Als ich kürzlich im ZEITmagazin eine Deutschlandkarte mit den Adressen illustrierte, wo ich stets gut gegessen hatte, und als ich dabei die östlichen Gebiete der Bundesrepublik als unkulinarische Regionen kennzeichnete, brach dort ein Sturm der Entrüstung los. Eine Dresdner Boulevardzeitung empörte sich über zwei Seiten, ein Leser meinte gar, ich müsse mich bei den Sachsen und den Mecklenburgern entschuldigen.

Seit wann muss sich ein Kritiker entschuldigen, wenn er den missglückten Parsifal eines unbegabten Regisseurs kritisiert? Oder den Musikantenstadl als grauenhaften Kitsch bezeichnet? Ist schlechter Geschmack von Kritik ausgenommen, nur weil er ein Massengeschmack ist?

Natürlich gibt es ein paar besternte Restaurants östlich der Elbe – aber wie wenige sind es! Und wie lange muss man hungrig durch blühende Landschaften irren, bis man ein empfohlenes Haus erreicht – und dann steht man doch mittags vor verschlossener Tür, weil es nur abends etwas zu essen gibt. In solche Restaurants gehen Gäste nicht, um gut zu essen, sondern weil die brennende Kerze Feststimmung suggeriert. Und seitdem der Dax bröckelt, essen sie lieber Bratwurst.

Zu den ältesten Feinschmeckeradressen in Ostdeutschland gehört die Bülow Residenz in Dresden. Die gefiel mir schon vor zehn Jahren.

In Weimar zog mich damals der Bratwurststand auf dem Marktplatz in seinen Bann. Zwar gibt es diese Bude immer noch, und sowieso ist die Bratwurst allgegenwärtig wie die Jungfrau in Lourdes. Die Stadt aber hat sich seit meinem letzten Besuch herausgeputzt. Überall aufgemöbelte Hotels und hübsche Kneipen. Die Speisekarten verraten etwas vom Willen zur Einheit. Abgesehen von den Würsten gibt es Schmorbraten, zu denen das Attribut "deftig" ebenso gehört wie die Einheitssoße. Und das bedeutet viel braune Nässe und einheitlichen Geschmack.

Also suchte ich im Elephanten-Keller mein Glück. Dort steht die Deftigkeit unter Denkmalschutz, und serviert wird alles, was Thüringer glücklich macht. Der Thüringer Bratentopf bestand aus soßig geschmortem Schweineherz, Schweinenieren und -leberstücken sowie Bauchspeck. Angesichts dieser Innereientagung strahlt ein Bistrofreund wie ich und übersieht gutmütig die obligaten Klöße. Die sind sogar gefüllt, mit Blut- wie auch mit Leberwurst. Die Blutwurstfüllung war erfreulich, während mich die Leberfüllung ratlos machte.