Pyrotechniker Wumms mit NiveauMarkus Katterle
Markus Katterle ist ein weltberühmter Feuerwerker. Er selbst sieht sich als Künstler
Bis zu jenem Tag Anfang der achtziger Jahre, als es plötzlich auf einer Bielefelder Bühne minutenlang krachte, blitzte, explodierte, schoss und brannte, hätte man Markus Katterle wohl eine einigermaßen normale bürgerliche Entwicklung prophezeit. 1960 geboren, Bildung beförderndes Elternhaus, gut sozialdemokratisch, der Sohn interessierte sich für die Schauspielerei, machte Abi und danach – klar! – Zivildienst. Während er auf einen Studienplatz wartete, jobbte er im städtischen Theater als Requisiteur.
In Bielefeld wurde Pavel Kohouts Einakter Krieg im dritten Stock gegeben. In dem Stück lassen die Supermächte ihren Konflikt von Stellvertretern im Schlafzimmer austragen. In der Inszenierung eskalierte die Sache aufs Dramatischste, im Finale kamen Mengen von Explosivstoffen zum Einsatz. Auch eine ziemlich echt wirkende Maschinenpistole, von Katterle selbst zusammengeschweißt. Beim Applaus lag die Bühne in Schutt und Asche.
Die Floskel von der Initialzündung drängt sich auf. Denn ab sofort bestimmte eine neue, heißere Logik die Karriere des amtlich geprüften Friedfertigen. Der Jungrequisiteur war so unvorsichtig, die MP-Attrappe an jemanden außerhalb des Theaters zu verleihen. Eine Bürgerin wurde aufmerksam, ein Spezialeinsatzkommando rollte an. Im Theater erschien das Bundeskriminalamt und suchte den für Donner, Waffen und Spezialeffekte verantwortlichen Feuerwerker. So einen gab es aber an der Bielefelder Bühne nicht, also musste einer her. Katterle hob die Hand – und wurde schleunigst zum »Großfeuerwerker« ausgebildet. Er erwarb den Sprengberechtigungsschein und ein Zertifikat zum Herstellen von Schwarzpulverprodukten. Er entwickelte neue Techniken für Indoor-Feuerwerke, verdiente Geld damit und begann sich einen Namen zu machen.
Heute ist Katterle einer der international gefragtesten Spektakelmacher, tätig unter anderem in Thailand, China, Russland und den Scheichtümern. Als Geschäftsführer der Flash Art GmbH ist er Spezialist für Großfeuerwerke, Pyromusicals und andere pyrotechnische Ereignisse, nebenbei auch für Wettersimulationen, Lasershows, Nebeltechnik und Wasserspiele. Er selbst drückt es noch etwas unbescheidener aus: Er ist Fachmann für Glücksgefühle und Erinnerungswerte.
Ein kleines Gewerbegebiet in Bielefeld. Unauffällige Zweckbauten. Ein paar besonders gesicherte Türen. In der Nähe ein Bunker. Dort versteckt Katterle Explosives der Gefahrenklasse 1,4 oder schlimmer. Gewöhnliche Raketen, selbst machtvolle Röhren mit höllischem Treibsatz, sind weder Thema noch Stand der Technik – der Großfeuerwerker bevorzugt sogenannte Bomben. Das Rohr bleibt am Boden, das mit Zündern präparierte Schwarzpulver macht sich allein auf den Weg. Nur so kann man unter pyrotechnischen Gigantomanen was werden, also etwa Bomben in den Himmel schießen, die – das gibt es wirklich – einen Durchmesser von über einem Meter haben.
»In Deutschland ist man als Pyrotechniker sehr allein«
Die eigentliche Basis des Geschäfts mit den Himmelsbildern liegt in einem gar nicht speziell gesicherten Lagerraum, auf Regalbrettern. Lauter kleine schwarze Kisten, an die man Kabel anklemmen kann. »Zündcomputer«, sagt Katterle, »jeder einzelne kostet so viel wie ein PC.« Hunderte stapeln sich hier. Einmal verkabelt, wird jede Kiste zum Baustein eines komplexen Rechnernetzes. Bei Bedarf verfügt der Feuerwerker somit über bis zu 1600 Einzelkanäle. Nur auf diese Weise lässt sich das Feierfeuer so bändigen, dass eine halb- oder gar ganzstündige musiksynchrone Lichtkomposition entsteht. Aus dem Feuermagier alter Zeiten ist ein Computerspezialist geworden.
Eine Herausforderung bleibt das große Höhenfeuerwerk oder das pyrotechnische und lasergestützte In-Szene-Setzen eines Bauwerks oder Ortes weiterhin. Zum Beispiel die feierliche Taufe des Kreuzfahrtschiffs Aida Diva 2007 in Hamburg, als Katterle zum machtvollen Technikwummern vom Band einen Teil des Hafens bespielte. Kilometer an Kabeln mussten verlegt werden, Wasserflächen wurden mit Funkstrecken überbrückt, sämtliche Feuerwerkskörper wollten verkabelt sein und sicheren Kontakt haben. Einen Tag dauerte allein der Check, der Zentralrechner spielte das Feuerwerk probehalber durch. Und am Ende ging natürlich doch etwas schief. Der Feuerwerkfunk wurde durch das Hafen-Radar irritiert, ganze Teile der Inszenierung konnten nicht angesteuert werden. Zum Glück sind derartige Partialausfälle fürs Publikum kaum wahrnehmbar.
Die Referenzliste des modernen Lichtmagiers ist eindrucksvoll. Dubai Shopping Festival, Fußball-WM in Berlin, 1250 Jahre Istanbul, Eröffnung der Allianz-Arena in München, Expo 2000 – die Bielefelder lieferten die Show. Da müsste doch das fetteste Geschäft im Jahr über Silvester zu erwarten sein. Mitnichten! Jedenfalls nicht in der Heimat. Kaum eine deutsche Stadt begrüßt das neue Jahr mit einem professionell gemachten Großfeuerwerk. »In Deutschland ist man als Pyrotechniker sehr allein.« Überall auf der Welt ist bekannt, dass Geld in Feuerwerken gut angelegt ist, nur die Heimat ist ein Selbstballermarkt. »Silvester machen wir die größte Show in Vilnius und nicht etwa in Deutschland«, schimpft der Meister. Man betrachte Bielefeld: fünf Philharmonien im Umkreis von 70 Kilometern! Doch nähme nur jeder Bielefelder lächerliche 50 Cent in die Hand, man hätte gleich das größte Spektakel Deutschlands.
Auf »Brot statt Böller« kommt Markus Katterle ganz von allein zu sprechen. »Dieser Pietismus! Feiern gilt bei uns als Luxus!« Und Luxus ist vom Teufel, das ist altes protestantisches Erbe. Wer sein Geld verballert, lässt mitleidlos Menschen verhungern, suggeriert die populäre Alliteration. Und wo er schon mal in der selbst gewählten Defensive ist: »Natürlich produziert ein Feuerwerk CO₂, Feinstaub, Stickoxide und andere Verbrennungsrückstände. Wie ein Lagerfeuer auch.« Er kennt die Zahlen auf ein Tausendstelpromille genau: »Alle privaten und professionellen Feuerwerke zusammen produzieren gerade mal 0,0004 Prozent des Gesamt-CO₂-Ausstoßes hier im Land.«
Er würde auch in Nürnberg hundert Lichter aufstellen
Wahrscheinlich stimmt beides: Ein Großfeuerwerker erntet viel Kritik – und Katterle selbst ist ein skrupulöser Typ, der Vorwürfe schon entkräftet, wenn sie noch nicht formuliert sind. Klar lässt er, wie fast alle, seine Römischen Lichter, Brillantfächer, Goldweiden und Feuertöpfe in China fertigen, von Billiglöhnern, aber doch nicht auf Kosten der Sicherheit! Natürlich kennt er den Fall einer chinesischen Schule, an der geschickte Schüler so lange Silvestersprengsätze fertigten, bis das Gebäude in die Luft flog. »Man muss sich an die Spielregeln halten«, sagt er.
Und er selber? Hat er manchmal Angst? »Nur Respekt« habe er vor der verkapselten Gewalt. In seiner Firma sei noch niemand schwer verletzt worden. Selbst eins der spektakulärsten Desaster in der Szene, das seinen großen Kollegen André Heller betraf, forderte keine Opfer. Heller wollte in Lissabon 1983 ein gewaltiges »Feuertheater« inszenieren, doch ausgerechnet er erlebte den Albtraum jedes Großfeuerwerkers: Die komplette Ladung ging nicht schön verteilt über eine Stunde, sondern innerhalb weniger Minuten hoch. Den Leuten soll es trotzdem sehr gefallen haben.
Wie André Heller sieht sich auch Markus Katterle selbst weniger als Techniker oder Logistiker oder Unternehmer. Er fühlt sich als Künstler. Der Auftritt, von dem er am liebsten spricht, war die Inszenierung der Geburtstagsshow für den König von Thailand. Mit Feuer und Musik erzählte er die Geschichte eines jungen Mannes, der eigentlich Intellektueller im Westen sein wollte und aus Pflichtgefühl den Thron seines Landes bestieg. Es ist nicht leicht, als Feuerwerker differenziert zu erzählen. Katterle musste damals viel erklären.
Einiges zu erzählen gab es auch 2001 in Berlin, als er zu Silvester die Siegessäule befeuern wollte. Im Jahr zuvor, zur Millenniumsfeier, hatte der umstrittene Lichtkünstler Gert Hof die Säule auf dem Großen Stern im Tiergarten mit Lichtsäulen geschmückt, die viele Menschen an den »Lichtdom« des Naziarchitekten Albert Speer erinnerten, der auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände 150 Flakscheinwerfer in die Nacht strahlen ließ. Katterle, der öfter mit Hof zusammenarbeitet, versuchte ein Jahr später mit Licht und Feuer die ganze Geschichte der Säule zu erzählen, vom Kaiser über Hitler bis zur Love-Parade.
»Die Nazis haben die Lichtinszenierungen missbraucht«, sagt Katterle. Einen eigenen Zugang zu solchen Ausdrucksmöglichkeiten will er sich darum aber nicht verbieten lassen. Er würde auch gern einmal »in Nürnberg hundert Lichter aufstellen. Damit hätte ich kein Problem.« Nicht einmal gegen tausend Fackelträger hätte er Einwände. Man müsse nur dem Publikum vermitteln, was man da tue. Die Aktion reflektieren.
Mit solchen Bedenken und feinsinnigen Reflexionen hat das wahre Leben leider wenig zu tun. Der spendable Auftraggeber, der es sich leisten will und kann, sich mal selbst zu feiern, es mal so richtig krachen zu lassen, mag es meist weniger differenziert. »Groß, laut, viel«, beschreibt Katterle den Normalauftrag. Und bunt muss es sein. Wobei arabische Länder besonders eine Farbe bevorzugen, die hierzulande weniger feierlich wirkt: Grün. Ein Feuerwerk erzählt paradoxerweise immer auch vom Mangel in der Welt. Vom Mangel an Licht. Vom Mangel an Pracht. Und in der Wüste eben vom Mangel an Blattgrün.
- Datum 23.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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In dem Artikel über den Pyrotechniker fehlt jeder Hinweis über die Lärmbelästigung, die das Abbrennen von Feuerwerk mit sich bringt. Häufig werden die zulässigen Lärmgrenzwerte überschritten. Leider hat die Feuerwerkerei -genehmigt und illegal- stark zugenommen in den letzten Jahren. Es ist zu einer Plage geworden. Eine Plage für Menschen in Großstädten, die nach Feierabend Ruhe suchen. Nicht jeder will überrall und immer mehr Party haben. Das müssen auch die Pyrotechniker verstehen.
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