Und ewig fließt der Don
Fritz Pleitgen erzählt unterhaltsam und informativ von Russland
Fritz Pleitgen ist groß, und Väterchen Don ist weit. Gleich um zwei Schriftgrade übertrifft der Name des einstigen Moskau-Korrespondenten das Objekt seiner Liebe zu Russland, das er in diesem Jahr für Buch und Film zu Weihnachten gewählt hat. Doch wenn das einem Reporter nachzusehen ist, dann diesem Veteranen mit der »breiten Natur«, die russische Dissidenten, Künstler und Kremlfunktionäre gleichermaßen anerkannten. Nun also der Schicksalsfluss der Russen, Tataren und Kosaken, der Goldenen und der anderen Horden bis zu Hitlers Truppen: In Pleitgens Augen ist er »Inbegriff für die Geschichte und das Wesen Russlands«. Und da gute Schriftsteller sie begleiten mit klangvollen Zitaten, fließen die Arbeit und die Reise munter fort: Von Tolstojs Landgut, nahe der Quelle südlich von Moskau, vorbei an den Schlachtfeldern, Höhlenklöstern, Eisanglern bis zu den von Tschechow beschriebenen Steppen vor der Don-Mündung ins Asowsche Meer.
Auf 2000 Kilometern bleibt viel Zeit für Dichtung und Wahrheit, für heroische Legenden, die Museumsdirektoren als Meilensteine russischer Historie ausmalen, für Tolstojs Ehekrieg, für den nie beendeten Streit, ob Der stille Don von anderen abgeschrieben ist oder doch von Michail Scholochow stammt. Und ewig biegen sich die Tische von russischer Gastfreundschaft. Zu Trinksprüchen fließt der Wodka, der das Fernsehteam wohl öfter dem Don ähneln ließ. Denn der sieht bei Tauwetter »verkatert« aus, wie Pleitgen launig beschreibt. Manch schönes Bild gelingt ihm da. So fühlt er sich beim Barte Tolstojs an einen Wasserfall erinnert. Andere Passagen und Interviews dagegen sind bisweilen schlicht vom Gebot für Festtagsfilme und -bücher geprägt, wonach Eingängigkeit für Anschauung sorgen soll.
Am stärksten bewegt das Buch, wo immer der Autor den Spuren der russisch-deutschen Vergangenheit nachgeht. Im Städtchen Jepifan, das von der Wehrmacht 1941 so vernichtet wurde, dass es selbst in den Nürnberger Prozessen als Beispiel grausiger Zerstörungswut Erwähnung fand. In Woronesch, wo die Rote Armee das linke und die Deutschen das rechte Don-Ufer besetzt hielten und 212 Tage lang um die Stadt kämpften, fand er in einem Armutswinkel den 84-jährigen Pawel Artschakow. Seit seinem 17. Lebensjahr kämpfte der in vorderster Frontlinie von Brest bis Moskau und zurück über den Don bis Berlin. Und doch trifft der Journalist bei allem Sichumhören auf ein Urteil über das heutige Verhältnis zu den Deutschen, das er geradezu »erschütternd positiv« nennt.
In eine hierzulande kaum noch vorstellbare Welt führen Fritz Pleitgens Besuche in Kirchen und Klöstern, seine Fragen an Exkampfflieger, Studentinnen, Schauspieler oder auch Ehepaare mit Kindern, die sich gemeinsam von der Welt abgewandt haben, um, für immer getrennt, als Priester oder Nonnen weiterzuleben. Ein Novize, von dem der Reporter wissen will, ob er keine Lust verspüre, in andere Länder zu reisen, antwortet: »Braucht man das … einfach so zu reisen. Das ist schädlich; denn die Welt ist voll von überflüssigen Dingen.«
Welch eine Weite hat Väterchen Don noch zu bieten, gemessen an Moskaus »neuen Russen«, die Konsumtempel und Luxushotels bevölkern, Fußballvereine, Flugplätze und ganze Inseln kaufen. Christian Schmidt-Häuer
Buch im Gespräch
Fritz Pleitgen:
Väterchen Don
Der Fluss der Kosaken; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008; 366 S., 19,95 €
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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