Ist Religion ein Produkt unserer Evolution? Schon bei der Frage zucken viele Menschen zusammen – allerdings aus verschiedenen Gründen. Religiöse fürchten, dass es ihren Glauben untergrabe, wenn man die Prozesse dahinter verstünde. Andere haben Sorge, dass Religiosität automatisch als gut, wahr, notwendig oder unabwendbar interpretiert wird, sobald man sie als Teil unseres evolutionären Erbes betrachtet. Wieder andere, unter ihnen viele Wissenschaftler, mögen sich nicht mit dem Thema befassen, weil sie Religion als kindischen, gefährlichen Unsinn betrachten.

Diese Reaktionen erschweren unsere Ermittlung: Wie und warum durchdringt religiöses Denken praktisch jede menschliche Gesellschaft? Ein Verständnis dafür ist wichtig, besonders angesichts des aktuellen religiösen Fundamentalismus. Wenn wir fragen, ob Religion eine Auswirkung der Funktionen des Gehirns ist, können wir auch feststellen, welche Arten von Religion naturgemäß zum menschlichen Geist gehören. Wir können die gemeinsamen Annahmen betrachten, auf die sich alle Religionen stützen, und den Zusammenhang zwischen Religion und ethnischen Konflikten untersuchen. Am Ende können wir eine Vermutung über die realistischen Aussichten für den Atheismus wagen.

Die evolutionäre und kognitive Religionsforschung versucht nicht, das Gottesgen zu finden. Sie entwirft auch keine evolutionären Szenarien, die zur Religion geführt haben könnten, wie wir sie heute kennen. Die Religionsforscher tun etwas Besseres: Sie legen prüfbare Voraussagen vor. Ihnen zufolge sind religiöses Denken und Verhalten als natürliche menschliche Fähigkeiten zu betrachten, genau wie Musik, politische Systeme, Familienbeziehungen oder ethnische Koalitionen. Die Ergebnisse der kognitiven Psychologie, der Neurowissenschaften, der Anthropologie und der Archäologie versprechen unsere Sicht der Religion zu verändern.

Götter sind zwar allmächtig – aber für viele Gläubige doch recht menschlich

Ein wichtiger Befund ist, dass Menschen sich nur eines Teils ihrer religiösen Gedanken bewusst sind. Sie können zwar ihren Glauben beschreiben: »Es gibt einen allmächtigen Gott, der die Welt erschaffen hat«, oder: »Im Wald verstecken sich Geister.« Die Kognitionspsychologie zeigt allerdings, dass solche expliziten Glaubensäußerungen stets von einer Heerschar stillschweigender Annahmen begleitet sind, die der bewussten Einsicht im Normalfall nicht zugänglich sind.

Experimente belegen, dass die meisten Menschen – völlig unabhängig von ihrem jeweiligen Glauben – ihren Göttern stets äußerst menschliche Eigenschaften zuschreiben. Wenn man zum Beispiel Versuchspersonen eine Geschichte erzählt, in der ein Gott mehrere Probleme gleichzeitig löst, finden sie diese Vorstellung plausibel – immerhin werden Götter üblicherweise als allmächtig beschrieben. Wenn die Probanden sich aber einen Moment später an die Geschichte erinnern sollen, sagen die meisten, der Gott habe sich zunächst um ein Problem gekümmert und seine Aufmerksamkeit danach dem nächsten zugewandt. Unbewusst und im Widerspruch zu ihrem expliziten Glauben erwarten die Menschen also, dass der Verstand ihres jeweiligen Gottes arbeite wie der menschliche; mit den gleichen Prozessen der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Motivation.

Solche stillschweigenden Annahmen sind in verschiedenen Kulturen ausgesprochen ähnlich – anders als bewusste Glaubensvorstellungen, die von einer Tradition zur nächsten stark abweichen können. Die Ursache dieser Übereinstimmung könnte in den Eigentümlichkeiten des menschlichen Gedächtnisses liegen. Versuche zeigen nämlich auch, dass Menschen sich insbesondere solche Erzählungen merken können, in denen kontraintuitive physische Leistungen mit plausiblen psychologischen Fähigkeiten kombiniert werden; wenn eine Figur zum Beispiel durch Wände gehen kann und zugleich menschlich denkt und fühlt, erinnert man sich daran besonders gut. Vielleicht beruht der kulturelle Erfolg von Göttern und Geistern auf dieser Voreingenommenheit unseres Erinnerungsvermögens.