DIE ZEIT: Wann haben Sie das erste Mal an der Theorie vom Urknall gezweifelt?

Martin Bojowald: Kurz nach meiner Promotion. Ich hatte an mathematischen Methoden zur Beschreibung des Universums gearbeitet. In einer der Gleichungen konnte man ein Vorzeichen frei wählen, plus oder minus. Mir fiel auf, dass man das Minus als Zeit vor dem Urknall und das Plus als Zeit nach dem Urknall interpretieren konnte.

ZEIT: Wie dürfen wir uns diese Erleuchtung genau vorstellen? Sie sitzen in einem kleinen Büro an der Universität Aachen mit einem Blatt Papier vor sich und einem Bleistift in der Hand…

Bojowald: Während des Rechnens konzentriere ich mich auf die Mathematik. Die guten Ideen kommen, wenn ich abschalte.

ZEIT: Ihre Idee, dass es eine Zeit vor dem Urknall gab, haben Sie 2001 in den Physical Review Letters veröffentlicht. Sie waren damals 28 Jahre alt und haben auf vier Seiten mal eben die Schöpfungsgeschichte der modernen Physik infrage gestellt. Fanden Ihre Kollegen das nicht etwas dreist?

Bojowald: Den Großteil des Urknallmodells – also die Entstehung der Elementarteilchen, der Atome und der Galaxien – zweifle ich gar nicht an, sondern nur den Zeitpunkt null. Wenn man diesen Zeitpunkt mithilfe der Relativitätstheorie zu beschreiben versucht, ergeben die Gleichungen keinen Sinn mehr. Man erhält unendlich hohe Temperaturen und Energiedichten, Physiker sprechen von einer Singularität. Mit unserem Ansatz konnten wir diese Singularität vermeiden.

ZEIT: Hat Stephen Hawking Ihnen gratuliert?

Bojowald: Er nicht, aber einer seiner früheren Mitarbeiter.

ZEIT: Der Legende nach hat Papst Johannes Paul II. Stephen Hawking einst gebeten, die Zeit vor dem Urknall nicht zu erforschen. Sind Sie katholisch?

Bojowald: Katholisch getauft.

ZEIT: Fühlen Sie sich als Ketzer?

Bojowald: Nicht wirklich. Wenn ich öffentliche Vorträge halte, merke ich aber schnell, in welchem Land ich gerade unterwegs bin. In Europa oder den USA kommen schon mal Bemerkungen in dieser Richtung. Den Indern dagegen ist die Idee eines Anfangs der Welt eher fremd. Die finden meine Ansichten ganz normal.

ZEIT: Nach der Zeit vor dem Urknall zu fragen sei so sinnlos, wie zu fragen, was nördlich vom Nordpol liege, hat Stephen Hawking gesagt.

Bojowald: Der Vergleich hinkt. Am Nordpol passiert nicht wirklich etwas. Dort ist es zwar kalt, aber es gibt keine physikalische Singularität, sondern nur eine mathematische. Geografen haben die Koordinaten so gewählt, dass die Frage nach einem nördlicheren Punkt einfach keinen Sinn ergibt. Im Urknall gibt es dagegen eine wirkliche Singularität. Die ist viel gefährlicher.