Sonderschulen Am Ende des Sonderwegs

Behinderte sollen an Regelschulen unterrichtet werden, verlangt eine UN-Konvention. Gerade hat Deutschland sie ratifiziert – was wird nun aus den Sonderschulen?

Sonderschüler, die man früher Hilfsschüler nannte und neuerdings Förderschüler nennt, taugen schlecht als Objekte öffentlicher Zuwendung. Geistig oder körperlich Behinderte, aufmerksamkeitsgestörte Problemkinder, schwer Erziehbare mit Migrationshintergrund – wer, der dafür nicht bezahlt wird, will schon mit ihnen zu tun haben? Und wer, außer ihren Eltern, nähme Anteil am Schicksal dieser geborenen Verlierer? Das dürfte der Grund dafür sein, dass Deutschland sich zwar seit Jahrzehnten in einem politischen Stellungskrieg um Fragen der Schulstruktur aufreibt – dass aber die 430000 Sonderschüler in diesem Streit keine Rolle spielen.

Doch das wird sich ändern. In der vergangenen Woche hat der Bundesrat die UN-Konvention über die Rechte Behinderter ratifiziert, von Januar an ist sie in Deutschland geltendes Recht. Und diese Konvention, das lässt sich ernsthaft kaum bestreiten, verlangt, dass Behinderte an regulären Schulen unterrichtet werden. Das gilt für körperbehinderte ebenso wie für geistig behinderte Kinder; und die deutsche Praxis, Problemschüler als »Lernbehinderte« auszusortieren, dürfte mit der Konvention ebenfalls unvereinbar sein.

Für Deutsche mag dieser Gedanke gewöhnungsbedürftig sein; in weiten Teilen der Welt ist er selbstverständlich. Fast fünf Prozent der Kinder werden in Deutschland aussortiert, weil sie an herkömmlichen Schulen angeblich nicht zu unterrichten sind; in etlichen Nachbarländern liegt der Anteil der Sonderschüler dagegen im Promillebereich.

Das muss noch nicht gegen den deutschen Sonderschulweg sprechen. Viel schwerer wiegt der Befund der Bildungsforscher, dass Behinderte an Sonderschulen weniger lernen als an Regelschulen – und dass ihre Abwesenheit den übrigen Schülern nicht nützt. Leistungsvergleiche zwischen Integrations- und normalen Regelschulklassen zeigen keine nennenswerten Leistungsunterschiede. Und es gibt sogar integrative Eliteschulen, die lange Wartelisten führen und sich ihre nichtbehinderten Schüler aussuchen können. Vom Weltbild, das den Kindern nebenbei vermittelt wird, hat man dann noch nicht gesprochen. Schwächere müssen Teil der Gemeinschaft bleiben, Stärkere bereichern ihr eigenes Leben, indem sie ihnen helfen – das sind in einem christlich geprägten Land ja keine völlig abwegigen Erziehungsziele.

Warum also hält Deutschland so hartnäckig an seinen Sonderschulen fest? Ein Grund dürften die Sonderschulen selbst sein, die, wie jeder Apparat, die eigene Existenz verteidigen. Wo es Sonderschulen gibt, da gibt es Sonderschüler, und wo es besonders viele Sonderschulen gibt, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, da ist der Anteil der Sonderschüler mehr als doppelt so hoch wie etwa im benachbarten Schleswig-Holstein.

Nun gab es im vergangenen Jahrhundert auch im Ausland erheblich mehr spezielle Schulen für Behinderte als heute. Doch eine Integrationsbewegung hat sie überwiegend aufgelöst oder in Fachzentren umgewandelt, die reguläre Schulen in ihrer Arbeit mit Behinderten unterstützen. In Deutschland blieb diese Reformbewegung weitgehend wirkungslos, ein Umstand, der auf eine weitere Besonderheit des hiesigen Bildungswesens verweist: Das dreigliedrige Schulsystem eignet sich schlecht für die Integration Behinderter. Wo, wenn nicht an Sonderschulen, sollte man sie in Deutschland unterrichten – an den Hauptschulen etwa, die ohnehin schon unter ihrem Ruf als Restschulen leiden?

Doch hinter diesen beiden Motiven kommt noch ein drittes zum Tragen, das in der bildungspolitischen Debatte um die Integration aus Gründen der politischen Korrektheit selten offen ausgesprochen wird. Es prägt aber den Streit um die Gesamtschulen, auch Eltern behinderter Kinder, die für Integrationsschulen kämpfen, ist es vertraut. Und als Deutschlands Kultusminister sich vor 14 Jahren hinter verschlossenen Türen um ihre Sonderschulen stritten und am Ende einen halbherzigen und weitgehend folgenlosen Appell für mehr Integration verfassten, da spielte dieses Motiv einem Teilnehmer zufolge die Hauptrolle. Es ist, allen Befunden der Bildungsforschung zum Trotz, die Angst des Bürgertums um das Leistungsniveau in den Schulen ihrer Kinder, die in Deutschland die Integration Behinderter verhindert.

Dank der UN geht es nun aber nicht mehr allein um die Frage, wie Behinderte am besten zu unterrichten sind. Sondern es geht um ihre Rechte. Wer bislang Anspruch darauf zu haben glaubte, dass der eigene Nachwuchs nicht dem schädlichen Einfluss von Problemkindern ausgesetzt wird, der muss nun dazulernen. Menschenrechte sind kein Privileg der besseren Stände, und Anspruch auf Bildung haben auch Problemkinder.

Den deutschen Gerichten ist die Fragestellung bereits vertraut. Ob behinderte Kinder gegen den Willen ihrer Eltern an Sonderschulen abgeschoben werden dürfen, hat das Bundesverfassungsgericht schon vor elf Jahren erörtert. Ergebnis: Sie dürfen – zur Not. Dass diese Schulen den Kindern schaden, haben die Verfassungsrichter gar nicht erst bestritten. Aber, argumentierten sie, ihre Aussonderung sei zur Not vertretbar, wenn eine Integration in das reguläre Schulsystem unvertretbare Kosten verursachen würde. Da das deutsche Sonderschulwesen zu allem Unglück auch noch teuer ist, war es schon nach diesem Urteil kaum mehr zu verteidigen.

Wie der Streit nun weitergehen wird, ist absehbar. Drei Jahre wollen die Kultusminister sich geben, um auf die neue Rechtslage zu reagieren. Als die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, von den Ländern wissen wollte, wie sie die UN-Konvention umzusetzen gedächten, bekam sie beispielsweise aus Baden-Württemberg einen bemerkenswert dreiste Antwort. Der englische Begriff der inclusion, mit dem die UN in ihrem Originaltext die erwünschte Art des Schulunterrichts beschrieben, sei im Deutschen unübersetzbar, weshalb offenbleiben müsse, ob Behinderte Anspruch auf Unterricht an Regelschulen hätten. Die »Förderung von Menschen mit Behinderungen an besonderen Förderschulen«, ergänzte der Kollege aus Bayern, sei »als integrativer Teil des allgemeinen Bildungssystems zu verstehen«.

Welch hübscher Zaubertrick: Wir taufen unsere Sonderschulen in »Förderschulen« um und erklären sie zum Bestandteil des allgemeinbildenden Schulsystems – woraufhin die Abgeschobenen per Definition nun nicht mehr abgeschoben, sondern regulär unterrichtet werden. Natürlich ist das Unsinn. Kein konservativer Bildungspolitiker hat ja ein viergliedriges Schulsystem in Deutschland verteidigt oder gefordert. Mit Zähnen und Klauen verteidigen die Konservativen seit je eine Drei-, neuerdings eine Zweigliedrigkeit, zu der Hilfs-, Sonder- und Förderschulen nie gehört haben.

Es ist Zeit, sie abzuschaffen.

 
Leser-Kommentare
    • TyRell
    • 28.12.2008 um 18:19 Uhr

    Ich glaubte immer, dass es Sonderschulen gerade deshalb gäbe, damit diese "Lernbehinderten" nicht mit anderen Kindern unterrichtet werden müssten. Dies würde doch nur Mobbing und einen enormen psychologischen Druck auf die Kinder ersparen.

    Ist ja spitze, dass die UN-Konvention das nicht möchte und Deutschland das ratifiziert.

    Fragwürdig bleibt doch, ob das funktioniert. Ich dachte schon alleine die Diskrepanz zwischen einem Bushido-Hauptschüler und einem Gymnasiasten sei zu groß.

    Lasse mich aber gerne überraschen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 08.01.2009 um 12:45 Uhr

    Leider kommen auch von den intelligenten Körperbehinderten nur wenige an den Universitäten an. Und dort wird es ihnen dann auch oft schwer gemacht.
    In Marburg wird seit Jahrzehnten versucht, es besser zu machen, leider auch nicht perfekt, aber in anderen Universitätsstädten gibt es wenig vergleichbares:

    http://www.studentenwerk-...

    • Anonym
    • 08.01.2009 um 12:45 Uhr

    Leider kommen auch von den intelligenten Körperbehinderten nur wenige an den Universitäten an. Und dort wird es ihnen dann auch oft schwer gemacht.
    In Marburg wird seit Jahrzehnten versucht, es besser zu machen, leider auch nicht perfekt, aber in anderen Universitätsstädten gibt es wenig vergleichbares:

    http://www.studentenwerk-...

  1. Im Grunde ist dagegen nichts einzuwenden.

    Allerdings sehe ich dort ein Problem, wo es einfach aufgrund der Behinderung oder auch einer umfangreichen Betreuung schwierig ist, einen "normalen" Schulablauf zu gewährleisten.

    Es gibt viele Behinderungen, bei denen laute Geräusche usw. üblich sind.

    Das würde das Lernklima schon stören.

    Es kommt auf die Art der Behinderung an. Ein Querschnittsgelähmter, der nur körperlich behindert ist, sollte z.B. ruhig auf eine normale Schule gehen. Es hilft vielleicht, einen normaleren Umgang mit behinderten Menschen zu lernen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • TyRell
    • 28.12.2008 um 18:40 Uhr

    Dass Querschnittsgelähmte auf ganz "normale" Schulen gehen, ist doch schon üblich. Während meiner Oberstufenphase mussten wir zum Biologie LK zu einer anderen Schule laufen und dort gab es einen Fahrstuhl für ein gelähmtes Mädchen.

    Ein Subsidiaritätsprinzip mag in seinen theoretischen Ursprüngen zwar richtig sein und auch wenn die UN das Thema Menschenrechte für sich alleine zu lösen beansprucht und diese ohnehin Supranational sind, glaube ich, dass es sich bei dieser Entscheidung um einen Fehler handelt.

    Ich glaube kaum, dass man einem Land wie Deutschland sagen kann, wie es mit seinen Behinderten umzugehen hat. Oder gerade eben doch? Sobald das Menschenrecht einer behinderten Person auf Gleichheit, die Lerneffizienz eines gesunden Kindes beeinträchtigt, ziehe ich hier eine Grenze für die Gleichbehandlung.

    Sollte dieses Gesetz auf Kosten lernbereiter und leistungstragender Kinder gehen, habe ich damit kein Einsehen.

    Laute Geräusche und Unruhe im Klassenzimmer sind sicher ein Problem. Aber nicht nur oder in erster Linie für so genannte normale Schüler, sondern vor allem für Schüler mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen. Viele dieser Schüler besuchen eine Förderschule, weil sie der normalen Betriebsamkeit in einer Klasse mit 30 oder mehr Schülern einfach nicht gewachsen sind.

    • TyRell
    • 28.12.2008 um 18:40 Uhr

    Dass Querschnittsgelähmte auf ganz "normale" Schulen gehen, ist doch schon üblich. Während meiner Oberstufenphase mussten wir zum Biologie LK zu einer anderen Schule laufen und dort gab es einen Fahrstuhl für ein gelähmtes Mädchen.

    Ein Subsidiaritätsprinzip mag in seinen theoretischen Ursprüngen zwar richtig sein und auch wenn die UN das Thema Menschenrechte für sich alleine zu lösen beansprucht und diese ohnehin Supranational sind, glaube ich, dass es sich bei dieser Entscheidung um einen Fehler handelt.

    Ich glaube kaum, dass man einem Land wie Deutschland sagen kann, wie es mit seinen Behinderten umzugehen hat. Oder gerade eben doch? Sobald das Menschenrecht einer behinderten Person auf Gleichheit, die Lerneffizienz eines gesunden Kindes beeinträchtigt, ziehe ich hier eine Grenze für die Gleichbehandlung.

    Sollte dieses Gesetz auf Kosten lernbereiter und leistungstragender Kinder gehen, habe ich damit kein Einsehen.

    Laute Geräusche und Unruhe im Klassenzimmer sind sicher ein Problem. Aber nicht nur oder in erster Linie für so genannte normale Schüler, sondern vor allem für Schüler mit Konzentrations- und Aufmerksamkeitsproblemen. Viele dieser Schüler besuchen eine Förderschule, weil sie der normalen Betriebsamkeit in einer Klasse mit 30 oder mehr Schülern einfach nicht gewachsen sind.

    • TyRell
    • 28.12.2008 um 18:40 Uhr

    Dass Querschnittsgelähmte auf ganz "normale" Schulen gehen, ist doch schon üblich. Während meiner Oberstufenphase mussten wir zum Biologie LK zu einer anderen Schule laufen und dort gab es einen Fahrstuhl für ein gelähmtes Mädchen.

    Ein Subsidiaritätsprinzip mag in seinen theoretischen Ursprüngen zwar richtig sein und auch wenn die UN das Thema Menschenrechte für sich alleine zu lösen beansprucht und diese ohnehin Supranational sind, glaube ich, dass es sich bei dieser Entscheidung um einen Fehler handelt.

    Ich glaube kaum, dass man einem Land wie Deutschland sagen kann, wie es mit seinen Behinderten umzugehen hat. Oder gerade eben doch? Sobald das Menschenrecht einer behinderten Person auf Gleichheit, die Lerneffizienz eines gesunden Kindes beeinträchtigt, ziehe ich hier eine Grenze für die Gleichbehandlung.

    Sollte dieses Gesetz auf Kosten lernbereiter und leistungstragender Kinder gehen, habe ich damit kein Einsehen.

    Antwort auf "praktische Probleme"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    „Während meiner Oberstufenphase mussten wir zum Biologie LK zu einer anderen Schule laufen und dort gab es einen Fahrstuhl für ein gelähmtes Mädchen.“

    Wo lag das Problem? Doch nicht bei den Mädchen! Schade, dass Ihre Schule nicht über einen geeigneten Fahrstuhl verfügte. Dies hätte den gelähmten Mädchen sicher manche demütigende Erfahrung erspart.

    „Während meiner Oberstufenphase mussten wir zum Biologie LK zu einer anderen Schule laufen und dort gab es einen Fahrstuhl für ein gelähmtes Mädchen.“

    Wo lag das Problem? Doch nicht bei den Mädchen! Schade, dass Ihre Schule nicht über einen geeigneten Fahrstuhl verfügte. Dies hätte den gelähmten Mädchen sicher manche demütigende Erfahrung erspart.

    • Anonym
    • 28.12.2008 um 19:28 Uhr

    Mit einem pauschalem Recht, wie das die EU formuliert ist wirklich Nichts gelöst. Zum Teil ist das möglicherweise sogar zynisch und ignorant.

    Deutsche Sonderschulen sind mit erheblichen Finanzmitteln ausgestattet, es gibt Schulen bei denen 1 Lehrkraft auf 4 Schüler kommt.
    Es ist durchaus möglich, dass man über den Umweg der anonymen EU nur an diese Gelder heran will, ohne sich offiziell politisch die Hände schmutzig zu machen.
    Denn wenn über Sonderschulen geredet wird, so muss man stark unterscheiden um welche Art von Sonderschule es geht.
    Es wird kaum helfen schwererziehbare Kinder, die im normalen Schulalltag aussortiert wurden, einfach wieder einzugliedern. Ohne die fachliche und personelle Aufstockung regulärer Schulen ist das schon vorsätzliche Körperverletzung. Bei Behindertenschulen, die z.T. über o.g. Ausstattung verfügen, ist kaum davon auszugehen, das diese Mittel 1 zu 1 in den regulären Schulbetrieb wandern.
    Oder glaubt irgendjemand das soetwas wirklich eine realistische Chance hat?
    Wir sollten nicht so dumm sein, auf hehre Ziele reinzufallen, wenn sich am Ende durchaus nicht unwahrscheinlich herausstellt, das sie wieder einmal nur instrumentalisiert um an Budeget haranzukommen.
    Letztlich ist ja auch genau das der Grund, warum die Bürger am dreigliedrigen System festhalten. Aus Erfahrung fehlt das Vertrauen, da man häufig nur moralisch ins Unrecht gesetzt wird um an Geld zu kommen.

    Berthold Grabe

  2. Ein ganz armseliger Artikel. Ist Schülern geholfen, wenn alle den gleichen Stoff vermittelt bekommen? Menschen mit anderen Begabungen, andere Neigungen müssen andere Möglichkeiten zur Bildung bekommen.

    Deshalb sind Gesamtschulen ein ideologisch verbrämter Unfug.

    Sonder-/Förderschulen sind eine Möglichkeit, Menschen mit Behinderungen behindertengerecht zu unterrichten. Warum sollte man diese abschaffen?

    Meine Frau ist Lehrerin an einer solchen Schule und es wird nur Nachteile mit sich bringen, auch wenn alles gut gemeint ist.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Diese Ausdifferenzierung koennte man ja auch durch Foerderklassen in regulaeren Schulen gewaehrleisten - auch Kinder, die einen besseren Betreuungsschluessel benoetigen muss man nicht in eine andere Schule verbannen - sie braeuchten lediglich einen anderen Klassenraum - vielleicht ja sogar nur temporaer. Ein Kind, dass wegen schlimmer familiaerer Probleme dauernd rebelliert koennte so durchaus eine zeitlang besonders betreut und spaeter wieder in die Ursprungsklasse eingegliedert werden - ist es aber erst mal auf einer Sonderschule gibt es praktisch keinen Weg mehr zurueck.

    "Sonder-/Förderschulen sind eine Möglichkeit, Menschen mit Behinderungen behindertengerecht zu unterrichten. Warum sollte man diese abschaffen?"

    Nun, die Gründe werden in dem Artikel - haben Sie ihn gelesen? - ausführlich geschildert:

    Menschen mit Behinderungen lernen in Sonderschulen wesentlich schlechter und weniger als sie es in integrativen Regelschulen tun; sie werden eben nicht "behindertengerecht" unterrichtet, sondern in der Regel systematisch unterfordert, fast immer ohne Abschluss entlassen und - was möglicherweise das schlimmste ist, und nicht für die Behinderten - von Kindheit an von ihren nichtbehinderten Mitmenschen separiert. Und das Ganze noch zu Kosten, die die einer integrativen Unterrichtung deutlich übersteigen.

    All das wissen wir seit langem, jede Studie der letzten Jahrzehnte bestätigt es immer wieder aufs Neue, und fast alle Länder Europas haben die Konsequenzen gezogen und den integrativen Unterricht zur Regel statt zur Ausnahme gemacht. Nur in Deutschland ist das angeblich nicht möglich.

    Wieso eigentlich? Sind die deutschen Behinderten behinderter als die im Rest Europas oder in den USA? Oder sind deutsche Kinder ohne Behinderung weniger in der Lage, zusammen mit behinderten Kindern zu lernen, als die im Rest Europas oder in den USA?

    Diese Ausdifferenzierung koennte man ja auch durch Foerderklassen in regulaeren Schulen gewaehrleisten - auch Kinder, die einen besseren Betreuungsschluessel benoetigen muss man nicht in eine andere Schule verbannen - sie braeuchten lediglich einen anderen Klassenraum - vielleicht ja sogar nur temporaer. Ein Kind, dass wegen schlimmer familiaerer Probleme dauernd rebelliert koennte so durchaus eine zeitlang besonders betreut und spaeter wieder in die Ursprungsklasse eingegliedert werden - ist es aber erst mal auf einer Sonderschule gibt es praktisch keinen Weg mehr zurueck.

    "Sonder-/Förderschulen sind eine Möglichkeit, Menschen mit Behinderungen behindertengerecht zu unterrichten. Warum sollte man diese abschaffen?"

    Nun, die Gründe werden in dem Artikel - haben Sie ihn gelesen? - ausführlich geschildert:

    Menschen mit Behinderungen lernen in Sonderschulen wesentlich schlechter und weniger als sie es in integrativen Regelschulen tun; sie werden eben nicht "behindertengerecht" unterrichtet, sondern in der Regel systematisch unterfordert, fast immer ohne Abschluss entlassen und - was möglicherweise das schlimmste ist, und nicht für die Behinderten - von Kindheit an von ihren nichtbehinderten Mitmenschen separiert. Und das Ganze noch zu Kosten, die die einer integrativen Unterrichtung deutlich übersteigen.

    All das wissen wir seit langem, jede Studie der letzten Jahrzehnte bestätigt es immer wieder aufs Neue, und fast alle Länder Europas haben die Konsequenzen gezogen und den integrativen Unterricht zur Regel statt zur Ausnahme gemacht. Nur in Deutschland ist das angeblich nicht möglich.

    Wieso eigentlich? Sind die deutschen Behinderten behinderter als die im Rest Europas oder in den USA? Oder sind deutsche Kinder ohne Behinderung weniger in der Lage, zusammen mit behinderten Kindern zu lernen, als die im Rest Europas oder in den USA?

    • Anonym
    • 28.12.2008 um 22:11 Uhr

    Dass unser normales Schulsystem nicht das beste ist - meinetwegen.
    Aber ein System, das Behinderte gezielt fördert und ihnen hilft, in der Gesellschaft klar zu kommen; so eines zu verändern, das ist doch blanker Unsinn. Ich lese hier ständig davon, dass Behinderte ausgegrenzt werden - das kann man auch anders formulieren.

    Meines Erachtens nach eine völlig unsinnige Verordnung - Die Deutschen haben wichtigeres zu tun.

    Salus Publica Suprema Lex

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was mir an diesem Kommentar nicht so ganz eindeutig wird. Warum wird hier davon ausgegangen, es handle sich bei der vorherrschenden Praxis um eine "Win-Situation"?

    Worüber wird den Teilhabe an der Gesellschaft in Deutschland vor allem erreicht? Eigentlich doch über Bildung und objektiviert über Bildungszertifikate. Aber eben diese werden doch lediglich von knapp 30% eines Jahrgangs an deutschen Sonderschulen erworben. Der eigentliche Skandal, das rund 70% (Daten der KMK 2006) der an Sonderschulen oder neuerdings "Förderschulen" geförderten Schüler diese ohne Bildungszertifikat und damit ohne Chance auf selbstbestimmte gesellschaftliche Teilhabe verlassen, bleibt im Artikel doch noch unerwähnt. Lediglich 0,2% der Förderschüler verlassen diese Schule mit dem Abitur.

    Wer gewinnt an dieser exkludierenden Praxis? Eine fortschrittsorientierte Gesellschaft siegt anders!

    Was mir an diesem Kommentar nicht so ganz eindeutig wird. Warum wird hier davon ausgegangen, es handle sich bei der vorherrschenden Praxis um eine "Win-Situation"?

    Worüber wird den Teilhabe an der Gesellschaft in Deutschland vor allem erreicht? Eigentlich doch über Bildung und objektiviert über Bildungszertifikate. Aber eben diese werden doch lediglich von knapp 30% eines Jahrgangs an deutschen Sonderschulen erworben. Der eigentliche Skandal, das rund 70% (Daten der KMK 2006) der an Sonderschulen oder neuerdings "Förderschulen" geförderten Schüler diese ohne Bildungszertifikat und damit ohne Chance auf selbstbestimmte gesellschaftliche Teilhabe verlassen, bleibt im Artikel doch noch unerwähnt. Lediglich 0,2% der Förderschüler verlassen diese Schule mit dem Abitur.

    Wer gewinnt an dieser exkludierenden Praxis? Eine fortschrittsorientierte Gesellschaft siegt anders!

  3. Wer Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen in Förderschulen als grundsätzlich abgeschoben betrachtet, sollte es doch wagen in diese Einrichtungen mal hineinzuschauen, um es genauer zu sagen, dort mal ein paar Tage hospitieren. Man sollte doch schließlich wissen, wovon man/frau spricht.
    Es geht doch bei vielen Förderschülern (nicht bei allen) um Vorteile für die behinderten Kinder und Jugendlichen selbst, z.B. bei sog. Lernbehinderung im Vergleich zu Mitschülern nicht immer der letzte oder schwächste zu sein und der neuen Erfolgsmotivation wegen wieder Spaß am Lernen zu entwickeln oder bei sog. frühkindlichem Autismus eine ritualisierte, reizreduzierte Lernatmosphäre in einer kleinen Lerngruppe erleben zu dürfen als Voraussetzung für neue Lernerfahrungen.
    Eltern haben grundsätzlich die Möglichkeit der Wahl zwischen einer integrativen Förderung in einer Regelschule und einer besonderen Förderung in einer Förderschule - und das ist gut so!
    Und dass zunehmend bildungspolitische Forderungen in der alltäglichen Schulpraxis nur noch Kopfschütteln und Enttäuschungen hervorrufen, mag man beklagen. Die Situation für die betroffenen Schülerinnen und Schüler wird dadurch allerdings nicht besser, im Gegenteil hier ist besondere Aufmerksamkeit angezeigt.

    • WDK
    • 29.12.2008 um 1:00 Uhr

    Zuerst ein Kompliment an den Autor Frank Drieschner für seinen Artikel. Irritiert hat mich die Tatsache, dass fünf Prozent (!!) der Kinder in Deutschland inzwischen in Hilfs- Sonder- oder Förderschulen unterrichtet werden. Irritiert hat mich auch das von ihm widergegebne Argument, das englische Wort “inclusion” sei nicht ins Deutsche übersetzbar. Das deutsche Wort dafür ist “Einbeziehung”, und in der Tat nicht “Integration”. “Einbeziehen” bedeutet, den “weniger Fitten” zu vergewissern, dass sie, als Mensch, in die Gesellschaft “integriert” sind, mit allen Rechten aber auch Pflichten eines Menschen, entsprechend ihren Fähigkeiten. Es bedeutet auch, dass die graduell Leistungsfähigeren lernen, einen weniger Leistungsfähigen als gleichwertigen MENSCHEN zu achten. Das Gegenteil von “einbeziehen” ist “segregieren”, und ich gebe damit dem Autor völlig Recht in seiner Ansicht, dass die Idee von “inclusion”, wie sie wohl so in der UN Konvention gemeint ist, in einem “drei/vier-klassigen” Schulsystem kaum eine Chance haben wird.
    Zum Abschluss. Ich bin gespannt, von wievielen UN Nationen diese Konvention unterschrieben wird, in deren Schulen per “Verfassung” strikt Mädchen von Jungen segregiert werden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
  • Kommentare 96
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Schule | Bildung | Behinderter
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service