Seine zweite Attacke

Er war das Gesicht der Globalisierungskritiker von Attac. Jetzt ist er bei den Grünen – und will ins Europaparlament von Kerstin Bund

Sven Giegold?

Politisch gesehen ist Sven Giegold ein unbequemer Mensch. Er widerspricht gerne, protestiert ständig, ist eher dagegen als dafür. Keine gemütliche Position. Nur beim Radeln legt er Wert auf Komfort. Da nutzt er ein Liegefahrrad mit einer weich geschwungenen Sitzschale. Einen Führerschein hat der 39-Jährige nicht, dafür eine Bahncard 100. Er fliegt fast nie, selbst in Taxis steigt er selten. Neulich hat man ihm angeboten, ihn für eine Talkshow vom Berliner Bahnhof ins Fernsehstudio von Anne Will zu fahren, aber er ging die zwei Kilometer lieber zu Fuß. Sven Giegold ist ein lebendes Plädoyer für einen nachhaltigen Lebensstil: Er isst fast nur Bioprodukte, verzichtet auf Fleisch und bewohnt einen Ökobauernhof.

Giegold ist einer der Gründer von Attac Deutschland, dem Netzwerk aus Globalisierungskritikern. Er hat die deutsche Attac-Bewegung geprägt, ihr in den Jahren nach 2000 ein Gesicht gegeben. Die Rolle des Primus inter Pares, die ihm die Medien zuwiesen, missfiel manchem Aktivisten. Attac gibt sich bewusst keinen Vorsitzenden. Doch Giegold bediente das journalistische Bedürfnis nach Personalisierung: Er war jung, gebildet und eloquent.

Vielen erschien er als Vorreiter einer neuen außerparlamentarischen Kraft. Doch dann wurde es einige Jahre still um Giegold. Bis er vor Kurzem wieder öffentlich in Erscheinung trat – als Parteimitglied der Grünen, mit Ambition auf einen Sitz im Europäischen Parlament. »Ich möchte Politik einmal von innen erleben«, sagt Giegold.

Er sammelt beim Publikum Punkte mit seiner authentischen, ruhigen Art

Begonnen hat er fernab der politischen Bühne. Kurz nach der Jahrtausendwende wird Attac zum Sprachrohr gegen den liberalisierten Kapitalismus. Das Netzwerk organisiert Busfahrten nach Genua, wo 150000 Aktivisten mit regenbogenbunten Pace-Fahnen gegen das G-8-Treffen demonstrieren. Als der Italiener Carlo Giuliani bei einer Straßenschlacht von einem Polizisten erschossen wird, sind die Sympathien klar verteilt. Die Mitgliederzahl von Attac schießt in die Höhe. Während die meisten Attacis nach dem Gipfel Urlaub machen, gönnt sich Giegold keine Pause. Er bearbeitet Mitgliedsanträge, beantwortet Presseanfragen, schreibt Positionspapiere. 16 Stunden am Tag.

Die Medien ziehen Vergleiche zwischen Attac und der 68er-Bewegung. Junge Menschen bieten den Mächtigen der Welt die Stirn und kämpfen abseits der Parlamente für eine gerechtere Zukunft. Attac wird eine Projektionsfläche für alle, die sich dem rauen Wind der Kapitalmärkte und der Globalisierung schutzlos ausgesetzt fühlen – und Sven Giegold ist der Frontmann. Dabei sieht er gar nicht aus wie ein zorniger Rebell. Seine Kleidung folgt keiner Mode. Er kombiniert Jeans zu Jackett, sein Haar ist gescheitelt und ordentlich gekämmt.

Einen »smarten Querdenker« nennt ihn die Frankfurter Rundschau. Das Jugendmagazin Neon wählt ihn zum wichtigsten jungen Deutschen. Zeitungen interviewen ihn, er gastiert in den Talkshows. Er sammelt beim Publikum Punkte mit seiner authentischen, ruhigen Art – und der Fähigkeit, Komplexes einfach zu erklären. Selbst konservative Politiker hören ihm zu. Und merken: Er ist nicht der weltfremde Spinner, für den manche ihn halten.

Fast sieben Jahre lang sitzt Giegold im Koordinierungskreis, einer Art Vorstand von Attac. Er plant Aktionen, koordiniert Kampagnen, leitet die Arbeitsgruppe Steuerpolitik – und wird Chefökonom von Attac. Er fordert die Besteuerung von Devisenspekulationen und die Schließung von Steueroasen, hält Woche um Woche Vorträge, 200 sind es in manchen Jahren. In Aufsätzen wirbt er für eine Globalisierung nach sozialen und ökologischen Regeln. Er ruft das Tax Justice Network ins Leben, auch die Bewegungsstiftung, die sozialen Projekten mit Zuschüssen und Beratung hilft.

Dann, 2003, ist Sven Giegold ausgebrannt. Er geht für ein Jahr nach Paris, lernt Französisch, schreibt sich an der Universität ein. Er nimmt seine Doktorarbeit über Steueroasen wieder auf, die er bis heute nicht abgeschlossen hat. Als er wiederkommt, hat sich einiges verändert. Es gibt eine Linkspartei in Deutschland. Sie macht Stimmung gegen den Marktliberalismus – und Attac Konkurrenz.

Die Bewegung sei in der Krise, sagen Kritiker heute. Attac habe sich verzettelt und vereine zu viele Strömungen – von Trotzkisten bis zu christlichen Friedensgruppen. Das Netzwerk wächst noch, aber nicht mehr so stark wie in den Boomjahren bis 2004. Globalisierungskritik ist im Mainstream angekommen – und Attac dringt inhaltlich kaum noch durch. Im Jahr 2007 zieht sich Giegold, obgleich weiter Mitglied, aus der aktiven Gremienarbeit zurück. Der Ausstieg sei ihm nicht schwergefallen, sagt er. »Ich bin nicht verheiratet mit meinen Projekten.«

An diesem Tag sitzt Giegold an einem Ecktisch in der Biokantine des Ökozentrums in der niedersächsischen Reiterstadt Verden. Hier, in diesem Zentrum, einem ehemaligen Kasernengebäude, das Giegold mit Gleichgesinnten vor Jahren umbaute, steht die Wiege des deutschen Attac-Ablegers. Heute arbeiten hier 40 Menschen in ökologischen und politischen Initiativen – vom Biobaumarkt bis zum Büro für Internetkampagnen. Giegold grüßt jeden, der vorbeikommt. Man kennt ihn. Fast hastig schaufelt er Bratkartoffeln auf die Gabel, während er über Handelspolitik spricht. Nebenbei verschickt er EMails von seinem Laptop. Mehrfach klingelt das Handy. Unhandlich groß ist es, ein veraltetes Modell. Dafür sei es strahlenarm, sagt er. Er wirkt ernst und lacht nur selten. Und dann ein wenig schrill.

Seit wenigen Wochen ist Giegold bei den Grünen. Im September trat er in den Düsseldorfer Kreisverband ein. Selbst Realos hießen ihn willkommen. Er ist neu in der Partei – und will gleich Europaabgeordneter werden. Ende Januar werden die Grünen ihre Kandidatenliste für die Europawahl im Juni 2009 beschließen. Giegolds Chancen auf einen vorderen Listenplatz stehen gut. Er weiß: Parteipolitik mit Fraktionsdisziplin und Wahlkampfdruck funktioniert anders als der Protest auf der Straße. Früher sagte er sogar: »Ehrliche politische Arbeit kann nur von außerparlamentarischen Gruppen betrieben werden.«

Vielleicht zieht es Giegold deshalb nach Brüssel und nicht nach Berlin. Der Fraktionszwang sei im Europaparlament weniger stark, die Entscheidungsfindung offener, sagt er. »Außerdem hat die EU viel Einfluss auf die Klimapolitik.«

Sein Wechsel vom außerparlamentarischen Protest in die etablierte Politik vollzieht sich unauffällig. Nicht alle sind überrascht. »Sven ist sehr aufstiegsbewusst«, sagt Peter Wahl, der Attac Deutschland einst mitgründete und heute im wissenschaftlichen Beirat der Bewegung sitzt. Vorwürfe, sein Einsatz für Attac sei von Anfang an auf eine politische Karriere angelegt gewesen, haben Giegold getroffen. »So funktioniere ich nicht, ich bin kein Karrieremensch.«

Darauf angelegt hat er es in der Tat nicht. Vor einigen Jahren ging Giegold mit den Grünen hart ins Gericht. Er wetterte gegen den »neoliberalen Kurs« der rot-grünen Koalitionsregierung. Den Atomausstiegskonsens kritisierte der Wirtschaftswissenschaftler als unzureichend, die Steuerpolitik als »soziale Unwucht«, da sie denen oben mehr Entlastung brächte als denen unten. »Er hatte damals ein pauschales Urteil«, erinnert sich die grüne Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt.

Heute glaubt der Parteineuling, die Grünen hätten Korrekturen gegenüber ihrer Regierungspolitik vollzogen – zugunsten sozialer Gerechtigkeit. Stolz ist er auf den »Green New Deal«, mit dem er sich auf dem Erfurter Parteitag im November durchsetzen konnte. Im Kern ist dieser Antrag grüne Wirtschaftspolitik: Investitionen in grüne Industrien, umfassende Finanzmarktreformen, mehr Klimaschutz.

Die Linke wollte ihn als Kandidaten, aber die ist ihm zu ungrün und national

Anders als viele Attacis hegte Giegold nie Sympathien für die Linke. Dabei wollte die ihn als Kandidaten für die Bundestagswahl 2005 gewinnen. Er lehnte ab. Der Linken fehle der ökologische Kompass, ihre Politik sei zu nationalstaatlich – und ihr Chef Oskar Lafontaine ein »populistischer Kämpfer«.

Schon früh träumt Giegold von Ökodörfern und selbst verwalteten Kommunen. Alles beginnt bei einem Schulausflug in den Harz. Dort zeigt die Biologielehrerin der Klasse die Folgen des Waldsterbens. Der Anblick kahler Bergrücken rüttelt den 13-Jährigen auf. Er tritt der Umwelt-AG bei, kauft Recyclingpapier, verzichtet auf Einwegverpackungen, pflegt Streuobstwiesen und hebt ein Feuchtbiotop für Libellen aus. Er wird Mitglied in der Jugend des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland und gründet mehrere Umweltgruppen für junge Leute. Sein Engagement wird bald politisch. Als Schüler protestiert er gegen die Abiturreform in Niedersachsen, als Student gegen den G-8-Gipfel 1998 in Birmingham. Dort erlebt er die Politologin und Attac-Aktivistin Susan George. Sie weckt sein Interesse für das Globalisierungsthema. In der Umweltbewegung hat er oft das Gefühl, nur lokal etwas ausrichten zu können. Die heimischen Libellen rettet er, aber Brasiliens Regenwald wird weiter gerodet.

»Am Ende entscheidet über alles die Wirtschaft«, glaubt Giegold. Diese Einsicht gibt den Ausschlag für ein Ökonomiestudium, das ihn von Lüneburg über Bremen nach Birmingham führt. Als Student und bekennender Anarchist verteilt er zunächst Flugblätter, auf denen er die Abschaffung des Kapitalismus fordert. »Im ersten Semester habe ich begriffen, dass das Unsinn ist.« Es ist der erste Schritt in Giegolds Entwicklung vom politisch Radikalen zum gemäßigten Politiker. Seither vertritt er pragmatischere Positionen. »Bei Attac repräsentiert Sven den rechten, grünen Rand«, sagt Attac-Urgestein Wahl. Selbst schwarz-grünen Koalitionen gegenüber ist Giegold aufgeschlossen.

»Sven ist zutiefst intrinsisch motiviert«, sagt die langjährige Mitbewohnerin Marianne Koch. Sein Jugendfreund Felix Kolb bescheinigt ihm ein »ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden«. Ob verschmutzte Luft oder hungernde Kinder – es wühlt ihn auf. Andere verdrängen, er protestiert. »Ich könnte mich anders nicht ertragen«, sagt Giegold. Er ist Christ und sitzt in der Präsidialversammlung des Evangelischen Kirchentags. Er lese viel in der Bibel, sagt Giegold. Er, der im öffentlichen Streitgespräch zuspitzt und provoziert, wirkt in der persönlichen Unterhaltung wie jemand, der abwägt und differenziert. »Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch«, sagt er.

Neulich war Giegold wieder auf der Straße. Wieder einmal rollten Castor-Züge nach Gorleben. Die Sitzblockade der Demonstranten verzögerte den Atommülltransport, konnte ihn aber nicht aufhalten. Macht Idealismus nicht irgendwann der Ernüchterung Platz? »Ich bin ziemlich frustresistent«, antwortet Giegold fast trotzig.

Beruflich ist er der Umtriebige, der für Vorträge mit Laptop und Rucksack durch Europa tourt und im ICE und in der Bahnhofs-Lounge arbeitet. Privat bleibt er ein Gemeinschaftsmensch. Einer, der eine vertraute Umgebung braucht. Als das Bundesbüro von Attac zwei Jahre nach Gründung nach Frankfurt am Main zog, blieb Giegold in Niedersachsen. Er ging nach Stedorf, einem 2000-Einwohner-Idyll zwischen Weser und Aller, zehn Kilometer südlich von Verden. Noch heute lebt er dort in einer Wohngemeinschaft mit seiner Lebensgefährtin, zwei befreundeten Paaren, einem Kind, zwei Katzen und einem Hund. Insgesamt 17 Menschen bewohnen den Ökohof, den die Kommune mit umweltverträglichen Baustoffen saniert hat. »Das ist seine Familie«, sagt Marianne Koch. Und die will er auch als EU-Abgeordneter nicht verlassen. Lieber würde er nach Brüssel pendeln, mit der Bahn, versteht sich.

Bisher lebt Giegold von 1000 Euro im Monat, die er durch Vorträge verdient und von der Bewegungsstiftung erhält. Als EU-Abgeordneter würde er über Diäten von gut 7400 Euro verfügen. »Ich weiß gar nicht, was ich mit dem Geld machen soll«, sagt er. »Materialismus ist Sven fremd«, bestätigt Felix Kolb, »er lebt absolut spartanisch.« Seine Freizeit verbringt Giegold am liebsten im Wald, sammelt Pilze oder beobachtet Vögel. Viele trauen dem politischen Quereinsteiger eine Parteikarriere zu. »Sven strebt nach Höherem«, sagt Wahl. Der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit sagte einmal nach einem Streitgespräch mit dem Attac-Aktivisten in der taz: »Es sprach Sven Giegold, der künftige Finanzminister.«

Fotos: Nikolai Wolff/Fotoetage für DIE ZEIT; Klein v.o.n.u.: Sean Gallup/Getty Images; Bert Bostelmann/argum; Jens Meyer/AP

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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