Zu den Opfern der Bush-Jahre zählt auch die Religion in Amerika. Nicht Präsident Bush wurden "christliche Werte" zugeschrieben, wie er es sich vielleicht gewünscht hätte – Fürsorge für die Armen, Verzicht auf Vergeltung –, vielmehr wurden umgekehrt die christlichen Werte mit ihm assoziiert und galten zusehends als konservativ, militaristisch und gefährlich für die liberale Demokratie.

Vielleicht wäre es deshalb am besten, einfach Schluss zu machen mit der Religion, so wie mit der Amtszeit von George W. Bush und dem Gefangenenlager in Guantánamo Bay. Und mit keiner religiösen Spielart sollte schneller Schluss gemacht werden als mit dem Evangelikalismus, um den Weg zu öffnen für den säkularen Messias Barack Obama.

Schade nur für dieses Szenario, dass auch Obama ein tiefgläubiger Christ ist. Er beendet seine Reden mit dem Segensspruch "God bless America". In seinem Wahlkampfstab war ein Mitarbeiter ausschließlich dafür zuständig, religiöse Angelegenheiten zu koordinieren. Am Wahlprogramm der Demokraten arbeitete der evangelikale Pastor Tony Campolo mit. Als Kandidat der Demokraten gewann Obama im Vergleich zu John Kerry 2004 unter evangelikalen Wählern fünf Punkte hinzu. Und in der Gruppe derjenigen Amerikaner, die mehr als einmal pro Woche in die Kirche gehen, schnitt Obama sogar um acht Prozentpunkte besser ab als Kerry.

Religiöses Engagement bringt Stimmen in den USA, weil die Kirchen hier seit 350 Jahren als vertrauenswürdige Institutionen gelten. Das Europa der Aufklärung stürzte einen korrupten Klerus vom Sockel. Dagegen waren die amerikanischen Kirchen – und ganz besonders die evangelikalen – eine Sache der einfachen Menschen. Aus dieser Graswurzelbewegung heraus entwickelte sich das am tiefsten in der Gesellschaft verankerte Netzwerk der USA.

Amerika wird auch unter Obama keine laizistische Nation werden. Obama ist Verfassungsrechtler, ihm stehen die Vorzüge des säkularen Staates klar vor Augen. Aber seine ersten politischen Sporen hat er sich in der kirchlichen Sozialarbeit verdient. Ihm ist klar, wie wichtig Religion für die Zivilgesellschaft in den Vereinigten Staaten ist. Die "Volkskirchen" sind die Stützpfeiler des gesellschaftlichen Lebens in Amerika. Den Kirchen begegnet man daher nicht mit Argwohn, sondern wohlwollend.

Welche Rolle also wird Amerikas Religiosität, welche Rolle wird Obamas Religiosität in der kommenden Regierung spielen?

Ein zentrales Problem ist die staatliche Finanzierung von sozialen Diensten, die von Kirchen und Religionsgemeinschaften organisiert werden. Obama hat schon im Juli seine Unterstützung für eine Subventionierung solcher faith based initiatives (zu Deutsch etwa: auf Glauben gegründete Initiativen) angekündigt. Diese Krankenhäuser, Jugendprogramme et cetera haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Diakonie und Caritas in Deutschland. Sobald aber eine amerikanische religiöse Institution öffentliche Mittel erhält, tritt an die Stelle der von der Verfassung vorgeschriebenen strikten Trennung von Kirche und Staat eine begrenzte Partnerschaft. Obama will diese Partnerschaft ausbauen und dafür staatliche Mittel nutzen. Das aber wirft eine Menge Probleme auf.