Stunde schlug 1994, als das Institut nach Jahren unter dem Dach von American Express wieder selbstständig wurde. Viele zählten Lehman an, doch Fuld kämpfte – und gewann. Noch 2007 machte die Bank mehr als 4 Milliarden Dollar Gewinn, Fuld erhielt geschätzte 45 Millionen Dollar. Fulds Eigenschaften, mit denen er aus einem zweitklassigen Haus eine erste Adresse gemacht hatte, trugen auch zu seinem Fall bei. Er schmähte kritische Analysten und Hedgefonds als böswillige Gerüchteköche. Selbst als das Ende absehbar war, hoffte Fuld, den Mitarbeiter »Gorilla« nannten, immer noch auf einen guten Deal und schlug alle Angebote aus. Bis zum Schluss hielt er Lehman-Aktien und verlor fast eine Milliarde Dollar. Noch heute rätselt er, warum der ehemalige Chef der Investmentbank Goldman Sachs und heutige US-Finanzminister, Henry Paulson, ausgerechnet Lehman Brothers fallen ließ. hbu
Nein, es war nicht das Jahr des Georg Funke. Als der Chef der Hypo Real Estate (HRE) im Januar entgegen früheren Statements den Wert amerikanischer Wertpapiere nach unten korrigierte, fiel die Aktie des Staats- und Immobilienfinanzierers um 35 Prozent – an einem Tag. Funke verstand die Aufregung nicht und kaufte demonstrativ 20000 Aktien des von ihm geführten Unternehmens.
Ende September, die Kapitalmärkte waren nach Lehmans Pleite ausgetrocknet, stand die Bank wegen Probleme in der Refinanzierung vor dem Aus. Spätestens damit hatte die Finanzkrise Deutschland erreicht. Auch weil die Aufsicht massiv davor warnte, eine der größten Banken der Republik in die Insolvenz gehen zu lassen, schnürten Bund und Banken ein 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket – nur um ein paar Tage später festzustellen, dass es zu klein war. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) und die Aufsicht zeigten sich erbost, doch wieder verstand Funke nicht gleich. Erst nach mehreren Tagen machte der 53-Jährige einem Nachfolger, Axel Wieandt, Platz. Dieser meldete später weitere Abschreibungen sowie die Anfrage von Hilfen beim Sonderfonds Soffin. Mitte vergangener Woche dann durchsuchte die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue und Marktmanipulation die Büros und Privaträume mehrerer Ex-HRE-Manager. sto
Über Jahre galt Sir Fred Goodwin als Visionär. Binnen kurzer Frist machte er aus einem kleinen Regionalinstitut, der Royal Bank of Scotland (RBS), eine der weltweit größten Banken. Er drängte aggressiv in den europäischen Markt, finanzierte zahllose Milliardendeals von Finanzinvestoren und kaufte 2007 nach einem spektakulären Bieterstreit Teile des niederländischen Konkurrenten ABN Amro. Doch die Finanzierung geriet in Probleme, die Bank an der Börse unter Druck, das Eigenkapital schwand. Im Oktober erhielt die RBS eine Finanzspritze in zweistelliger Milliardenhöhe – vom britischen Staat, dessen Rettungspaket mehreren Instituten zugutekam und unter den Paketen, die in jenen Wochen von Regierungen weltweit beschlossen wurden, als drastischstes gilt.
Goodwin, der sich mit Entlassungen und hartem Durchgreifen den Spitznamen Fred the Shred – »Fred, der Reißwolf« – erworben hatte, geriet selbst unter die Räder und musste zurücktreten. Der 50-Jährige gab sich zerknirscht und traurig, doch nun galt er als Mann der Hybris. Heute gehören knapp 58 Prozent der 281 Jahre alten Bank dem Staat, die Strategie der Zentrale in Edinburgh wird in London geprägt. Es ist jetzt an Nachfolger Stephen Hester, die schnell gewachsene Bank wieder auf ein kleineres und vor allem stabiles Maß zurückzustutzen. sto
Sei es die Zahl aller geschassten Banker, die Summe aller Abschreibungen oder aller staatlichen Rettungspakete: Die Misere der Banken 2008 ließe sich im Rückblick an vielen Daten zeigen. Für die Banker selbst zählt (abgesehen von den Boni) der Aktienkurs, und auch der ist – ein Grauen. Die Verluste sind dramatisch, in ganz Europa, ob der Staat einsprang (Fortis) oder nicht (Deutsche Bank). Deutschlands Primus ist gerade 14 Milliarden Euro wert, die Postbank gar nur 2 Milliarden Euro. Société Générale, jene Bank, der Händler Jérôme Kerviel einen speziellen Milliardenverlust bescherte, steht mit minus 63 Prozent noch gut da. sto
Märkte: Der bankenrückblick
Foto (Ausschnitt): Thomas Lohnes/ddp Foto: Oliver Bodmer
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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