RestauranttestSiebeck isst im Osten (1)

Jenseits der Einheitssoße: Unser Kolumnist testet Restaurants in Ostdeutschland. Beginn einer neuen Serie von Wolfram Siebeck

Ein Mann, eine Bratwurst. Wolfram Siebeck testet Weimar auf dem Marktplatz

Ein Mann, eine Bratwurst. Wolfram Siebeck testet Weimar auf dem Marktplatz  |  © Hadley Hudson

Als ich kürzlich im ZEITmagazin eine Deutschlandkarte mit den Adressen illustrierte, wo ich stets gut gegessen hatte, und als ich dabei die östlichen Gebiete der Bundesrepublik als unkulinarische Regionen kennzeichnete, brach dort ein Sturm der Entrüstung los. Eine Dresdner Boulevardzeitung empörte sich über zwei Seiten, ein Leser meinte gar, ich müsse mich bei den Sachsen und den Mecklenburgern entschuldigen.

Seit wann muss sich ein Kritiker entschuldigen, wenn er den missglückten Parsifal eines unbegabten Regisseurs kritisiert? Oder den Musikantenstadl als grauenhaften Kitsch bezeichnet? Ist schlechter Geschmack von Kritik ausgenommen, nur weil er ein Massengeschmack ist?

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Natürlich gibt es ein paar besternte Restaurants östlich der Elbe – aber wie wenige sind es! Und wie lange muss man hungrig durch blühende Landschaften irren, bis man ein empfohlenes Haus erreicht – und dann steht man doch mittags vor verschlossener Tür, weil es nur abends etwas zu essen gibt. In solche Restaurants gehen Gäste nicht, um gut zu essen, sondern weil die brennende Kerze Feststimmung suggeriert. Und seitdem der Dax bröckelt, essen sie lieber Bratwurst.

Zu den ältesten Feinschmeckeradressen in Ostdeutschland gehört die Bülow Residenz in Dresden. Die gefiel mir schon vor zehn Jahren.

In Weimar zog mich damals der Bratwurststand auf dem Marktplatz in seinen Bann. Zwar gibt es diese Bude immer noch, und sowieso ist die Bratwurst allgegenwärtig wie die Jungfrau in Lourdes. Die Stadt aber hat sich seit meinem letzten Besuch herausgeputzt. Überall aufgemöbelte Hotels und hübsche Kneipen. Die Speisekarten verraten etwas vom Willen zur Einheit. Abgesehen von den Würsten gibt es Schmorbraten, zu denen das Attribut "deftig" ebenso gehört wie die Einheitssoße. Und das bedeutet viel braune Nässe und einheitlichen Geschmack.

Also suchte ich im Elephanten-Keller mein Glück. Dort steht die Deftigkeit unter Denkmalschutz, und serviert wird alles, was Thüringer glücklich macht. Der Thüringer Bratentopf bestand aus soßig geschmortem Schweineherz, Schweinenieren und -leberstücken sowie Bauchspeck. Angesichts dieser Innereientagung strahlt ein Bistrofreund wie ich und übersieht gutmütig die obligaten Klöße. Die sind sogar gefüllt, mit Blut- wie auch mit Leberwurst. Die Blutwurstfüllung war erfreulich, während mich die Leberfüllung ratlos machte.

Leserkommentare
  1. Guten Tag ,
    sie kennen mich warscheinlich aus diversen komentaren über ihre 10 Gebote
    Nun wenn sie sie jemals gelesen haben .
    Grundsätzlich muss ich ihnen Recht geben ,wenn sie sagen das man östlich der Elbe lange suchen muss um etwas leckeres auf die Zunge zu bekommen .
    Ich komme aus Dresden und kann das , leider zu gut , beurteilen.
    Fetisch zu braunen pipelinesossen und feiger Deftigkeit ist eben leider an der Tagesordnung weil geschmortes selten schief geht .
    Garpunkt , Eleganz und Raffinierte Klassik gibt es schon sehr selten und wo man sich wie ein Kleinkind unter der traditionellen Decke versteckt um seine kulturelle Identität nicht zu verlieren werden die Köche eben nicht darüber hinaus kommen als mit dem Speckanteil im Sauerkraut "waghalsig " herumzuexperimentieren.
    Ein Tipp wenn sie wieder in Dresden sind . das Lokal "Die Oma "
    wenn schon Deftig dann dort . Kirsch und Rabarberwein aus lokaler Produktion.
    Schupfnudeln , Kartoffeln mit Kräuterquark , Eisbein , und und und...

    LG
    Ein Koch

  2. Auch Geschmack ist Kultur und wie immer in kulturellen Dingen, muß eine gewisse Erziehung genossen haben. Obligate Klöße klingt bei Siebeck nach Zwang, in Thüringen heißt es eben:
    Ein Sonntag ohne Klöße , verlöre viel von seiner Größe!
    Dies ist Kultur, es ist regionale Identität.
    Um so etwas zu verstehen, braucht man ein gewisses Empathievermögen.
    Siebeck im Osten - da bin ich mal gespannt , ob so etwas wie Empathie für die regionale Esskultur zu spüren sein wird.
    In Zeiten von einer pseudoschickimicki Küche ist es fast schon mutig sich zu einer Deftigkeit zu bekennen auch bei den Soßen, die und da stimme ich Siebeck zu leider zu oft aus der Großpackung conviniencemäßig vereinheitlicht daherkommen.

    Ihr Sylk Schneider

  3. Allein der Titel "Siebrecht isst im Osten" klingt nach arroganter "Wessi"- Manier. Beim Lesen bestätigt sich der Eindruck. Leider scheinen all die Artikel nach dem gleichen Muster getrickt: Im Osten isst man schlecht. Und das Bild des ewig arroganten Westdeutschen, der im Osten nur Kulturbanausen findet bestätigt das Klischee- wie traurig!

    Und all das in der ZEIT. Im Zeitalter von Internet und Telefon ist ein erwachsener Mann nicht dazu in der Lage, herauszufinden wann ein Restauran geöffnet hat? Das sollte ihm peinlich sein und nicht den Restaurantbesitzern, die ihre Ruhetag sehr wohl verdient haben.

    Über Geschmack lässt sich streiten. Respektloses "von oben herab" und dazu endlos uninformiert, dass gehört sich nicht für einen Koch, der offensichtlich sehr viel auf sich hält. Etwas Respekt vor der regionalen Küche und den wertvollen Traditionen unserer Vorfahren wäre hier durchaus angeraten.

    Übrigens gibt es durchaus bessere Restaurants als diese, welche Sie scheinbar "zufällig" ausgewählt haben. Nicolai in Erfurt mit kleiner, aber feiner Speiselkarte ist sehr zu empfehlen. Ob es aber den Ansprüchen genügt? - Wer Schlechtes finden will wird es finden, überall!

  4. Ich bezweifle, daß man eine Kritik noch als "fundiert" bezeichnen darf, wenn nicht einmal der Name des Kritisierten stimmt...

  5. Siebrecht ist ein Erfurter Bäcker. Leider gibt es keine Möglichkeit der Korrektur. Aber was ist schon ein Name, wenn Pauschalurteile über ganze Bundesländer gefällt werden, nach dem Besuch von 2-3 Restaurants?

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