Was ist der Mensch? Das Hirn, dein Gott

Glaube ist eine natürliche Eigenschaft des Menschen. Unsere soziale Intelligenz macht uns für die Religion empfänglich, sagt Pascal Boyer

Ist Religion ein Produkt unserer Evolution? Schon bei der Frage zucken viele Menschen zusammen – allerdings aus verschiedenen Gründen. Religiöse fürchten, dass es ihren Glauben untergrabe, wenn man die Prozesse dahinter verstünde. Andere haben Sorge, dass Religiosität automatisch als gut, wahr, notwendig oder unabwendbar interpretiert wird, sobald man sie als Teil unseres evolutionären Erbes betrachtet. Wieder andere, unter ihnen viele Wissenschaftler, mögen sich nicht mit dem Thema befassen, weil sie Religion als kindischen, gefährlichen Unsinn betrachten.

Diese Reaktionen erschweren unsere Ermittlung: Wie und warum durchdringt religiöses Denken praktisch jede menschliche Gesellschaft? Ein Verständnis dafür ist wichtig, besonders angesichts des aktuellen religiösen Fundamentalismus. Wenn wir fragen, ob Religion eine Auswirkung der Funktionen des Gehirns ist, können wir auch feststellen, welche Arten von Religion naturgemäß zum menschlichen Geist gehören. Wir können die gemeinsamen Annahmen betrachten, auf die sich alle Religionen stützen, und den Zusammenhang zwischen Religion und ethnischen Konflikten untersuchen. Am Ende können wir eine Vermutung über die realistischen Aussichten für den Atheismus wagen.

Die evolutionäre und kognitive Religionsforschung versucht nicht, das Gottesgen zu finden. Sie entwirft auch keine evolutionären Szenarien, die zur Religion geführt haben könnten, wie wir sie heute kennen. Die Religionsforscher tun etwas Besseres: Sie legen prüfbare Voraussagen vor. Ihnen zufolge sind religiöses Denken und Verhalten als natürliche menschliche Fähigkeiten zu betrachten, genau wie Musik, politische Systeme, Familienbeziehungen oder ethnische Koalitionen. Die Ergebnisse der kognitiven Psychologie, der Neurowissenschaften, der Anthropologie und der Archäologie versprechen unsere Sicht der Religion zu verändern.

Götter sind zwar allmächtig – aber für viele Gläubige doch recht menschlich

Ein wichtiger Befund ist, dass Menschen sich nur eines Teils ihrer religiösen Gedanken bewusst sind. Sie können zwar ihren Glauben beschreiben: »Es gibt einen allmächtigen Gott, der die Welt erschaffen hat«, oder: »Im Wald verstecken sich Geister.« Die Kognitionspsychologie zeigt allerdings, dass solche expliziten Glaubensäußerungen stets von einer Heerschar stillschweigender Annahmen begleitet sind, die der bewussten Einsicht im Normalfall nicht zugänglich sind.

Experimente belegen, dass die meisten Menschen – völlig unabhängig von ihrem jeweiligen Glauben – ihren Göttern stets äußerst menschliche Eigenschaften zuschreiben. Wenn man zum Beispiel Versuchspersonen eine Geschichte erzählt, in der ein Gott mehrere Probleme gleichzeitig löst, finden sie diese Vorstellung plausibel – immerhin werden Götter üblicherweise als allmächtig beschrieben. Wenn die Probanden sich aber einen Moment später an die Geschichte erinnern sollen, sagen die meisten, der Gott habe sich zunächst um ein Problem gekümmert und seine Aufmerksamkeit danach dem nächsten zugewandt. Unbewusst und im Widerspruch zu ihrem expliziten Glauben erwarten die Menschen also, dass der Verstand ihres jeweiligen Gottes arbeite wie der menschliche; mit den gleichen Prozessen der Wahrnehmung, der Erinnerung und der Motivation.

Solche stillschweigenden Annahmen sind in verschiedenen Kulturen ausgesprochen ähnlich – anders als bewusste Glaubensvorstellungen, die von einer Tradition zur nächsten stark abweichen können. Die Ursache dieser Übereinstimmung könnte in den Eigentümlichkeiten des menschlichen Gedächtnisses liegen. Versuche zeigen nämlich auch, dass Menschen sich insbesondere solche Erzählungen merken können, in denen kontraintuitive physische Leistungen mit plausiblen psychologischen Fähigkeiten kombiniert werden; wenn eine Figur zum Beispiel durch Wände gehen kann und zugleich menschlich denkt und fühlt, erinnert man sich daran besonders gut. Vielleicht beruht der kulturelle Erfolg von Göttern und Geistern auf dieser Voreingenommenheit unseres Erinnerungsvermögens.

Gläubige und Zwangsneurotiker neigen zu ritualisiertem Verhalten

Menschen neigen grundsätzlich dazu, soziale Kontakte zu solchen nichtphysischen Wesen zu pflegen. Und im Gegensatz zu Tieren können wir Beziehungen zu Artgenossen unterhalten, die nicht körperlich präsent sind. Das ist aber noch nicht alles. Von frühester Kindheit an pflegen Menschen dauerhafte und wichtige Beziehungen zu fiktionalen Charakteren: zu eingebildeten Freunden, Fantasiepartnern, verstorbenen Verwandten und unsichtbaren Helden. Tatsächlich dürfte das ständige Üben mit abwesenden Partnern die außerordentlichen sozialen Fähigkeiten des Menschen sehr verbessert haben.

Von dieser Fähigkeit, zu nicht Anwesenden eine Beziehung unterhalten zu können, führt nur ein kleiner Schritt zum Entwurf von Geistern und Göttern, die zwar weder sichtbar noch fühlbar sind, im Sozialleben des Menschen aber dennoch eine Rolle spielen. Das könnte auch erklären, weshalb in den meisten Kulturen einige dieser übermenschlichen Wesen auch moralische Interessen vertreten. In den Augen der Gläubigen haben oft nur diese Wesen vollen Zugang zu allen moralisch relevanten Handlungen. »Gott weiß, dass ich Geld gestohlen habe«, ist ein sehr natürlicher Gedanke, wie Experimente zeigen; »Gott weiß, dass ich zum Frühstück Haferbrei gegessen habe«, dagegen eher nicht.

Auch religiöse Rituale lassen sich anhand neurophysiologischer Ergebnisse besser erklären. Solche Verhaltensweisen sind oft stereotype, hochrepetitive Aktionen, zu denen sich die Teilnehmer verpflichtet fühlen – zum Beispiel, sich dreimal auf die Brust zu schlagen und dabei eine festgelegte Formel zu wiederholen –, selbst wenn die Handlungen nicht zu klaren Resultaten führen. Derart ritualisiertes Verhalten ist auch bei Patienten zu beobachten, die unter Zwangsneurosen leiden – und im Tagesablauf von kleinen Kindern. Solche Rituale sind normalerweise verbunden mit Vorstellungen von Beschmutzung und Reinigung, Gefahr und Schutz oder dem Verlangen, eine sichere und geordnete Umgebung zu schaffen. Oft erfordern sie die Verwendung von bestimmten Farben und Zahlen.

Wir wissen inzwischen, dass das menschliche Gehirn über eine ganze Reihe von Schutz- und Sicherheitsmechanismen verfügt, die uns vor möglichen Gefahren wie Raubtieren oder Vergiftung bewahren. Diese neuronalen Netzwerke veranlassen spezifische Verhaltensweisen, zum Beispiel Waschen oder automatisches Absuchen der Umgebung. Wenn diese Systeme übersteuert sind, lösen sie pathologische Zwangsneurosen aus. Religiöse Aussagen über Reinheit, Verschmutzung oder die versteckte Gefahr lauernder Teufel könnten diese Netzwerke aktivieren und dazu führen, dass Menschen sich von rituellen Vorsichtsmaßnahmen intuitiv angesprochen fühlen.

Zu guter Letzt deuten Studien in der Evolutions- und Sozialpsychologie darauf hin, dass Menschen eine spezifische Fähigkeit zur Koalitionsbildung haben. Wir können mit nichtverwandten Individuen stabile Bündnisse unterhalten, die auf gegenseitigem Vertrauen beruhen. Wir können die Vertrauenswürdigkeit von anderen abschätzen und Signale der Verbindlichkeit aussenden, die äußerst schwer zu fälschen sind. Diese Begabung hängt mit der Dynamik von öffentlichen Religionsbekenntnissen eng zusammen. Tut jemand seine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben kund, billigt er damit Thesen, für die es keinen Beweis gibt. Andere religiöse Gruppen würden diese Aussagen als offensichtlich falsch oder sogar lächerlich bewerten. Diese Tatsache zeigt, dass Menschen bereit sind, sich die besonderen Normen einer Gruppe zu eigen zu machen – und zwar einzig und allein aus dem Grund, dass es sich dabei um die Normen dieser Gruppe handelt.

Ist Religion also eine Anpassung oder ein Nebenprodukt der Evolution? Möglicherweise werden wir eines Tages überzeugende Beweise dafür finden, dass die Fähigkeit zu religiösem Denken – nicht die »Religion« in ihrer modernen Form als sozioökonomische Institution – unseren Vorfahren einen Vorteil verschafft hat. In der Zwischenzeit stützen die Daten eine bescheidenere Schlussfolgerung: Religiöses Denken scheint zu unserer kognitiven Standardausstattung zu gehören.

Religiöse Konzepte und Praktiken sprechen unsere kognitiven Ressourcen an, genau wie Musik, Malerei, Kochen, Politik oder Mode. Religion bietet etwas, was Psychologen einen Superstimulus nennen würden. Ähnlich wie visuelle Kunst oft symmetrischer und farbenfroher als die Natur ist, sind religiöse Charaktere stark vereinfachte Versionen von menschlichen Charakteren und religiöse Rituale hochstilisierte Versionen von Sicherheitsvorkehrungen. Zudem erleichtern religiöse Konzepte das Sozialverhalten. Wer sich einen bizarren oder zumindest weit hergeholten Glauben zu eigen macht, gibt ein umso glaubhafteres Bekenntnis zu einer Gruppe ab.

Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, den einen Ursprung von religiösem Glauben lokalisieren zu wollen. Es gibt im menschlichen Gehirn keine Domäne für Religion. Verschiedene kognitive Systeme verarbeiten Repräsentationen von übernatürlichen Wesen, rituellem Verhalten oder Gruppenzugehörigkeit, so wie verschiedene Teile des visuellen Systems Farbe, Form und Kontrast verarbeiten. In anderen Worten: Was ein Gotteskonzept überzeugend wirken lässt, macht ein Ritual noch lange nicht intuitiv ansprechend oder eine moralische Norm selbsterklärend. Die meisten modernen Religionen präsentieren sich zwar als Komplettpaket, das alle diese Elemente (Rituale, Moral, Metaphysik, soziale Identität) in eine konsistente Doktrin integriert. Das ist aber nichts anderes als gutes Marketing. Die einzelnen Teilgebiete bleiben im menschlichen Verstand getrennt. Experimentelle Daten belegen, dass unser Gehirn kein einzelnes Glaubensnetzwerk hat, sondern dass Myriaden verschiedener Netze dazu beitragen, religiöse Thesen den meisten Menschen naheliegend erscheinen zu lassen.

Religiöses Denken scheint für uns der Weg des geringsten Widerstands zu sein

Die Erkenntnisse dieser kognitiv-evolutionären Forschung stellen zwei Grundsätze der meisten etablierten Religionen infrage. Zum einen die Auffassung, dass der eigene Glauben sich von allen anderen Glaubensrichtungen unterscheidet; zum anderen die Vorstellung, dass eine Religion nur aufgrund außerordentlicher Ereignisse oder tatsächlich existenter übernatürlicher Wesen entsteht. Im Gegenteil: Wir wissen, dass alle Formen der Religion auf sehr ähnlichen stillschweigenden Annahmen beruhen. Und um sich ein übernatürliches Wesen vorzustellen, braucht es nichts weiter als einen menschlichen Verstand, der auf höchst natürliche Art und Weise Information verarbeitet.

Dieses Wissen wird den Glauben sicher nicht untergraben. Formen von religiösem Denken scheinen für unsere kognitiven Systeme den Weg des geringsten Widerstandes darzustellen. Im Gegensatz dazu ist Unglauben in der Regel das Ergebnis bewussten, mühevollen Ankämpfens gegen unsere natürlichen kognitiven Dispositionen – und damit wohl kaum eine leicht zu verbreitende Ideologie.

Viele Disziplinen fragen heute nach dem Wesen des Homo sapiens: Die Biologie ebenso wie die Anthropologie oder die Ökonomie. Doch viel zu selten findet das Gespräch zwischen den Disziplinen statt. Um solche Debatten zu befeuern und den aktuellen Stand des Wissens aufzuzeigen, hat das britische Wissenschaftsjournal Nature eine Serie von Essays in Auftrag gegeben, die zentrale Aspekte des Menschseins aus wissenschaftlicher Sicht beleuchten. Wir dokumentieren drei dieser Aufsätze – zu den Themen Konflikt, Migration und Religion.

Aus dem Englischen von Josephina Maier

 
Leser-Kommentare
    • Lodda
    • 31.12.2008 um 18:04 Uhr

    "Dieses Wissen wird den Glauben sicher nicht untergraben. Formen von religiösem Denken scheinen für unsere kognitiven Systeme den Weg des geringsten Widerstandes darzustellen. Im Gegensatz dazu ist Unglauben in der Regel das Ergebnis bewussten, mühevollen Ankämpfens gegen unsere natürlichen kognitiven Dispositionen – und damit wohl kaum eine leicht zu verbreitende Ideologie."

    Und schon wieder die alte Leier: Menschen, die glauben (an was auch immer), sind naive Einfaltspinsel, die den Weg des geringsten Widerstandes wählen. Die sogenannten Atheisten hingegen sind diejenigen, die unter enormem Kraftaufwand gegen den Strom der verblendeten Mitläufer anschwimmen. Hier wird also Atheismus mit Ehrenhaftigkeit und Tugend gleichgesetzt, Glauben im Gegensatz dazu als ein Erliegen unter die evolutionären Dispositionen. Der Übermensch glaubt nicht, so die hier unterstellte Aussage, weil er sich über seine kognitive Apparatur erhebt und sich deren blinder Gewalt in den Weg stellt. Ein Hoch auf die Atheisten also?

    Wenn man bedenkt, dass der sogenannte "Atheismus" spätestens seit Richard Dawkins heute zum Standardgepäck der intellektuellen Mittelschicht gerechnet werden darf, sehe ich nicht, inwiefern hier nicht auch von einer Ideologie gesprochen werden sollte. Eine Ideologie, die eine prinzipielle Ablehnung gegen jede Form der Spiritualität predigt, obwohl sie selbst auf die existentiellen Fragen des Menschseins keine abschließenden Antworten geben kann. Was ist der Mensch? Wie sollen wir handeln? Was ist ein gutes Leben? Was ist Gerechtigkeit? Dazu haben die selbsternannten Atheisten in der Regel nicht viel zu sagen. Sie belächeln lieber selbstgefällig all jene, die sich der Gewalt der Ungewissheit stellen und bereit sind, über den Tellerrand des Positivismus hinaus die Tatsache zu akzeptieren, dass die vorangehend gestellten Fragen keine singulären, formelhaften, wissenschaftlich-objektiven Antworten zulassen.

    Damit eins klar ist: Zwischen einem persönlichen Glauben und dessen institutionalisierter Form besteht natürlich ein gewaltiger Unterschied. Ich will also weder missionarisch auftreten, noch einem religiösen Imperialismus das Wort reden. Nur sollten sich die häufig so selbstgefälligen "Atheisten" doch einmal überlegen, ob es nicht besser wäre, auf die Pappkameraden zu verzichten, über die sich Leute wie Dawkins und Co. dauernd auslassen. Gott ist kein alter Mann mit Bart? Ja, das ist natürlich eine pfiffige Neuigkeit (für einige mag sie das tatsächlich sein). Aus Gottesfurcht anderen Menschen schaden ist schlecht? Eine weitere tiefschürfende Erkenntnis. Thor ist ebenso gut oder schlecht wie Allah und der Liebe Gott? Ja, in der Tat. Aber was sagt uns das nun neues, worin liegt der epistemologische Mehrwert solcher trivialen Aussagen? Und wenn nun die Gegenfrage gestellt wird: Auf welchem Fundament, auf welchen Überzeugungen und Ansichten ruht der sogenannte "Atheismus"? Dann bleiben die Antworten oft aus. Warum? Weil die Atheisten ja per se eine ehrenwertere Spezies sind, die - so lesen wir hier - jeden Tag im Schweiße ihres Angesichts über den Schatten ihrer evolutionären Dispositionen springen. Dabei ist es doch gerade die Einsicht in die Begrenztheit unseres Erkenntnisvermögens ("Ich weiß, dass ich nichts weiß"), die ein Höchstmaß an Widerstandsfähigkeit, Selbstbestimmung und geistiger Autonomie erfordert. Was machen wir dann aber aus dem Rest, der unserer Erkenntnis auf Dauer entzogen bleiben muss?

    Spiritualität ist nicht immer so trivial, wie das die Atheisten gerne hätten. Zum Glauben gehört immer auch Unglauben, nämlich der Unglauben an all jene Erklärungsmuster, die uns von allen Seiten jeden Tag auf's Neue unter die Nase gerieben werden. Vielleicht ist das schablonenhafte Verrechnen von Atheismus und Spiritualität (Atheismus = Freiheit, Autonomie; Spiritualität = Voreingenommenheit, Selbstaufgabe) am Ende eine Strategie, das eigene Weltbild auf der Folie eines selbstgeschaffenen Feindbildes zu legitimieren (der Mensch, der an den alten Mann mit dem weißen Bart glaubt). Eine Ideologie zeichnet sich schließlich vorrangig dadurch aus, dass man sie vom eigenen Standpunkt aus nicht als solche erkennt.

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    Sie schreiben
    "Eine Ideologie, die eine prinzipielle Ablehnung gegen jede Form der Spiritualität predigt, obwohl sie selbst auf die existentiellen Fragen des Menschseins keine abschließenden Antworten geben kann."
    Dies ist eben der Unterschied: Die Wissenschaften und Atheisten haben keine endgültigen Antworten - diese lassen sich in unserer Welt nicht finden. Wer ewig heilige Wahrheiten zu haben vorgibt, muß sich fragen lassen woher?
    Wenn Ihnen Gott als alter Mann mit Bart nicht zusagt, wie wäre es mit Dolly Buster ?
    Sie Schreiben:
    "Zum Glauben gehört immer auch Unglauben, nämlich der Unglauben an all jene Erklärungsmuster, die uns von allen Seiten jeden Tag auf's Neue unter die Nase gerieben werden."
    Sollen wir jetzt Mitleid haben, weil Sie allein die Heilige Wahrheit hochhalten? Ansonsten ist dieser Zweifel an allen Erklärungsmustern legitim und eine empfehlenswerte Herangehensweise, sofern Sie auch ihre persönlichen Erklärungen hin und wider bezweifeln (ohne zu verzweifeln).
    Sie werfen den Atheisten vor, kein geistiges Fundament (und damit indirekt auch keine moralische Haltung) zu haben.
    Ich sehe folgendes:
    - Die Welt ist (schrittweise) erkennbar (ohne außernatürliche Kräfte)
    - Jeder Mensch hat die Menschenwürde
    - Wir können und wollen unsere Welt immer besser gestalten
    Maxim Graf

    Der Atheist kann seine negative Existenzbehauptung über Gott ebensowenig beweisen wie der Gläubige die positivie Existenzbehauptung.
    Präziser müsste man sagen: Religiöses exisitiert jedenfalls in den Köpfen der Menschen, fraglich und vermutlich unlösbar ist lediglich das Problem, ob etwas Religiöses auch außerhalb oder unabhängig von religiösen Lebewesen existiert.

    Ich denke daher, dass die einzig vernünftige Position die des Agnostikers ist, denn sie macht dieses Problem explizit und versteckt sich nicht hinter unbeweisbaren Annahmen.

    Klar ist aber auch, dass die meisten Religionen voller Widersprüche sind und rationaler Überprüfung nicht stand halten.
    Wer die Bibel oder den Koran wörtlich nimmt, der muss auf ein hohes Maß an Rationalität verzichten. Das ist inkompatibel mit unserem westlichen wissenschaftlichen Weltbild, was ganz natürlich zu Spannungen innerhalb unserer Gesellschaft führt, wenn man gar nicht auf derselben Ebene (das ist bei uns im Westen üblicherweise die rationale, die uns durchaus großen Erfolg beschert hat) diskutieren kann.

    Sie schreiben
    "Eine Ideologie, die eine prinzipielle Ablehnung gegen jede Form der Spiritualität predigt, obwohl sie selbst auf die existentiellen Fragen des Menschseins keine abschließenden Antworten geben kann."
    Dies ist eben der Unterschied: Die Wissenschaften und Atheisten haben keine endgültigen Antworten - diese lassen sich in unserer Welt nicht finden. Wer ewig heilige Wahrheiten zu haben vorgibt, muß sich fragen lassen woher?
    Wenn Ihnen Gott als alter Mann mit Bart nicht zusagt, wie wäre es mit Dolly Buster ?
    Sie Schreiben:
    "Zum Glauben gehört immer auch Unglauben, nämlich der Unglauben an all jene Erklärungsmuster, die uns von allen Seiten jeden Tag auf's Neue unter die Nase gerieben werden."
    Sollen wir jetzt Mitleid haben, weil Sie allein die Heilige Wahrheit hochhalten? Ansonsten ist dieser Zweifel an allen Erklärungsmustern legitim und eine empfehlenswerte Herangehensweise, sofern Sie auch ihre persönlichen Erklärungen hin und wider bezweifeln (ohne zu verzweifeln).
    Sie werfen den Atheisten vor, kein geistiges Fundament (und damit indirekt auch keine moralische Haltung) zu haben.
    Ich sehe folgendes:
    - Die Welt ist (schrittweise) erkennbar (ohne außernatürliche Kräfte)
    - Jeder Mensch hat die Menschenwürde
    - Wir können und wollen unsere Welt immer besser gestalten
    Maxim Graf

    Der Atheist kann seine negative Existenzbehauptung über Gott ebensowenig beweisen wie der Gläubige die positivie Existenzbehauptung.
    Präziser müsste man sagen: Religiöses exisitiert jedenfalls in den Köpfen der Menschen, fraglich und vermutlich unlösbar ist lediglich das Problem, ob etwas Religiöses auch außerhalb oder unabhängig von religiösen Lebewesen existiert.

    Ich denke daher, dass die einzig vernünftige Position die des Agnostikers ist, denn sie macht dieses Problem explizit und versteckt sich nicht hinter unbeweisbaren Annahmen.

    Klar ist aber auch, dass die meisten Religionen voller Widersprüche sind und rationaler Überprüfung nicht stand halten.
    Wer die Bibel oder den Koran wörtlich nimmt, der muss auf ein hohes Maß an Rationalität verzichten. Das ist inkompatibel mit unserem westlichen wissenschaftlichen Weltbild, was ganz natürlich zu Spannungen innerhalb unserer Gesellschaft führt, wenn man gar nicht auf derselben Ebene (das ist bei uns im Westen üblicherweise die rationale, die uns durchaus großen Erfolg beschert hat) diskutieren kann.

  1. Mal sehen, wie lange es dauert, bis solche wissenschaftlichen Erkenntnisse statt Religion an den Schulen vermittelt werden. Wie schwer das werden wird, zeigt schon der Kommentar #1.

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    • Lodda
    • 31.12.2008 um 18:25 Uhr

    Lieber mistablista,

    welches Fach bleibt dann übrig, um Fragen der existenziellen Unsicherheit zu stellen? Vielleicht die Philosophie, allerdings war das zu meiner Zeit nur sehr begrenzt der Fall. Und sollte nicht auch die Philosophie nach dem Wesen der Religion fragen? Ist nicht die Philosophie (und ich meine nicht die analytische Philosophie) am Ende selbst eine Disziplin, die nicht auf der Suche ist nach den richtigen Antworten, sondern nach den richtigen Fragen? Es sollte im Religions- bzw. im Philosophieunterricht meiner Meinung nach gar nicht darum gehen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu nivellieren. Es sollte jedoch gelegentlich einmal gefragt werden dürfen, ob wissenschaftliche Erkenntnis die einzige Möglichkeit ist, sich mit sich selbst und seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Wenn Sie das glauben, dann wird es in der Tat schwer, einen Konsens zu finden. Für mich gehört das Bewusstsein von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis zur Wissenschaft einfach dazu. Dialog statt Monolog eben. Dieses Bewusstsein kann man entweder geflissentlich übergehen, oder man stellt sich ihm - zum Beispiel im Religionsunterricht. Das mag nicht wissenschaftskonform sein, wohl aber - im Gegensatz zu ihrem Konformitätsanspruch - eine legitime Option.

    • Lodda
    • 31.12.2008 um 18:25 Uhr

    Lieber mistablista,

    welches Fach bleibt dann übrig, um Fragen der existenziellen Unsicherheit zu stellen? Vielleicht die Philosophie, allerdings war das zu meiner Zeit nur sehr begrenzt der Fall. Und sollte nicht auch die Philosophie nach dem Wesen der Religion fragen? Ist nicht die Philosophie (und ich meine nicht die analytische Philosophie) am Ende selbst eine Disziplin, die nicht auf der Suche ist nach den richtigen Antworten, sondern nach den richtigen Fragen? Es sollte im Religions- bzw. im Philosophieunterricht meiner Meinung nach gar nicht darum gehen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu nivellieren. Es sollte jedoch gelegentlich einmal gefragt werden dürfen, ob wissenschaftliche Erkenntnis die einzige Möglichkeit ist, sich mit sich selbst und seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Wenn Sie das glauben, dann wird es in der Tat schwer, einen Konsens zu finden. Für mich gehört das Bewusstsein von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis zur Wissenschaft einfach dazu. Dialog statt Monolog eben. Dieses Bewusstsein kann man entweder geflissentlich übergehen, oder man stellt sich ihm - zum Beispiel im Religionsunterricht. Das mag nicht wissenschaftskonform sein, wohl aber - im Gegensatz zu ihrem Konformitätsanspruch - eine legitime Option.

    • Lodda
    • 31.12.2008 um 18:25 Uhr

    Lieber mistablista,

    welches Fach bleibt dann übrig, um Fragen der existenziellen Unsicherheit zu stellen? Vielleicht die Philosophie, allerdings war das zu meiner Zeit nur sehr begrenzt der Fall. Und sollte nicht auch die Philosophie nach dem Wesen der Religion fragen? Ist nicht die Philosophie (und ich meine nicht die analytische Philosophie) am Ende selbst eine Disziplin, die nicht auf der Suche ist nach den richtigen Antworten, sondern nach den richtigen Fragen? Es sollte im Religions- bzw. im Philosophieunterricht meiner Meinung nach gar nicht darum gehen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu nivellieren. Es sollte jedoch gelegentlich einmal gefragt werden dürfen, ob wissenschaftliche Erkenntnis die einzige Möglichkeit ist, sich mit sich selbst und seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Wenn Sie das glauben, dann wird es in der Tat schwer, einen Konsens zu finden. Für mich gehört das Bewusstsein von den Grenzen der menschlichen Erkenntnis zur Wissenschaft einfach dazu. Dialog statt Monolog eben. Dieses Bewusstsein kann man entweder geflissentlich übergehen, oder man stellt sich ihm - zum Beispiel im Religionsunterricht. Das mag nicht wissenschaftskonform sein, wohl aber - im Gegensatz zu ihrem Konformitätsanspruch - eine legitime Option.

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    wäre so ein Fach für allgemeine, öffentliche Schulen. Die Religionslehren, welcher Art auch immer, sollten dem außerschulischen Bereich angehören, da dort immer noch größtenteils indoktriniert und der Andersgläubige nicht anerkannt wird.
    Die "richtigen" Antworten, den "richtigen" Glauben kann, muss jeder Mensch nur für sich selbst finden.

    wäre so ein Fach für allgemeine, öffentliche Schulen. Die Religionslehren, welcher Art auch immer, sollten dem außerschulischen Bereich angehören, da dort immer noch größtenteils indoktriniert und der Andersgläubige nicht anerkannt wird.
    Die "richtigen" Antworten, den "richtigen" Glauben kann, muss jeder Mensch nur für sich selbst finden.

  2. Wenn ich davon ausgehe dass Menschen eine Ursache brauchen um eine Wirkung zu erklaeren dann loest sich das ganze Gedoens um Religion und Evolution in Luft auf. Religion ist dann die Wirkung welche aus meiner Annahme folgt.

    Gruss,
    pu

  3. wäre so ein Fach für allgemeine, öffentliche Schulen. Die Religionslehren, welcher Art auch immer, sollten dem außerschulischen Bereich angehören, da dort immer noch größtenteils indoktriniert und der Andersgläubige nicht anerkannt wird.
    Die "richtigen" Antworten, den "richtigen" Glauben kann, muss jeder Mensch nur für sich selbst finden.

  4. Sie schreiben
    "Eine Ideologie, die eine prinzipielle Ablehnung gegen jede Form der Spiritualität predigt, obwohl sie selbst auf die existentiellen Fragen des Menschseins keine abschließenden Antworten geben kann."
    Dies ist eben der Unterschied: Die Wissenschaften und Atheisten haben keine endgültigen Antworten - diese lassen sich in unserer Welt nicht finden. Wer ewig heilige Wahrheiten zu haben vorgibt, muß sich fragen lassen woher?
    Wenn Ihnen Gott als alter Mann mit Bart nicht zusagt, wie wäre es mit Dolly Buster ?
    Sie Schreiben:
    "Zum Glauben gehört immer auch Unglauben, nämlich der Unglauben an all jene Erklärungsmuster, die uns von allen Seiten jeden Tag auf's Neue unter die Nase gerieben werden."
    Sollen wir jetzt Mitleid haben, weil Sie allein die Heilige Wahrheit hochhalten? Ansonsten ist dieser Zweifel an allen Erklärungsmustern legitim und eine empfehlenswerte Herangehensweise, sofern Sie auch ihre persönlichen Erklärungen hin und wider bezweifeln (ohne zu verzweifeln).
    Sie werfen den Atheisten vor, kein geistiges Fundament (und damit indirekt auch keine moralische Haltung) zu haben.
    Ich sehe folgendes:
    - Die Welt ist (schrittweise) erkennbar (ohne außernatürliche Kräfte)
    - Jeder Mensch hat die Menschenwürde
    - Wir können und wollen unsere Welt immer besser gestalten
    Maxim Graf

    Antwort auf "Ideologie"
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    • Lodda
    • 01.01.2009 um 21:17 Uhr

    Lieber Maxim Graf,

    danke für Ihren Kommentar, auf den ich gerne noch ein paar Worte erwidern möchte.

    1. "Sollen wir jetzt Mitleid haben, weil Sie allein die Heilige Wahrheit hochhalten?" - Nein, das sollen Sie natürlich nicht. Es ging mir viel mehr darum herauszustellen, dass letztlich alles auf die eine Wahrheit hinausläuft, dass es eine Wahrheit eben nicht gibt. Diese Frage gehört meiner Ansicht nach auch in den Schulunterricht. Nur in welches Fach? In der Regel geht es in der Schule ja nur darum, positivistisches (Halb)Wissen in die Köpfe der SchülerInnen einzuimpfen. Aber sollte das wirklich schon alles sein?

    2. "Sie werfen den Atheisten vor, kein geistiges Fundament (und damit indirekt auch keine moralische Haltung) zu haben." - Das ist nicht richtig. Ich werfe allerdings in der Tat einigen Atheisten vor, die geistigen Grundlagen, die bei den religiösen Menschen eben im Glauben verankert sind, zu kritisieren, dabei jedoch völlig außer Acht zu lassen, ihre eigenen Grundlagen zu reflektieren. Auch der Atheist glaubt, nämlich an den Atheismus. Warum er das tut, ist wissenschaftlich ebenso wenig beweisbar wie der Glauben an die Werte und Normen verschiedener Kirchen und Religionen.

    3. "Ich sehe folgendes: [...] Jeder Mensch hat die Menschenwürde [...] Wir können und wollen unsere Welt immer besser gestalten" - Das sehe ich ähnlich, nur bleibt ja die Frage unbeantwortet: Was verstehen Sie unter einer "besser" gestalteten Welt? Und wie begründen Sie diese Auffassungen? Sicher nicht wissenschaftlich, weil es eine objektive, allgemein gültige Antwort auf diese Frage nicht geben kann. Auch Sie sind darauf angewiesen, Ihren Ansichten persönliche, mehr oder weniger subjektive (genau genommen in den meisten Fällen kulturell tradierte) Werte und Normen zu Grunde zu legen (die übrigens sehr häufig christlichen Ursprungs sind). Die Menschenwürde ist ja kein empirisch reproduzierbares Ergebnis einer wissenschaftlichen Messung. Oder haben Sie dazu zufällig eine Studie griffbereit?

    Gutes Neues!

    • Lodda
    • 01.01.2009 um 21:17 Uhr

    Lieber Maxim Graf,

    danke für Ihren Kommentar, auf den ich gerne noch ein paar Worte erwidern möchte.

    1. "Sollen wir jetzt Mitleid haben, weil Sie allein die Heilige Wahrheit hochhalten?" - Nein, das sollen Sie natürlich nicht. Es ging mir viel mehr darum herauszustellen, dass letztlich alles auf die eine Wahrheit hinausläuft, dass es eine Wahrheit eben nicht gibt. Diese Frage gehört meiner Ansicht nach auch in den Schulunterricht. Nur in welches Fach? In der Regel geht es in der Schule ja nur darum, positivistisches (Halb)Wissen in die Köpfe der SchülerInnen einzuimpfen. Aber sollte das wirklich schon alles sein?

    2. "Sie werfen den Atheisten vor, kein geistiges Fundament (und damit indirekt auch keine moralische Haltung) zu haben." - Das ist nicht richtig. Ich werfe allerdings in der Tat einigen Atheisten vor, die geistigen Grundlagen, die bei den religiösen Menschen eben im Glauben verankert sind, zu kritisieren, dabei jedoch völlig außer Acht zu lassen, ihre eigenen Grundlagen zu reflektieren. Auch der Atheist glaubt, nämlich an den Atheismus. Warum er das tut, ist wissenschaftlich ebenso wenig beweisbar wie der Glauben an die Werte und Normen verschiedener Kirchen und Religionen.

    3. "Ich sehe folgendes: [...] Jeder Mensch hat die Menschenwürde [...] Wir können und wollen unsere Welt immer besser gestalten" - Das sehe ich ähnlich, nur bleibt ja die Frage unbeantwortet: Was verstehen Sie unter einer "besser" gestalteten Welt? Und wie begründen Sie diese Auffassungen? Sicher nicht wissenschaftlich, weil es eine objektive, allgemein gültige Antwort auf diese Frage nicht geben kann. Auch Sie sind darauf angewiesen, Ihren Ansichten persönliche, mehr oder weniger subjektive (genau genommen in den meisten Fällen kulturell tradierte) Werte und Normen zu Grunde zu legen (die übrigens sehr häufig christlichen Ursprungs sind). Die Menschenwürde ist ja kein empirisch reproduzierbares Ergebnis einer wissenschaftlichen Messung. Oder haben Sie dazu zufällig eine Studie griffbereit?

    Gutes Neues!

  5. Die evolutionäre und kognitive Religionsforschung versuche nicht, das Gottes-Gen zu finden. Sie entwerfe auch keine evolutionären Szenarien, die zur Religion geführt haben könnten, wie wir sie heute kennen. Den Religionsforschern zufolge seien „religiöses Denken und Verhalten als natürliche menschliche Fähigkeiten zu betrachten, genau wie Musik (…)“ schreibt Pascal BOYER in seinem ZEIT-Artikel „Was ist der Mensch? Das Hirn, dein Gott“. (Nr. 01, 23.12.08)

    Der Anthropologe beschreibt religiösen Glauben als Folge der evolutionär entstandenen kognitiven Fähigkeiten des Gehirns. Für die Vorstellung eines übernatürlichen Wesens, schreibt BOYER, reiche „ein menschlicher Verstand, der auf höchst natürliche Art und Weise Information verarbeitet“. Ulrich BAHNSEN schreibt in seinem Artikel „Die Geschichte geht weiter“ (S. 31 ZEIT Nr. 2/08) dass solche Deutungen viele Zeitgenossen „verunsichern“ würden: „Nicht zuletzt deshalb sei der Konflikt zwischen Kichenvertretern und Evolutionsforschern selbst nach 150 Jahren nicht beigelegt“; 150 Jahre nach DARWINs epochalem Werk „Über die Entstehung der Arten“ (1859) ist gemeint – eine Auffassung des Philosophen Gereon WOLTERS, Teilnehmer am vatikanischen Forscherkonklave (Päpstliche Akademie der Wissenschaften - Vatikanstadt) im November 2008. Man habe sich 2008 im Vatikan auf keine „Ehrenerklärung für Charles Darwin und die Evolutionstheorie seitens der Kurie“ festlegen können, konstatiert BAHNSEN.

    Zur INKOMPATIBILITÄT des säkularen und religiösen Denkens

    „Mein Geist“, schrieb DARWIN, „ist eine Maschine geworden, wie gemacht dafür, allgemeine Gesetze knirschend aus großen Tatsachensammlungen herauszumahlen“ (Autobiographie). In der Einleitung zu „Entstehung der Arten (…)” (deutsch, 1860) diskutierte der Autor evolutionäre ENTWICKLUNG als „Transformationstheorie“ (Neuheit). LEONARDO prägte den Begriff „trasmutazione di forme“. Im 19. Jahrhundert schlug eine ‚Ästhetik von unten’ vor, ästhetische Wahrnehmung und Kunst sollten auf physiologische Prozesse zurückgeführt werden. Dieser Gedanke erlebt heute eine Renaissance in der ‚Neuroästhetik’ (‚Bioästhetik’). Versucht wird, ästhetisches Empfinden empirisch zu messen. Vertreten wird die These, dass das Wahre, das Schöne und das Gute (also die Werte) im Gehirn recht nah beieinander liegen. Auch das Religiöse scheint hierzu zu gehören. Kunst & Religion(en) sind – eng verknüpft - als Eigenart der Biospezies Mensch darzustellen: Ästhetik (Aisthesis) und Religionen-Entwicklung sind als Neuroevolution (Spiegelzellen-Evolution) zu zeichnen. Vgl. mein www-Artikel „Neuroästhetik und Evolution“ (20.11.08). Ebenda zu EKPs, PET, fMRI, EEG (Messungen). Gehirn-Spiegelmechanismen & „Mitgefühl“ diskutierten RIZZOLATTI u.a. (Spektrum d. Wissenschaft 03/2007)!

    Die Tatsache, dass alle Operationen des menschlichen Geistes biologisch organabhängig sind, ist unstrittig. Die Kontroverse geht um das „richtige“ naturalistische Verständnis der kulturellen Evolution und erkenntnisleitende Interessen in der Wissenschaft. Der Befund einer fast weltweit zu beobachtenden Revitalisierung religiöser Überzeugungen, weckt das Interesse von Autoren besonders auch zum DARWIN-Jahr 2009 (vgl. F.A.Z.-Beiträge & User-Kommentare (1)).

    Auffällt in der Debatte um die Theorien der EVOLUTION eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft in unversöhnliche Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften. Auch den nichtreligiösen Bürger muss der unsinnige Streit SCHÖPFUNG versus DARWIN irritieren, wo doch der (Biologie-)Unterricht an den Schulen betroffen ist (vgl. www: „Casus Wolff“). Auch religiös unmusikalische Bürger werden sich mit Fragen rund um den URKNALL (davor, dahinter) Gedanken machen. Religionen dürfen nicht als Relikte aus archaischer Zeit bewertet werden, auf deren Absterben man warten sollte bzw. hinarbeiten (DAWKINS: „Gotteswahn“). HABERMAS zur Inkompatibilität des säkularen und religiösen Denkens: „Die Perspektiven, die entweder in Gott oder im Menschen zentriert sind, lassen sich nicht ineinander überführen."

    UNSCHÖNES in der institutionalisierten Trennung von POLITIK & RELIGION

    Unschöne Debatten über RELIGION & NATURWISSENSCHAFT – früher auf die USA beschränkt – haben sich inzwischen über die ganze Welt ausgebreitet. Die Naturwissenschaften wurden mit der amerikanisch geprägten antievolutionistischen Debatte über die Entstehung des Lebens konfrontiert. Kardinal Schönborn (Wien) äußerte Zweifel, ob Darwinismus und Evolutionstheorie für gläubige Katholiken akzeptabel seien. Er argumentierte, dass die EVOLUTION das Werk Gottes ist und die Evolutionstheorie nur in diesem Licht zu interpretieren sei. Der Frieden zwischen Naturwissenschaften & Religion ist gestört: Gefahren lauern der POLITISIERUNG der Natur-Wissenschaften durch die Religion. Religion wurde zur rechtlich garantierten Privatsache gemacht (Trennung Staat/Kirche). Präsident Bush aber plädierte dafür, dass im BIOLOGIE-Unterricht nicht mehr nur die Evolutionstheorie in den Schulen gelehrt werden sollte; in Hessen gab es analog hierzu den „Casus Wolff“. Religion kehrte auf die politische & wissenschaftliche Tagesordnung zurück. In einer scheinbar säkularisierten Welt registriert man beim DARWIN-Jahr-Feiern irritiert die konflikthafte „Wiederkehr der Götter“, eine massenmediale Sichtbarkeit von Fundamentalismen unterschiedlicher Prägung.

    Genesis des Gottesbildes & Denkgegenstände der „Kunst“

    Zur Erkenntnis der Dinge selbst sind Ordnung und Sinn (Denken) in unsere visuellen Erlebnisse zu bringen. Es dauerte lange Zeit, bis prähistorische „KünstlerInnen“ Beutetiere realistisch darstellen konnten. Bis ein Menschen-Kind mit Zeichen, die Vorstellungen symbolisch darstellen, umgehen kann (Punkt, Strich, Kreis; Gesicht), vergehen 2-3 Jahre Entwicklungszeit. Man kann die Geschichte der Kunst und Religion(en) auch als Geschichte der allmählichen (evolutionären) Entdeckung der Erscheinung der Umwelt betrachten. Für manche war das „Göttliche“ in der Umwelt enthalten (Natur, Himmel etc.), das im „Kunstwerk“ darzustellen war (Tempel, Pyramiden, Kirchen, Moscheen, christliche Malerei). Genesis der Theologie, Kultus, absolute Idee traten erst nach und nach ins Blickfeld (Bewusstsein, Reflexion); als Ergänzung der Realität. Vor den Vorkämpfern der perspektivischen Darstellung (ALBERTI; LEONARDOs Abendmahl) füllte frühe christliche Kultur das Fenster zur Welt mit biblischen Inhalten. Man malte mit Symbolen, bloße Abschriften der Natur (illusionistische Naturwiedergabe) erfolgten später (mit DÜRER). Schon in der Steinzeit gab es mutmaßlich kulturelle Konflikte: „primitive“ erste „Kämpfe der Kulturen“; Streit mit „Atheisten“.

    Richard DAWKINS Mem-Begriff und das „GOTT-Mem“: Unterstützung durch KUNST

    DAWKINS sprach vom Mem-Begriff als „Einheit der Imitation“ und kulturellen Vererbung und leitete das Wort MEM vom griechischen „Mimem“ ab (als Verkürzung). So wie Gene sich im Genpool vermehren (Fortbewegung mit Hilfe von Spermien & Eizellen von Körper zu Körper), verbreiteten sich Meme im MEMPOOL, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen, vermittelt durch einen Prozess, den man im weitesten Sinne als IMITATION bezeichnen kann. (Dawkins 2007.) Die „wirklich sehr alte“ Idee „Gott“ sei wahrscheinlich „viele Male durch voneinander unabhängige ‚Mutationen’ geboren“ worden. Sie repliziere sich „durch das gesprochene und geschriebene Wort, unterstützt von großer Musik und großer Kunst“. Der Überlebenswert des GOTT-Mems im Mempool ergebe sich aus seiner großen psychologischen Anziehungskraft. Dawkins glaubt: Gott existiert, und sei es auch nur in der Gestalt eines Mems, das in der von der meschlichen Kultur geschaffenen Umwelt einen hohen Überlebenswert oder eine hohe Ansteckungsfähigkeit besitzt. Der Kommentar von Wolf DOLEYS zur primären „Traditionsbildung durch Theologie und Kunst“ mit sekundärer Verselbständigung der Disziplinen („Variationen“) sieht die Dinge richtig (1). MEMETIK beschäftigt sich mit der EVOLUTION von KULTUR.

    RELIGIONEN-EVOLUTION zusammen mit KUNST- und SpiegelzellenEVOLUTION

    Am 27.12.2008 kommentierte ich mit dieser RELIGION-&-KUNST-Genesis-Hypothese einen FAZ-Artikel zum DARWIN-Jahr (1): Die biologischen „Wurzeln“, die zu einer kulturübergreifenden „Veranlagung“ des Menschen zu Religiosität und Moralität geführt haben, werden natürlich evolutionsbiologische Ursachen haben, die in kultureller Evolution (Meme-Evolution) gewachsen sind; durch „Transformationen“ würden LEONARDO und DARWIN heute sagen. Ein gutes Erklärungsmodell scheint es mir zu sein, wenn wir KUNST & RELIGION & EVOLUTIONSBIOLOGIE zusammendenken. Eine „neue evolutionäre Anthropologie“ interessiert den Kulturkampf Gott und/oder Darwin weniger. „Gen-Gruppen“ zur Entwicklung künstlerischen & religiösen Tuns haben sich sicher parallel mit der evolutionären Entwicklung der Spiegelneurone herausgebildet, den SPIEGELZELLEN des Gehirns als evolutionsbiologisch wichtigen Grundlagen des Menschseins. Der Hang des Menschen zum Glauben an höhere Mächte ist parallel zur Kunst-Evolution (mit „Schamanen“ und ersten „Kunstwerken“ der frühen Steinzeit) als evolutionäre ANPASSUNG zu verstehen: KUNST & „RELIGION“ haben einen veritablen Überlebensvorteil geboten. Kunst- & Gottes-Fürchtigkeit entwickelten sich in Bifurkationen stufenweise. Während künstlerische „Prädispositionen" im Tierreich nachweisbar sind, muss nach „religiösen“ beim Tier noch weiter gesucht werden.

    Literatur

    (1) MÜLLER-JUNG, Joachim (2008): Die Gottesfürchtigkeit im Genpool. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.12.2008.

  6. Der Atheist kann seine negative Existenzbehauptung über Gott ebensowenig beweisen wie der Gläubige die positivie Existenzbehauptung.
    Präziser müsste man sagen: Religiöses exisitiert jedenfalls in den Köpfen der Menschen, fraglich und vermutlich unlösbar ist lediglich das Problem, ob etwas Religiöses auch außerhalb oder unabhängig von religiösen Lebewesen existiert.

    Ich denke daher, dass die einzig vernünftige Position die des Agnostikers ist, denn sie macht dieses Problem explizit und versteckt sich nicht hinter unbeweisbaren Annahmen.

    Klar ist aber auch, dass die meisten Religionen voller Widersprüche sind und rationaler Überprüfung nicht stand halten.
    Wer die Bibel oder den Koran wörtlich nimmt, der muss auf ein hohes Maß an Rationalität verzichten. Das ist inkompatibel mit unserem westlichen wissenschaftlichen Weltbild, was ganz natürlich zu Spannungen innerhalb unserer Gesellschaft führt, wenn man gar nicht auf derselben Ebene (das ist bei uns im Westen üblicherweise die rationale, die uns durchaus großen Erfolg beschert hat) diskutieren kann.

    Antwort auf "Ideologie"
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    Letztendlich sind das auch zum Teil die sich als aufgeklärt meinenden modernen Gläubigen. Sie sind Theisten und weisen darauf hin, daß ein rationaler Beweis für das Motiv zu glauben nicht möglich ist.

    Agnostiker sind nichts weiter als verkappte Theisten.

    Es wird oft eine Bringschuld des Atheisten zu seiner Erklärung gefordert für etwas, was nicht seinem Geiste entsprungen ist.

    Der Atheist braucht aber nichts beweisen. Er weigert sich einfach an eine von Menschen erfundene Geister- und Gespensterwelt zu glauben.

    Die Gegenrechnung, ein Ungläubiger könne keinen Beweis für die Nichtexistenz eines Gespenstes oder Hirngespinstes liefern mit der Unmöglichkeit eines Gottesbeweises in einer Gleichung zu neutralisieren, ist übrigens Sophismus. Nichts weiter.

    Mun muß sich z.B. nur vorstellen, daß nämlich jeder streng gläubige Katholik in Hinsicht auf die tausenden Götter oder Geister bzw. Dämonen anderer Religionen Atheist ist.

    Man mache hier mal diese Gegenrechnung auf und man sieht schnell, daß die von Veil of Ignorance aufgemachte Gleichung in ihrer logischen Aussage wertlos ist.

    Letztendlich sind das auch zum Teil die sich als aufgeklärt meinenden modernen Gläubigen. Sie sind Theisten und weisen darauf hin, daß ein rationaler Beweis für das Motiv zu glauben nicht möglich ist.

    Agnostiker sind nichts weiter als verkappte Theisten.

    Es wird oft eine Bringschuld des Atheisten zu seiner Erklärung gefordert für etwas, was nicht seinem Geiste entsprungen ist.

    Der Atheist braucht aber nichts beweisen. Er weigert sich einfach an eine von Menschen erfundene Geister- und Gespensterwelt zu glauben.

    Die Gegenrechnung, ein Ungläubiger könne keinen Beweis für die Nichtexistenz eines Gespenstes oder Hirngespinstes liefern mit der Unmöglichkeit eines Gottesbeweises in einer Gleichung zu neutralisieren, ist übrigens Sophismus. Nichts weiter.

    Mun muß sich z.B. nur vorstellen, daß nämlich jeder streng gläubige Katholik in Hinsicht auf die tausenden Götter oder Geister bzw. Dämonen anderer Religionen Atheist ist.

    Man mache hier mal diese Gegenrechnung auf und man sieht schnell, daß die von Veil of Ignorance aufgemachte Gleichung in ihrer logischen Aussage wertlos ist.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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