ReligionEuropas große Rebellion

Der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch hat ein stupend gelehrsames Werk zur Geschichte der Reformation geschrieben von 

Als neuer Heiland wird Luther dargestellt in dieser Radierung "Luthers Geburt" von Gustav König, 1847. Die frisch entbundene Dame im Hintergrund wird wohl die katholische Kirche sein

Als neuer Heiland wird Luther dargestellt in dieser Radierung "Luthers Geburt" von Gustav König, 1847. Die frisch entbundene Dame im Hintergrund wird wohl die katholische Kirche sein  |  © AKG

Man dürfe die Geschichte nicht nur aus der Sicht der Sieger schreiben. Diese Mahnung des Bundespräsidenten Gustav Heinemann bezog sich seinerzeit auf die unterlegenen, oft vergessenen frühen Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte. Der Erzprotestant Heinemann hätte diese Mahnung auch auf die Geschichte des Protestantismus und der vielen oft vergessenen, oft unterlegenen Reformatoren, Rebellen, ja Revolutionäre der Kirchengeschichte (und nicht nur der deutschen) beziehen können. Hält man sich nämlich nicht an diese kritische Maxime, so kommt auch in der Reformationsgeschichte ein verdünnter Hegelianismus heraus: Was vernünftig ist, das wird wirklich; und was sich durchgesetzt hat, war eben (allein) vernünftig. Dann bleiben nur noch Luther (und Melanchthon), Zwingli, Calvin… Der Rest verschwindet im Papierkorb des Bewusstseins, allenfalls in den Katakomben der Fachliteratur.

Insofern wurde Diarmaid MacCullochs Werk zur Reformationsgeschichte, das in englischer Sprache im Jahr 2003 erschienen ist, gerade rechtzeitig ins Deutsche übersetzt. Schickt sich doch der deutsche Protestantismus gerade an, mit einer "Luther-Dekade" einen lang gestreckten Anlauf zu nehmen auf das Luther-Jubeljahr 2017. Der 31. Oktober des Jahres 1517 gilt als der Tag der Reformation, der auf Geheiß des Kurfürsten Johann Georg II. seit 1667, also 150 Jahre später einsetzend, als "Reformationstag" (zunächst in Sachsen und später in immer mehr Territorien) begangen wird. Dabei ist nicht nur zweifelhaft, ob Martin Luther an jenem Tag seine 95 Bußthesen tatsächlich an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen hat, sondern auch, ob der eigentliche "reformatorische Durchbruch" im Denken Luthers nicht einige Zeit später erfolgt ist. Aber Völker, auch Glaubensvölker, brauchen offenbar ihre plastischen Mythen und siegreichen Helden.

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Wie wirksam (und auch verkaufswirksam) solche Mythen sind, erkennt man nicht nur daran, dass MacCullochs Buch, das angetreten ist, diese Versimpelungen unseres Bildes der Reformation gründlich – wie sagt man? – zu dekonstruieren, von seinem deutschen Verlag mit einem Schutzumschlag versehen worden ist, der (ausgerechnet!) Luther vor dem Reichstag in Worms zeigt, die legendären, aber eben nicht historischen Worte ausrufend: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir!

Doch gerade solche konfessionellen (und nationalen!) Engführungen der Kirchengeschichte an der Wende zum 16. Jahrhundert aufzusprengen und zu unterlaufen, hat sich Diarmaid MacCulloch, der berühmte englische Kirchengeschichtler aus Oxford, vorgenommen. Seine Darstellung ist frei von jedem Triumphalismus, ja man kann aufgrund des englischen Originaltitels seines Werkes fast vermuten, dass er jenen "Sieg", der sich als Reformation durchgesetzt hat, eher für ein Unglück hält: Reformation. Europe’s House Divided – so als habe dieser Vorgang nicht nur die Kirche, sondern auch den Kontinent zerrissen. Das trifft zwar für ganze Epochen zweifellos zu, aber man kann dagegen durchaus fragen, ob sich nicht das, was heute das spezifische europäische Bewusstsein ausmacht, gerade jenem zunächst äußerst schmerzhaften Durchbruch des Pluralismus verdankt, insofern also durchaus auch einer theologischen wie politischen Notwendigkeit.

Wie dem auch sei: MacCulloch zeigt in stupender Gelehrsamkeit und Materialfülle, welche Gärungsprozesse bereits in der (scheinbar) noch intakten weströmischen Kirche des 15. Jahrhunderts stattfanden und wie vielfältig sich die höchst verschiedenen "Reformationen" an der Schwelle zum 16. Jahrhundert entfalteten, wie ihre Wechsel- und Gegenwirkungen sich in Europa und in dessen politischem Flickenteppich ausbreiteten und mit politischen Konfliktlinien überkreuzten. MacCullochs geistiger Radarschirm zeigt die unterschiedlichsten beweglichen Objekte und Subjekte an, von Italien über Spanien, Frankreich, England, Schottland, Skandinavien bis nach Litauen, Polen, Böhmen, Österreich, Ungarn, Siebenbürgen – und mittendrin das Heilige Römische Reich und die "Reformationsstädte" Zürich, Genf, Straßburg, Wittenberg, Emden – um nur die wichtigsten zu nennen.

Wer sich durch die fast tausend Seiten des Werkes gearbeitet hat, das keineswegs nur für Experten gedacht und zugänglich ist, dürfte ein für alle Mal von jedem konfessionellen Provinzialismus geheilt und dauerhaft dafür sensibilisiert sein, dass jeder historische "Sieg" teure Opfer kostet. Gleichzeitig aber regen sich auch kritische Sorgen, denn es fragt sich angesichts solcher Gesamtdarstellungen fast notwendigerweise, ob sie nicht mit bedenklichen Verkürzungen und Vergröberungen in der Einzeldarstellung erkauft werden. Da findet sich zum Beispiel schon früh eine Glosse zu Machiavelli, die unangemessen und wenig informiert erscheint. Ernster schon: Der Autor unterstellt, Luther habe in einer seiner ersten Frühschriften einen fundamentalen Tabubruch gegen das kanonische Recht begangen, indem er "unehelich Geborene" für fähig erklärte, das Priesteramt zu übernehmen. Hätte er im Original gelesen (oder hätten wenigstens die Übersetzer eine moderne Ausgabe des Traktats An den christlichen Adel… konsultiert), hätte sich schnell gezeigt, dass die altertümliche Formulierung "er wäre ehelich oder nicht" im Kontext nichts anders heißt als: er sei verheiratet oder nicht. (Das ist zwar auch ein Tabubruch, aber doch ein ganz anderer.)

Schließlich, aber da wird es dann schon parteiisch, unterstellt MacCulloch, Luther habe die Todesstrafe gegen Wiedertäufer und Häretiker gefordert. Staatliche Gewalt gegen Häretiker hatte aber, im Kontrast zu Luther und anderen Reformatoren, zwar Melanchthon gefordert, der bei MacCulloch insgesamt freundlicher – weil konfessionell versöhnlicher – wegkommt, Luther jedoch hatte Melanchthons Gutachten einen Vorbehalt angefügt, wonach der "Staat" die Todesstrafe nur verhängen dürfe, wenn eine Tat zugleich gegen "staatliches" Recht verstoße – also keine Strafe allein wegen religiöser Abweichung; alles andere hätte ja auch, wie man wissen kann, Luthers Abwehr staatlicher Macht über die Gewissen stracks widersprochen.

Wenn nun noch einmal in grundsätzlicherer Absicht die "lutherische" Brille aufgesetzt werden soll, dann nicht aus konfessioneller Vereinsmeierei, sondern um MacCullochs prinzipielle Option sichtbar zu machen. Der Autor hält Luthers Menschenbild und Rechtfertigungslehre, wonach der Mensch sich für sein Heil nicht auf eigene (religiöse) Verdienste stützen, sondern sich nur auf die freie Gnade Gottes (und seinen Glauben daran) verlassen kann, für zutiefst pessimistisch und seine evangelische Botschaft für schmerzhaft und entmutigend. So aber kann man nicht erklären, weshalb seinerzeit und bis heute viele Menschen diese kategorische Entlastung vom religiösen Leistungszwang im Gegenteil als überaus befreiend empfinden.

MacCulloch führt die meisten der Reformatoren zurück auf Augustin und dessen Paulus-Lektüre, insbesondere dessen Absage an die Werkgerechtigkeit. Sodann kontrastiert er aber Augustins "pessimistisches" Menschenbild mit dessen "pragmatischer" Kirchenvorstellung – und gewinnt aus dem Neben- und Gegeneinander von Anthropologie und Ekklesiologie gewissermaßen den archimedischen Punkt einer pragmatischen Balance. Die aber scheint ihm in wesentlichen Strömungen der Reformation verloren gegangen zu sein (daher das geteilte europäische Haus!), während seine Sympathien erkennbar einer Synthese auf der Linie Erasmus, Reginald Pole (und anderen) hin zum anglikanischen Kompromiss gelten. Hätte aber MacCulloch die Rückführung der Reformation ad fontes nicht gewissermaßen bei Augustin enden lassen, sondern ganz bis zu Paulus selbst fortgesetzt, hätte er sich auf eine "harte" Theologie und Anthropologie ganz ohne pragmatische Ekklesiologie beziehen müssen, allerdings auf einen "Kirchenvater", der die bedingungslose theologische Leidenschaft (und Gnadenlehre) der Reformation verständlicher macht.

Im Vorwort erklärt MacCulloch, der zum anglikanischen Diakon geweiht worden war, aber dann auf die Priesterweihe verzichtete, seine Perspektive sei weder konfessionell noch dogmatisch-christlich ausgerichtet: "Ich persönlich billige heute kein wie auch immer geartetes religiöses Dogma (auch wenn ich mich mit einer gewissen Nostalgie daran erinnere, wie es war, als ich es getan habe)." Diese aller Ehren werte Einstellung sorgt für ein temperiertes Klima der Abhandlung, steht aber den prozessbewegenden Leidenschaften merkwürdig interesselos gegenüber, fast so, als wollte man eine Geschichte der Musik schreiben, nachdem sie einen inzwischen kaltlässt. Noch einmal, und grundsätzlich voller Respekt für diesen Überblick: In geschichtlicher Absicht muss sich auch der Theologe eine bewusste Distanz zu seinem eigenen Standpunkt erobern. Aber ein wenig ursprüngliche, wenn auch methodisch gezügelte Leidenschaft darf sich doch auch der Historiker bewahren.

Diarmaid MacCulloch: Die Reformation 1490–1700

A. d. Engl. von Heike Voß-Becher, Klaus Binder und Bernd Leineweber; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008; 1022 S., 49,95 €

Abbildung: Luthers Geburt; Radierung von Gustav König, 1847; spätere Kolorierung; aus: "Luther in bildl. Darstellungen"; Stuttgart 1857; AKG

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