Was könnte ich alles lernen von Dir

Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt im brieflichen Zwiegespräch Von Haug von Kuenheim

Es ist dies ein Briefwechsel, der mich sehr berührt. Ich glaubte bislang, die Gräfin gut zu kennen, nach vierzig Jahren mit ihr zusammen in der ZEIT, unzähligen Gesprächen, Diskussionen, langen Spaziergängen, gemeinsamen Reisen in die ostpreußische Heimat. Jetzt, sechs Jahre nach ihrem Tod, entdecke ich sie in ihren Briefen von Neuem und erlebe einen Menschen, der sich mir in vielerlei bislang nicht wahrgenommenen Dimensionen erschließt. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf das, was Marion Dönhoff geschrieben hat.

Über dreieinhalb Jahrzehnte, von den späten dreißiger Jahren bis 1974, führten Marion Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt einen intensiven Briefwechsel. Sie war Ende zwanzig, er fast zwanzig Jahre älter. Sie kannten sich aus der Zeit, als die junge ostpreußische Gräfin in Basel studierte. Doch erst während Carl Jacob Burckhardts Zeit als Hoher Kommissar von 1937 bis 1939 in Danzig, als er, wie der Herausgeber Ulrich Schlie schreibt, auf dem Dönhoffschen Besitz in Friedrichstein bei Königsberg »ein und aus ging und insbesondere gemeinsame Jagdpartien unternommen wurden«, kam man in eine nähere Verbindung, in die auch Marion Dönhoffs ältere Schwester Yvonne eingeschlossen war.

Marion Dönhoff hat den Älteren verehrt und vielleicht sogar geliebt. Obwohl beide in ihren politischen Auffassungen konträr waren – er war ein in der Wolle gefärbter Konservativer –, hatte Marion Dönhoff an dem Schweizer Grandseigneur, dem weltgewandten und geistreichen Raconteur, der sich »noch gut an den charakteristischen Pferdegeruch der großen Städte« erinnern konnte und aus einer versunkenen Welt zu stammen schien – »welches Vergnügen, mit ihm durch Rom oder Paris zu wandern: Überall lebten für ihn die Geister der vergangenen Zeiten« –, schlicht gesagt einen Narren gefressen.

In ihrer Reihe über Menschen, die wissen, worum es geht, hat sie ein intensives Porträt von ihm gezeichnet, eine »magistrale« Erscheinung nennt sie ihn. Er sei eine ungewöhnliche Mischung von Intuition und Intellekt, von Musischem und Rationalem. Immer habe er reflektiert, geforscht und geschrieben – als Professor in Zürich, als Präsident des Internationalen Roten Kreuzes und als Botschafter in Paris. »Herrgott, was könnte ich alles lernen von Dir«, schrieb sie einmal, immerhin war sie damals schon 47 Jahre alt, »und ich glaube, ich wäre kein schlechter Schüler.«

Er sah sie gewiss nicht als seine Schülerin, auch wenn solche Worte seiner Eitelkeit womöglich geschmeichelt haben. Sie war für ihn eine Geistesverwandte, die er seinerseits verehrte, aber oft auch kritisierte: »All Dein Denken entsteigt dem Bade der Hoffnung. Aber ich vermag Dir nicht zu folgen.« Sein letzter Brief an Marion Dönhoff, kurz vor seinem Tod, zeigt die Tiefe der Zuneigung, die der Ältere für sie empfunden hat. »Wieviel dachte ich [] zurück. Wieviel an Dich! Wir sahen uns in Ostpreußen, kannten uns aber gut erst, als ich ein älterer Herr in den ›Sechzigern‹ war. Nun wurde mir zurückblickend deutlich, daß ich eine bestimmte Lebensmöglichkeit in ihrer höchsten Steigerung durch Dich, Du geistiges Wesen – in ihrer höchsten Erfüllung kennengelernt habe.«

»Fand beim Aufräumen den ersten Aufsatz meines Lebens, Ritt gen Westen, fand es interessant, die schon ganz vergessene Atmosphäre wieder vor Augen geführt zu bekommen, daß ich ihn Dir schicke«, schreibt im Februar 1966 Marion Dönhoff an Carl Jacob Burckhardt. Jener Aufsatz ist ein sehr dichtes Stück Prosa, der im Juni 1946 in der ZEIT, ihr erster Beitrag in der Zeitung, abgedruckt wurde. Burckhardt erinnert sich Jahre später an dieses Stück und kennt sicher auch ihr erstes Buch Namen, die keiner mehr nennt, in dem sie ihren Flucht-Ritt ausführlicher schildert, wenn er ihr schreibt: »Dir möchte ich wünschen, daß Du bald von Gehetze, Lärm und Blitzlichtblendung und Tagesgeschehen frei wirst und früher, als es mir möglich war, zum Schreiben kämest… Also schreibe, schreibe, solange es Zeit ist! Wer im Stande ist, einen so herzzerreißenden Aufsatz abzufassen, wie Du ihn Deinem Ostpreußen gewidmet hast, kann ganz Großes, Dichterisches schaffen.«

Burckhardt übertreibt nicht. Und das ist das überraschend Schöne: In vielen Briefen an ihn zeigt Marion Dönhoff, wie wunderbar sie schreiben und formulieren kann, dass ihr Bilder von besonderer Kraft gelingen und sie mit leichter Hand auf knappsten Raum eine atmosphärische Dichte herbeizaubert. Ihre politischen Artikel hatten ihren eigenen, klaren, schnörkellosen Duktus, sie war als Journalistin keine Schönschreiberin und wollte es auch nicht sein, aber sie war sehr wohl eine wirkungsmächtige Autorin. Ihr Stil bestand aus dem Dreiklang von politischer Intelligenz, einer sehr klaren Sprache und einer Entschiedenheit im Urteil.

Marion Dönhoff hätte wohl liebend gern, so klingt es immer wieder in ihren Briefen an, ihrer poetischen Ader mehr Raum gegeben – doch sie war nun einmal ein Pflichtmensch. »Da ist eine Aufgabe, und die muss man machen«, pflegte sie zu sagen. Und ihre Aufgabe war die ZEIT. Am letzten Tag des Jahres 1956 schreibt sie davon, wie sehr sie hingegeben sei an ihren »ephemeren« Beruf, doch wenn sie in ihm etwas Vernünftiges geleistet haben werde, »dann werde ich Wichtigeres tun«. Nun, dies hatte sie Silvester 1956 geschrieben. Sie war zwar schon damals die unser Blatt prägende Figur, doch, so frage ich mich, hätte sie ihre Rolle als Journalistin zwanzig, dreißig Jahre später immer noch so ephemer, so vorübergehend gesehen? War der tägliche Gang in den sechsten Stock des Hamburger Pressehauses ihr wirklich nur Last, eine Aufgabe, die gemacht werden muss? War die ZEIT letztlich nicht doch auch ihr Leben?

Besuchte ich Marion Dönhoff in ihrem Blankeneser Häuschen oder machten wir ausgedehnte Spaziergänge, dabei stets das Geschenk ihres Freundes Burckhardt, eine ungebärdige Boxerhündin namens Basra, wurde nie Persönliches angesprochen, außer wenn die Rede auf Ostpreußen kam – es gab nur ein Thema, unsere Zeitung und die Weltläufte. Und ich hatte nie das Gefühl, die Arbeit an oder in unserem Blatt sei ihr eine Last, im Gegenteil, sie vermittelte, die ZEIT sei ihr nicht nur wichtig, die Arbeit und das Miteinander in der Redaktion machten Freude, ja sogar Spaß.

Dennoch, da war etwas, was sie nicht nach außen trug. In vielen Briefen klingt dies an, eine Sehnsucht, ja wonach? Während der Ferientage auf der irischen Farm ihres Bruders berichtet sie von der Arbeit auf dem Lande. »Gott, ist so ein Leben sinnvoll und schön! – Nichts Unnützes geschieht, alles dreht sich um Wesentliches: edle Arbeit ist eine schöpferische Tat, die unabhängig vom Geldverdienen ihren Sinn hat.«

Natürlich geht es in dem Briefwechsel auch um politische Fragen und um Akteure auf der politischen Bühne, es geht um Historie, aber ebenso um Banales und Komisches, etwa wenn Basra in der Badewanne einen Pudelbastard zur Welt bringt. Kurz, diese Briefe zeigen eine Marion Dönhoff, die ich und bestimmt viele andere so nicht kannten, die nun noch viel liebenswerter geworden ist, weil Verborgenes zutage tritt, die verdeckte Sehnsucht nach dem ersten Leben, verdeckt aber auch vor sich selber.

Marion Gräfin Dönhoff und Carl Jacob Burckhardt: »Mehr als ich Dir jemals werde erzählen können«. Ein Briefwechsel

hrsg. v. Ulrich Schlie; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008; 383 S., 22,– €

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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