Ich will kein Geheimnis daraus machen: Das Buch, über das ich hier schreibe, erscheint in einem Verlag, der mir gehört. Auch besitze ich einige der Buchhandlungen, in dem es verkauft wird. Außerdem bin ich mit der Autorin schon seit Längerem liiert, und natürlich rezensiere ich ihre Bücher, und sie rezensiert meine. So ist schließlich die Welt, ein großes Geben und Nehmen.

Sie glauben das nicht? Sie meinen, so korrupt könne ein Rezensent nicht sein? Gut, Sie haben recht, ich hab’s mir ausgedacht. Oder genauer: Ich habe mir vorgestellt, die Literaturwelt wäre wie die Kunstwelt. Dort nämlich, davon erzählt Isabelle Graw in ihrem neuen Buch, führen nicht wenige Kritiker ein Leben als multiple Persönlichkeiten: Sie schreiben nicht nur Rezensionen, sie kuratieren auch Ausstellungen, beraten Sammler, arbeiten als Künstler, betreiben eine Galerie. Und haben sich in derart viele Interessen verwickelt, dass sie vor lauter Abhängigkeiten kaum noch eine gerade Zeile schreiben können. Im Grunde sind sie keine Kritiker mehr, denn sie scheuen Kritik, scheuen jede Art von Auseinandersetzung "mit offenem Visier". Deshalb plädiert Isabelle Graw für ein "Auseinanderdividieren der divergierenden Interessen". Höchste Zeit sei es, an das "Ideal einer unabhängigen Kritik" zu erinnern.

Viel ist in ihrem Buch von solchen Verstrickungen die Rede. Graw will nicht einfach nur über Bilder oder Skulpturen schreiben, sie will auch "eine Form der Gesellschaftskritik" verfassen. Und also macht sie sich daran, das komplexe Verhältnis von Markt und Kunst, Macht und Ästhetik zu durchleuchten. Sie beschreibt, wie der einst beschauliche Kunstbetrieb in den letzten Jahren zu einer "Visualität und Bedeutung produzierenden Industrie" angewachsen ist, beherrscht von Großsammlern und "Galeriekonzernen". Sie erzählt davon, wie die Künstler von dieser "perfiden Maschinerie" oft zur Selbstausbeutung gezwungen werden. Und sie empört sich über die "brutale Willkür, mit der hier die einen zu Siegern und die anderen zu Verlierern erklärt werden".

Wunderbar, denke ich. Endlich ein kritisches Buch über die Gegenwartskunst, eines, das nicht nur steile Künstlerkarrieren und hohe Auktionspreise bestaunt, sondern sich auch an unbequeme Wahrheiten heranwagt. Doch seltsam, je weiter ich lese, desto mehr scheint sich Graw in eine jener multiplen Persönlichkeiten zu verwandeln, die sie eben noch beschrieben hat. Graw I zeigt eindrücklich, wie perfide und brutal die Gegenwartskunst von der ökonomischen Logik des Markts durchdrungen wird. Graw II hingegen mag darin kein wirkliches Problem zu erkennen. Graw I beklagt, dass viele Künstler "ohne soziale Sicherheiten auskommen" müssen. Graw II wendet ein, das sei doch besser als der "gnadenlose Takt, den die Stechuhr vorgibt". Graw I meint, das "Ideal einer unabhängigen Kritik" sei "strategisch absolut notwendig". Graw II dementiert: Im Grunde sei die Abhängigkeit der Kunstkritiker doch kein Problem; das Problem sei "vielmehr ein Mangel an Problembewusstsein". Sprich: Auch ein abhängiger Kritiker ist ein unabhängiger Kritiker, wenn er sich denn seiner Fesseln bewusst ist.

Vermutlich werden nun viele dieses Buch als unausgegoren oder wirr abtun wollen. Doch Isabelle Graw ist nicht irgendwer. Sie ist die Herausgeberin der Theoriezeitschrift Texte zur Kunst, die sich viel zugute hält auf ihre linksintellektuellen Diskurse. Sie arbeitet zudem als Professorin für Kunsttheorie in Frankfurt und hat dort das Institut für Kunstkritik mitbegründet. Außerdem ist das, was aus ihrem Buch spricht, diese Kritik, die nicht kritisch sein will, keineswegs nur von ihr zu vernehmen. In der sogenannten Digitalen Boheme, in der Welt der Kreativen und Informierten, schätzt man die Indifferenz ebenfalls: Zwar gefallen sich viele durchaus in der Attitüde des aufgeklärten Denkens, finden aber jede Form von "Kulturkritik" fürchterlich altmodisch. Auch Graw spricht gleich mehrfach vom Lamento und Ressentiment all jener, die das bestehende System infrage stellen. In ihren Augen verbietet sich eine solche Grundsatzkritik, weil diese ja voraussetze, dass es noch Grundsätze gebe und man eindeutig zwischen richtig und falsch unterscheiden könne. Für Graw hat sich die Welt längst in lauter "Mikrouniversen" verwandelt, alle Grenzen und Klarheiten verschwimmen, und es gibt kein Reich der Richtigkeiten mehr, auf das sich ein Kritiker berufen könnte.

Recht hat sie: Letzte Wahrheiten lassen sich nicht behaupten, auch alle Kunstnormen sind kollabiert. Doch muss man deshalb kapitulieren und das Ringen um Wahrheit aufgeben? In gewisser Weise ist Graws Buch eine solche Kapitulationserklärung: Weil es keine endgültigen Urteile über Kunst geben kann, will sie aufs Urteilen gleich ganz verzichten. Bitte Kinder, ruft uns die Autorin zu, seid doch friedlich! Denn Frieden – neudeutsch: Kooperation – ist "in einer vernetzten Welt die erste Bürgerpflicht". Und wer dem "Kooperationsimperativ" nicht folgt, wer nicht mitspielt, der gilt als "Spielverderber" – und nichts fürchtet Graw mehr als das.