Brauchtum "Glückliche Heiligtage"

Josef Joffe fragt: Wer hat die Weihnacht aus den Grußkarten geklaut?

Friedrich Torberg, der witzigste unter den österreichischen Literaten, berichtet in seinem Buch Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten von einer Dame der Wiener Gesellschaft, die ihre Abscheu gegenüber einem anderen Mitglied derselben auf Austriakisch so kundtat: »Mit der grüß ich mich nicht mehr.«

Wer sich mit wem wann zu grüßen hatte, war in der früheren Geschichte des Abendlandes eine kapitale Frage, die gelegentlich durch ein tödliches Duell beantwortet werden musste. Solche Ehrenhändel kennt der postmoderne Mensch nicht mehr. Umso mehr zerbricht er sich den Kopf darüber, wie er zu grüßen habe, etwa in der Weihnachtszeit. Früher sagte man: »Fröhliche Weihnachten«. Oder auf Englisch: »Merry Christmas«. Dann begann, den Regeln der korrekten Empfindung folgend, die Entchristianisierung der Weihnacht. »Season’s Greetings« hieß es auf einmal, etwa: »Gruß zur Jahreszeit«, jetzt immer häufiger »Happy Holidays«. Inzwischen wünscht auch in Deutschland niemand mehr »Fröhliche Weihnachten«. Es heißt ökumenisch neutral »Frohe Festtage«.

Welches Fest wird hier eigentlich gefeiert? Die Wintersonnenwende? Vor 2000 Jahren wird es so gewesen sein, zumal in den dunklen germanischen Wäldern. Da musste Licht her, viel Licht, um gegen die längste Nacht des Jahres zu bestehen. Die Juden funktionierten den heidnischen Impuls ebenfalls um, mit dem Lichterfest Chanukka, das den mythischen Sieg der Makkabäer (im ersten Befreiungskrieg überhaupt) gegen die griechischen Besatzer zelebrierte. In besseren Zeiten, also vor Adolf Nazi, schlossen Christen und Juden in Deutschland einen historischen Kompromiss: Man wünschte einander ein »schönes Weihnukka«, dergestalt den religiösen Ursprung beider Feste bewahrend, um gleichzeitig ökumenische Verbrüderung zu demonstrieren.

Vorbei, vorbei. Weihnachten wird jetzt grußkartenmäßig voll säkularisiert, um ja nicht deinen Gott meinem vorzuziehen oder mit beiden unsere atheistischen Freunde zu beleidigen. Aus dem Ausland kriegt man Kärtchen mit »Felices Fiestas«, »Meilleurs Voeux« und den traditionellen »Season’s Greetings«. Aus deutschen Landen: »Frohe Feiertage«. Oder gar nix mehr, was an die Geburt Jesu erinnert, zum Beispiel von einer großen Firma: »Wir wünschen allen Freunden unseres Hauses für das Jahr 2009 Kraft, Mut und das Glück des Tüchtigen«.

Das geht noch nicht weit genug. Das korrekte Liedgut enthält nun Gesänge wie »Stille Nacht, lä-häng-ste Nacht«. Oder ebenfalls leicht variiert: »Oh, du fröhliche, oh, du selige Festtagszeit«. Und »Seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht« ist durch sexistischen Vaterbezug kontaminiert worden. Das zarte Christkind ist weitflächig ausgegrenzt worden, vertrieben von korpulenten »Santa Clauses«, dem Inbegriff kapitalistischer Kaufzwänge.

Nur der Präsident des BND wünschte in diesem Jahr »gesegnete Weihnachten«. Das wird dem Bundesfesttagsbeauftragten (Grüne) gemeldet. Der Autor dieser Kolumne findet das neuerdings in Amerika so populäre »Happy Holidays« absolut unverdächtig und wünscht deshalb seinen Leserinnen und Lesern auf Deutsch »Glückliche Heiligtage«. Oder steckt da zu viel »Heiland« drin?

 
Leser-Kommentare
  1. ein in den usa nicht unueblicher gruss unter brights und anderen atheisten (newton wurde, nach dem julianischen kalender, am 25.12.1642 geboren).

    dass sich firmen und andere institutionen in neutrale form ihren kunden angenehme feiertage wuenschen ist doch selbstverstaendlich. also:

    happy newtonmess!

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    • halka
    • 28.12.2008 um 22:53 Uhr

    Newton war tief gläubiger Christ (die Astronomie diente ihm v.a. der Berechnung des kommenden jüngsten Gerichts) und würde sich ihm Grabe umdrehen beim Hören von "Happy Newtonmess". Hier wird ein Mensch an die Stelle Gottes gesetzt. Selbstherrlichkeit! Abgesehen davon, was meinen Sie eigentlich mit NewtonMESS? Das ist eine Unordnung (=mess), Sie haben recht.

    • halka
    • 28.12.2008 um 22:53 Uhr

    Newton war tief gläubiger Christ (die Astronomie diente ihm v.a. der Berechnung des kommenden jüngsten Gerichts) und würde sich ihm Grabe umdrehen beim Hören von "Happy Newtonmess". Hier wird ein Mensch an die Stelle Gottes gesetzt. Selbstherrlichkeit! Abgesehen davon, was meinen Sie eigentlich mit NewtonMESS? Das ist eine Unordnung (=mess), Sie haben recht.

    • CCWW
    • 25.12.2008 um 11:53 Uhr

    ...die Kirche an sich, und ihre Werte, haben viel weniger mit Jesus zu tun, als diese sekulaeren Weihnachtswuensche (und was man so lesen kann wuerd er (Jesus) es genauso sehn).

    Weihnachtsgruesse/wuensche haben naemlich trotz der Nicht-verwendung von Begriffen wie "Weihnachten", oder "Heilig" (sowieso supersubjektiv) in der Regel einen mehr oder weniger ehrlichen Wunsch nach "well-being" des Empfaengers.

    Die Kirche feiert zu Weihnachten nicht Jesus, sonder sich selbst, ein veraltetes Ego gepeinigt mit Schuld der letzten 1500 Jahre.

    Grauslich!

    Cheers & Frohe Weihnachten!
    CC

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    Ach Sie armer Mensch!

    Ach Sie armer Mensch!

    • TDU
    • 25.12.2008 um 12:27 Uhr

    Wer und was auch immer man glaubt. Der, der an diesem Tag zur Welt gekommen ist, dürfte eigentlich keinem zuwider sein, egal welchen Glaubens oder Weltanschauung. Und unabhängig von dem, was man aus seinen Lehren gemacht hat, gibt er vor allem Beispiel und Hoffnung.

    In diesem Sinne wünsche ich den Mitarbeitern der Zeit, egal welchen Glaubens, also auch den "Nicht" Gläubigen, ein durch frohe Gedanken und Empfindungen bestimmtes Weihnachtsfest.

  2. Genau richtig gesagt, TDU. Wie auch immer man grüsst, zu Weihnachten ist es erlaubt an eine heile Welt zu glauben, ob der Heiland Jesus oder Newton heisst. Und wie würden die zwei sich grüssen?

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    • TDU
    • 26.12.2008 um 13:32 Uhr

    Jesus: Frohe Weihnachten, wir sehen uns dann nach Ostern. Newton: Das glaubst Du selbst nicht. Na gut, dann eben schöne Feiertage an Weihnachten. Na gut, Dir auch einen schönen Urlaub.

    'Die Idee war gut, die Welt noch nicht bereit'

    'Keep On Rocking In A Free World' (Neil Young)

    • TDU
    • 26.12.2008 um 13:32 Uhr

    Jesus: Frohe Weihnachten, wir sehen uns dann nach Ostern. Newton: Das glaubst Du selbst nicht. Na gut, dann eben schöne Feiertage an Weihnachten. Na gut, Dir auch einen schönen Urlaub.

    'Die Idee war gut, die Welt noch nicht bereit'

    'Keep On Rocking In A Free World' (Neil Young)

  3. Eine gut gestellte Frage.

    Ich bin auch in diesem Falle für das "Identische", also jeder soll zu dem stehen, was er vertritt und den anderen respektieren, gerade dann, wenn er etwas anderes vertritt, ebenfalls respektbasiertes natürlich. Also Frohe Weihnachten Herr Joffe und Alle Zeitmitarbeiter. Ihr Leser immer interessierter Klaus Moll

  4. Ach Sie armer Mensch!

    Antwort auf "Also..."
  5. kann ich nicht zu beurteilen.

    Dennoch
    wünsche ich Allen, auch aus traditionellen Gründen, ein frohes, geruhsames Weihnachtsfest und einen guten Beschluss.

    • Anonym
    • 25.12.2008 um 16:47 Uhr

    In meiner Familie bringt nicht der saekulaere Weihnachtsmann die Gaben sondern das Christkind (wer hier Debatten mit mir beginnen will wie ein Saeugling das vollbringt der soll mir zuerst sagen wie ein fetter Typ auf einem Schlitten durch die Luft fliegen will :-)

    Weihnachten ist je nach Neigung schon immer ein religioeses oder weltliches FAMILIENFEST gewesen. Betonung auf Letzterem!
    Insofern wundert mich nur dass auch Muslime diese Tradition nicht aufnehmen wollen. Wegen der Abneigung gegenueber anderen Konfessionen und dem Ueberlegenheitsgefuehl des eigenen Glaubens. Dies teilt die Mehrheit der Muslime im Uebrigen mit den Atheisten.

    Genauso wie keiner zum Getauften bekehrt werden will so will sich kein Christ fuer seinen Glauben rechtfertigen muessen! Die Wenigstens an den 3 Weihnachtstagen kann man erwarten dass die Oberlehrer einfach mal still sind. Ihr koennt es ja als gesetzlichen Feiertag und Urlaubsgrund geniessen, so oder so.

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    • Hugo_P
    • 26.12.2008 um 13:23 Uhr

    (wer hier Debatten mit mir beginnen will wie ein Saeugling das vollbringt der soll mir zuerst sagen wie ein fetter Typ auf einem Schlitten durch die Luft fliegen will :-)

    Interessanterweise wird ja das Christkind eher durch ein Mädchen personifiziert (siehe den Nürnberger Christkindlesmarkt).

    Meist harmlos, kann bei verbreitetem Auftreten allerdings zu wirklich bösen Sachen wie Kreuzzügen, Djihads und Massentötung Anders- bzw. Nichtgläubiger führen.

    Und auch, wenn es ulkig aussieht, wie die Erkrankten irgendwelche Gegenstände aus Holz, Stein, Plastik usw. anbeten - es ist nicht lustig !!

    Eh Du dich versiehst, stehst Du auf einem Holzstapel, der dann mit irgend einer seltsamen Begründung angezündet wird.

    Nein - und Jesus, der alte Hippie hat keine Schuld. Der hat ja mit dem ganzen Religions-Tamtam, Papst und Kirchen nun wirklich nicht das geringste zu tun.

    Tja, so sind se, diese Menschen.

    • Hugo_P
    • 26.12.2008 um 13:23 Uhr

    (wer hier Debatten mit mir beginnen will wie ein Saeugling das vollbringt der soll mir zuerst sagen wie ein fetter Typ auf einem Schlitten durch die Luft fliegen will :-)

    Interessanterweise wird ja das Christkind eher durch ein Mädchen personifiziert (siehe den Nürnberger Christkindlesmarkt).

    Meist harmlos, kann bei verbreitetem Auftreten allerdings zu wirklich bösen Sachen wie Kreuzzügen, Djihads und Massentötung Anders- bzw. Nichtgläubiger führen.

    Und auch, wenn es ulkig aussieht, wie die Erkrankten irgendwelche Gegenstände aus Holz, Stein, Plastik usw. anbeten - es ist nicht lustig !!

    Eh Du dich versiehst, stehst Du auf einem Holzstapel, der dann mit irgend einer seltsamen Begründung angezündet wird.

    Nein - und Jesus, der alte Hippie hat keine Schuld. Der hat ja mit dem ganzen Religions-Tamtam, Papst und Kirchen nun wirklich nicht das geringste zu tun.

    Tja, so sind se, diese Menschen.

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  • Serie opi
  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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