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Der Begriff »defensives Fahren« muss für Amerika erfunden worden sein. Zwar beherrscht hier kaum jemand diese Regel, doch als umsichtiger Europäer mit Dutzenden teuer bezahlter Fahrstunden versucht man ständig, die Fehler anderer Verkehrsteilnehmer zu antizipieren. Defensives Fahren ist eine Überlebensstrategie. Denn stressgeplagte Amerikaner verrichten hinterm Steuer vielfältige Aufgaben. Die eine Hand ist ständig am Handy oder tippt eine Nachricht in das Blackberry-Telefon, die andere zieht mit einem Stift die Lippen nach oder rasiert die Bartstoppeln. Fürs Lenken ist da kein Finger frei, das müssen die Knie erledigen – und denen fällt es mitunter schwer, die Spur zu halten. Derzeit versucht der Korrespondent, seine 16-jährige Tochter in die Technik defensiven Fahrens einzuweisen. In Amerika nämlich wird die Fahrschule den Eltern überlassen. So jagt der Vater seine Tochter nächtens und sonntags über Schulparkplätze und mittlerweile auch tagsüber durch belebte Straßen. Ein ziemlich nervenaufreibendes Unterfangen: Dem Vater stehen auf der Beifahrerseite keine Notpedale zur Verfügung, nicht einmal eine Handbremse, denn das amerikanische Auto hat nur eine Fuß(hand)bremse, ganz links außen. Die Vater-Tochter-Beziehung wird ziemlich auf die Probe gestellt. Wahrscheinlich ist das der tiefere Sinn: Eltern lernen Vertrauen in ihre Kinder – und umgekehrt.
Ich habe dieses Jahr eine Weihnachts-Mail aus Basra bekommen, wo mein Studienkumpel Joe als Hauptmann der britischen Infanterie im Einsatz ist und die irakische Armee trainiert. Joe gibt einen kleinen Einblick in das Leben an der Front und die Einstellung eines einfachen Soldaten: »Anfang der Woche war Gordon Brown hier, im dunklen Anzug, mitten in der Wüste, und hat offiziell verkündet, was wir natürlich schon längst wussten: Bis Ende Mai soll unsere Operation hier abgewickelt werden. Gut so, die Ausbildung der Iraker hat sich gut eingespielt, und wir haben wirklich enorme Fortschritte erzielt. Zwar bewegen wir uns von unserem Camp außerhalb der Stadt kaum weg, aber Basra ist nicht mehr im Kriegszustand. Die Stromversorgung klappt einigermaßen, und drei Viertel der Zivilbevölkerung haben sauberes Trinkwasser. Vor einigen Wochen haben wir für die Kinder aus der Umgebung Aladin und die Wunderlampe als eine Art Weihnachtsmärchen inszeniert. Es war vielleicht eine der besten Aktionen, an denen ich hier beteiligt war, um die Herzen der Iraker zu gewinnen. Das Publikum hat getobt. In unseren Unterkünften haben wir uns so weihnachtlich eingerichtet, wie das möglich ist. Kleine blinkende Weihnachtsbäume aus Plastik und Weihnachtslieder ohne Ende. Für den Weihnachtstag steht Truthahn auf dem Speiseplan und Stilton Käse soll es auch geben, nicht schlecht. Fehlt nur der Portwein, aber auf den müssen wir warten, bis wir nach Hause kommen.«
Eines Tages bekommen wir westlichen Menschen richtig Probleme, weil – oh, Pardon, lieber Leser, mein Handy klingelt. Hallo? Ja? Nein, gerade schlecht, ich schreibe. Ja, ich rufe zurück. Tschüss! – Entschuldigung. Was wollte ich sagen? Ah ja, weil niemand mehr richtig irgendwo ist. Im Sinne von: bei der Sache ist. Egal, wo, egal, wer es ist, der etwas Wichtiges mitzuteilen hat, irgendwer im Publikum wird garantiert angerufen, von einem, der garantiert etwas Unwichtigeres mitzuteilen hat. Schamgrenzen gibt es nicht mehr. Neulich, Hintergrundgespräch bei der Kanzlerin. Im Laufe der relativ intimen Veranstaltung klingeln hintereinander bei mehreren Kollegen die Mobiltelefone. Statt rot anzulaufen und die Aus-Taste zu drücken, gehen sie ran. Und zwar nur, um zu sagen, was auch der Anrufbeantworter gesagt hätten: »Nein, geht gerade nicht.« Oder: »Sorry du, ich rufe später zurück.« Wenig später, ein Arbeitsessen mit afghanischen Politikern. Die Weitgereisten berichten Spannendes vom Hindukusch, als es bei einer Zuhörerin klingelt. Völlig selbstverständlich beginnt sie, an der Tischkante ein längeres Gespräch zu führen – mit muschelartig vorgeschobener Hand zwar, doch unüberhörbar. Die Restgruppe antwortet auf diese Respektlosigkeiten jedes Mal mit dem typischen Restgruppenverhalten: kollektiver Unverantwortlichkeit. Soll sich doch ein anderer aufregen, denkt ein jeder. Aber jetzt ist Schluss. Wenn es sonst keiner tut, dann rege ich – oh, Pardon. Hallo? Was? Im Ernst? Nein! Erzähl mal!
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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