Was ist der Mensch? Abstimmung mit den Füßen
Migranten bringen den gesellschaftlichen Fortschritt stärker voran als Konflikte und Eroberungen, glauben Peter J. Richerson und Robert Boyd
Alle Gesellschaften verändern sich im Lauf der Zeit. Doch welchen Gesetzen folgt der Wandel von Zivilisationen?
In der kulturellen Evolutionswissenschaft wird erst seit Kurzem eine Idee untersucht, die eigentlich auf der Hand liegt: Migration hat einen tief greifenden Einfluss auf die kulturelle Entwicklung von Gesellschaften, denn sie ist selektiv. Menschen schließen sich anderen Gesellschaften an, die ihnen eine reizvollere Lebensweise bieten. Man muss erwarten, dass dieser Prozess die Verbreitung von wirtschaftlicher Effizienz, sozialer Ordnung und Gleichberechtigung vorantreibt.
Wenn einzelne Menschen sich selektiv für bestimmte Überzeugungen entscheiden, bestimmt die Art dieser Überzeugung, wie erfolgreich sie an andere Mitmenschen weitergegeben wird. Theoretische Überlegungen und eine Vielzahl empirischer Daten haben gezeigt, dass individuelle Präferenzen eine ganze Reihe von Überzeugungen und Institutionen der Gesellschaft festigen können.
Viele Forscher haben untersucht, was passiert, wenn militärisch oder ökonomisch überlegene Gesellschaften auf Kosten von schwächeren expandieren – etwa bei der weltweiten Verbreitung europäischer Konzepte und Einrichtungen während der Kolonialisierung. Doch erst wenige Evolutionswissenschaftler haben sich mit der Tatsache befasst, dass Menschen aus armen, chaotischen oder ungerechten Gesellschaften sich dorthin bewegen, wo Wohlstand, Ordnung und Gerechtigkeit herrschen.
Solche Wanderungsbewegungen großer Gruppen sind heute noch in vielen Teilen der industrialisierten Welt zu beobachten. Menschen migrieren, um ihr persönliches Los zu verbessern. Obwohl ihre Ziele und Erwartungen sich unterscheiden, geben die meisten Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und Gleichberechtigung den Vorzug vor Armut, Gefahr, Krankheit und Ungerechtigkeit.
Wenn Einwanderer sich nur an den sozialen und materiellen Segnungen ihres Gastlands bereichern würden, gäbe es keine kulturelle Evolution. Aber Immigranten und ihre Nachkommen eignen sich stets einige der Überzeugungen und Organisationsformen an, die ihre neue Heimat zu einem besseren Ort machen. Diese Integration verstärkt die Ausbreitung von Konzepten und Institutionen, die Ordnung, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Effizienz fördern.
Wir sind daher fest davon überzeugt, dass Immigration die kulturelle Evolution stärker vorantreibt als Eroberungen. Migrationsbewegungen sind für die Gastländer von großer Bedeutung. Etwa elf Prozent der US-Bevölkerung sind Menschen, die im Ausland geboren wurden, die meisten davon in Lateinamerika und in Asien. Dieser Anteil entspricht ziemlich genau dem historischen Durchschnitt. Europäische Länder wie Schweden, Norwegen und Deutschland haben mit ihrer Bevölkerung früher große Ströme von Immigranten gespeist, die sich in die USA und in andere Länder ergossen. Inzwischen nehmen sie nicht nur Menschen aus den ärmeren europäischen Ländern auf, sondern auch aus Asien und Afrika.
In den siebziger Jahren beschrieb der Anthropologe Bruce Knauft zwei benachbarte Dorfgemeinschaften in Neuguinea, die Gebusi und die Bedamini. Die bei den Gebusi vorherrschende destruktive Praxis von Hexenprozessen und Exekutionen führte dazu, dass diese Freundschaften oder Heiratsverbindungen nutzten, um sich der besser funktionierenden Gesellschaft der Bedamini anzuschließen. Ethnografen haben viele ähnliche Fälle dokumentiert.
Entsprechend haben wohl viele frühere Großreiche ihr Wachstum den Grenzvölkern zu verdanken, die sich assimilierten. Eroberungsfreudige Eliten wie die Mongolen in China, die Moguln in Indien und die Goten in Rom passten sich in aller Regel eher ihren höchst erfolgreichen Gastkulturen an als andersherum. Jedes dieser beständigen Systeme verfügte über Institutionen, die bis in die Gegenwart überdauert haben: der leistungsabhängige Beamtenapparat des Konfuzianismus, das selbstverwaltende Kastensystem des Hinduismus oder das römische Recht.
Diese Beispiele stützen die These, dass Immigrantengesellschaften über Konzepte und Institutionen verfügen, die sie reicher und weniger gewalttätig und ausbeuterisch machen als die Länder, aus denen die Migrantenströme sich speisen. Die Goten flohen das Chaos der Steppe. Die Bewegung des Christentums mit ihrer Sorge um die Armen und Niedrigen wuchs vor allem durch den Zulauf freiwilliger Konvertiten an, bis sie schließlich zur römischen Staatsreligion wurde. Der konfuzianische Humanismus wurde mit seinen guten Regierungskonzepten zum Rückgrat der chinesischen Gesellschaft; er ersetzte eine verbrecherische und zänkische Elite. Die Toleranz der Hindus und ihr produktiver Umgang mit kultureller Diversität mündeten im Mittelalter in eine der wohlhabendsten Gesellschaften der Welt. Der mittelalterliche Islam zog weltweit Konvertiten an, von Nordafrika bis Südostasien, weil er effektive Staatskunst, intellektuellen Fortschritt und großflächigen Handel unterstützte.
Dschingis Khans Einfluss hielt weniger lange an als der von Jesus oder Buddha
Diese Denkweise verändert unsere Sicht auf die Auswirkungen von Konflikten zwischen Gesellschaften. Wenn man nur die militärische Seite betrachtet, könnte man annehmen, dass Gesellschaften ihre Mitglieder gut behandeln, Außenseiter dagegen anfeinden sollten. Es mag vorkommen, dass mächtige Gesellschaften die unterlegenen Völker bloß ausbeuten. Berücksichtigt man aber die positiven Effekte von Assimilierung, sehen die Zukunftsaussichten für erobernde Reiche sehr düster aus, solange sie sich nicht um Immigration und Integration bemühen.
Gesellschaften, in denen Ordnung und wirtschaftliche Effizienz herrschen, werden dagegen weiter wachsen, selbst wenn am Anfang der Entwicklung eine Eroberung steht – einfach deshalb, weil Menschen sich zu ihnen hingezogen fühlen. Alexander der Große und Dschingis Khan waren erfolgreiche Eroberer, aber ihr Einfluss auf die Welt hielt weniger lange an als der von Mohammed, Buddha, Jesus Christus und den Herrschern, die sich von ihnen inspirieren ließen. Das Regierungssystem, das Konfuzius sich ausmalte und das die Kaiser der Han-Dynastie Jahrhunderte nach seinem Tod installierten, war der entscheidende Antrieb für die Assimilierung der südchinesischen Völker. Die Revolutionäre der Vereinigten Staaten und die Reformer des Commonwealth haben Gesellschaften errichtet, die sich als äußerst anziehend für Neuankömmlinge erwiesen.
Solange sie ihre Wahl mit dem Herzen und mit den Füßen treffen, werden Immigranten den sozialen Wandel stärker vorantreiben als jede Armee.
Viele Disziplinen fragen heute nach dem Wesen des Homo sapiens: Die Biologie ebenso wie die Anthropologie oder die Ökonomie. Doch viel zu selten findet das Gespräch zwischen den Disziplinen statt. Um solche Debatten zu befeuern und den aktuellen Stand des Wissens aufzuzeigen, hat das britische Wissenschaftsjournal Nature eine Serie von Essays in Auftrag gegeben, die zentrale Aspekte des Menschseins aus wissenschaftlicher Sicht beleuchten. Wir dokumentieren drei dieser Aufsätze – zu den Themen Konflikt, Migration und Religion.
Aus dem Englischen von Josephina Maier
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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