Der Zeitungsprinz
Ohne Carlo Caracciolo wären die italienischen Medien alle in Berlusconis Hand
In diesen Tagen, da Italien von einem Mann namens Silvio Berlusconi beherrscht wird, ist es gut, daran zu erinnern, dass es ein Italien gibt, das uns nicht erschreckt, sondern bereichert und beschenkt. Kein anderer war so prädestiniert, diese Tradition hochzuhalten, wie der Verleger Carlo Caracciolo, der vergangene Woche im Alter von 83 Jahren gestorben ist.
Wobei prädestiniert nicht unbedingt das richtige Wort ist. Denn Caracciolo entstammte einer Aristokratenfamilie, und er sollte nach dem Jurastudium in Rom und in Boston eine Karriere als Jurist des internationalen Rechts einschlagen. Doch der Prinz von Castagneto und Herzog von Melito begeisterte sich für die Politik, insbesondere für das Zeitungsgeschäft.
1955 gründete Caracciolo das Nachrichtenmagazin L’Espresso, 1976 folgte die Tageszeitung La Repubblica . Diese beiden bis heute äußerst erfolgreichen Titel bilden den publizistischen Kern des linksliberalen Italiens, dem extreme Positionen – egal, ob rechts oder links – ein Gräuel sind. Caracciolo hatte ein enges Verhältnis zur Kommunistischen Partei Italiens, auch wenn er selbst es ablehnte, sich als Kommunist zu bezeichnen.
Es ist kein Zufall, dass Silvio Berlusconi 1990 versuchte, die Repubblica-Espresso-Gruppe zu übernehmen. Der Medientycoon erkannte in ihr frühzeitig einen Gegner, der ihm bei seinem Aufstieg zur Macht Schwierigkeiten bereiten könnte. Caracciolo wehrte sich mit juristischen Mitteln gegen die Übernahme. Er hatte damit Erfolg und bewahrte Italien vor einem frühzeitigen Durchmarsch Berlusconis.
Caracciolo wusste, wann es galt, Widerstand zu leisten. Als junger Mann kämpfte er in der Resistenza, dem italienischen Widerstand gegen den Nazifaschismus. Der Kampf von Repubblica-Espresso gegen Berlusconi aber war nicht erfolgreich, mehr als ein Ärgernis konnte die Gruppe für Berlusconi nie werden.
Caracciolo war in vieler Hinsicht das Gegenbild Berlusconis. So entschieden er auch eigene Meinungen vertrat, so sehr respektierte er die Meinung anderer. Er war ein Gegner Berlusconis und war doch in der Lage, ein differenziertes Urteil über ihn abzugeben: »Er ist aufgeweckt, unvoreingenommen, voller Fantasie. Aber nicht mutig. Er ist unerträglich, wenn er Witze macht.« Ulrich Ladurner
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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