Das Jahr 2008 lässt uns mit einem Schwindelgefühl zurück, mit Hirnsausen, in einem Zustand weltpolitischer Seekrankheit. In den vergangenen zwölf Monaten sind passiert: der Aufstand in Tibet, die Olympischen Spiele der neuen Weltmacht China, der US-Vorwahlkrimi mit globalem Publikum, ein Krieg zwischen Russland und Georgien, die Wahl Obamas, die schwerste internationale Finanzkrise seit den 1930er Jahren, die Terroranschläge von Mumbai als »indisches 9/11«. Kleinere Erschütterungen wie das irische Nein zum EU-Verfassungsvertrag zählt man schon gar nicht mehr mit. Es hat in den vergangenen Jahren massivere, kompaktere historische Augenblicke gegeben als 2008: Der 11. September 2001 oder der Irakkrieg 2003 waren lautere Explosionen im Weltgewölbe. Aber die politisch-emotionale Achterbahnfahrt, das schiere Tempo der Stimmungs- und Schauplatzwechsel zwischen Wall Street und Kaukasus, Crash-Angst und Obamanie war atemberaubend und signalisiert eine neue Geschichtsqualität.

Wahrscheinlich werden wir uns an dieses Trommelfeuer der Geschehnisse gewöhnen müssen. Es war kein Zufall und keine medial erzeugte Illusion. Der Ereignisdruck ist Ausdruck einer Demokratisierung von Weltgeschichte: mehr Menschen, mehr Mächte, mehr Möglichkeiten, sich bemerkbar zu machen, mitzureden, zu stören. Es ist nicht mehr wie früher, wo sich alle Blicke automatisch in eine Richtung wandten, wenn in Washington oder Moskau die Parole ausgegeben wurde: »Jetzt ist Nahostkonflikt!«. Täter, Opfer und Schauplätze haben sich vervielfacht. Wenn die Tibeter mit ihren Kräften am Ende sind, können sofort die Georgier einspringen. Weil eine Finanzkrise begonnen hat, hört nicht etwa der Terrorismus auf, wie die Attentate von Mumbai auf furchtbare Weise klargestellt haben. Die Finanzkrise selbst ist globalisiert und demokratisiert – keine Asien- oder sonstige Regionalkrise wie in den 1990er Jahren, auch keine Exklusivkrise der reichen Amerikaner und Europäer, die China oder Indien in ihrem Aufstieg unberührt lassen würde, sondern eine echte Weltkrise für jedermann.

Die früheren Entwicklungsländer nehmen Platz am Tisch der Macht

Der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski hat das Phänomen als »globales Erwachen« bezeichnet: Zum ersten Mal in der Geschichte ist die Menschheit in ihrer ganzen Breite politisch aktiv. Tibet-Freunde, die in San Francisco oder Paris gegen den olympischen Fackellauf protestierten, chinesische Auslandsstudenten im Westen, die umgekehrt für ihre Regierung Partei nahmen und ihren Nationalstolz demonstrierten, schwarze Amerikaner, die mit der Stimme für Barack Obama zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Präsidentenwahl teilgenommen haben – das alles sind Symptome einer universalen Mobilisierung. Selbst im Terrorismus muslimischer Fanatiker steckt eine perverse Form des »globalen Erwachens«, des Kampfes um weltweite Aufmerksamkeit: Würden wir uns denn so viele Gedanken über den Islam machen, wenn es den 11. September 2001 und seine Folgetaten nicht gegeben hätte? Die Attentate von Mumbai haben eben nicht nur Sympathie für die Opfer geweckt, sondern, so verstörend das wirkt, auch erfolgreich das Indienbild verändert: weg vom Wirtschaftswunder und vom Touristenparadies der Werbespots bei CNN, hin zum ungelösten Kaschmirkonflikt und zum Schicksal der muslimischen Minderheit im Land.

Die neue, pluralistische Welt hat 2008 ihr erstes offizielles Forum bekommen, als Embryo einer globalen Ordnung des 21. Jahrhunderts. Die »G20«-Gruppe, die von den Vereinigten Staaten bis Indonesien Industrie- und Schwellenländer zusammenbringt, stellt das Eingeständnis der Reichen und Mächtigen von gestern dar, dass sie die Welt nicht mehr beherrschen können. Ausgerechnet diese bunte, Nord und Süd umfassende Runde, die seit ihrer Gründung 1999 ein Schattendasein geführt hatte, ist zur obersten Instanz in der Debatte über die Finanzkrise geworden, zum Rahmen, in dem Bush, Sarkozy oder Brown auftraten und ihre Rettungsvorschläge präsentierten. Diese Krise kann die alte Weltelite nicht mehr allein bewältigen – und das hat Folgen: Die früheren Entwicklungsländer werden sich ihren frisch erworbenen Platz am Tisch der Großen nicht nehmen lassen, wenn es demnächst um Klima, Handel oder Armutsbekämpfung geht. Wie provisorisch und unfertig auch immer, ist die G20 doch der Vorbote von etwas Neuem, im Unterschied zu den bisweilen zombiehaft weiterlebenden Gremien und Organen aus der Zeit vor 1989, die (wie die Nato) überholt oder (wie die Vereinten Nationen) schwergängig wirken. In einer Ad-hoc-Improvisation, getrieben durch die Angst vor dem großen Crash, hat die kollektive politische Fantasie mit der Entdeckung der G20 einen kleinen schöpferischen Geniestreich getan.

Die Öl- und Schurkenstaaten leiden unter den gesunkenen Energiepreisen

2008 war das Jahr, in dem wir uns an die »multipolare Welt« endgültig gewöhnt haben – die Vielfalt von Machtzentren, die sich seit dem Irakkrieg anstelle der globalen Alleinherrschaft der Vereinigten Staaten herausgebildet hat, die Emanzipation des Südens und Ostens sind selbstverständlich geworden. Mit der Finanzkrise hat die Dominanz der USA nach dem Scheitern von Bushs Weltmachtpolitik einen zweiten Schlag erhalten – jetzt kann von einem amerikanischen Zeitalter wirklich nicht mehr die Rede sein. Zugleich ist aber der Honeymoon der Aufsteigermächte vorbei. Die Karriere des Nicht-Westens war bisher ein Boom-Phänomen: fantastische Zuwachsraten vor allem in Asien. Damit hat es für den Moment ein Ende. Dass die Wirtschaft in China, Indien oder Russland sich von den USA und Europa »abkoppeln« könne, wie schon prophezeit worden war, hat sich als Legende erwiesen. Die Wachstumsprognosen mussten scharf nach unten korrigiert werden. Die russische Staatspropaganda hat die Finanzkrise zunächst als amerikanische Sünde und amerikanisches Problem dargestellt; bald jedoch wurde die Moskauer Börse geschlossen, und die Oligarchen erlitten Milliardeneinbußen, die sie an den Rand des Konkurses brachten. Hinter dem auftrumpfenden Russland des Georgienfeldzugs ist eine höchst fragile Macht sichtbar geworden.

Vom Westen gefürchtete Öl- und Schurkenländer wie Iran und Venezuela haben mit dem Einbruch der Energiepreise ihre Staatseinnahmen schwinden sehen. Die Anschläge von Mumbai haben bloßgelegt, dass die viel gerühmte Atom- und Softwaremacht Indien weiterhin den Sicherheitsapparat eines Drittweltstaats besitzt. Das Emirat Dubai mit seinem Milliarden verpulvernden Märchenluxus muss vom solideren Nachbarn Abu Dhabi gestützt und heraus gekauft werden. Die neuen Mächte stehen nicht etwa stabiler da als die alten, etablierten, westlichen – im Gegenteil. Auf Dauer ist eine Machtverlagerung nach Osten und Süden unvermeidlich, aber eine glatte Karriere der Aufsteiger ist sie nicht.