Klassik im Netz In Schlappen zum Konzert
Zu Gast in der neuen Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker

© Berliner Philharmoniker/AFP/Getty Images
Die Berliner Philharmoniker gibt's jetzt schon für 7,90 Euro
Der Auftrag aus der Redaktion klang absurd. Ich solle, so hieß es, ein Sinfoniekonzert der Berliner Philharmoniker besuchen, meine Kleidung sei egal, ich müsse nicht repräsentieren, ich dürfe dabei einen herzhaft riechenden Käse auspacken und ein Bier zum Spülen nehmen, dürfe das Konzert sogar unterbrechen, um aufs Klo zu gehen oder zu telefonieren. Das Kurioseste: Ich solle zu Hause bleiben.
Schöne neue Welt mit luxuriösem medialem Hintergrund: Die Berliner Philharmoniker spielen seit Neuestem im Internet – sie haben ihre Digital Concert Hall eröffnet. Seit Beginn der Saison stehen in der Philharmonie Kameras und Mikrofone und fangen sämtliche Konzerte ein für die Ewigkeit. Eine Auswahl wird nicht getroffen. Die Digital Concert Hall ist der digitale Raum dieser Ewigkeit – ein gigantischer Datenspeicher, den man nach Belieben anzapfen und über einen Bildschirm sichtbar machen kann. Man braucht im Internet nur http://dch.berliner-philharmoniker.de und nach der Registrierung ein Passwort einzutippen.
Nun kann man einzelne Konzerte live verfolgen, kann sich auf ein Saison-Abo einbuchen oder ins Archiv abtauchen: Immer hat man diese Brigade moderner Orchesterkultur vor sich, kann sie auf Reisen bei sich wissen, auf die Berliner Philharmoniker ist künftig global Verlass, auf den Salomonen oder in Togo, in Virginia City oder La Paz, egal zu welcher Zeit, nur beim Live-Stream eines Konzerts ist es vonnöten, dass man sich zuschaltet, wenn es in Deutschland 20 Uhr schlägt, alles andere ist egal. Der Ort. Die Hose. Sogar die Manieren sind egal. Man kann die Musiker ungerührt arbeiten lassen, dabei Drachen bauen oder eine Vinaigrette anrühren. Niemanden stört es, denn wir sind unter uns, die Philharmoniker und wir, das neue zweite Publikum, lauter einsame Kunden in ihren Wohnzimmern.
14. Dezember, 9.25 Uhr morgens, erster Selbstversuch. Rattle dirigiert seinen Brahms mit Inbrunst, doch dieser Brahms ergreift mich nicht. Vielleicht liegt es nicht an Rattle, sondern an mir: Ich bin Konzerte um acht Uhr abends gewohnt. Außerdem: Ist das auf dem Monitor wirklich ein Konzert? Ist Konzert nicht doch Krawatte aussuchen, hinfahren, Mantel abgeben, den Sitznachbarn begrüßen, klatschen, ein bisschen aufgeregt sein und dann eintauchen, von Brahms’ ewigem Herbst umdüstert werden? Hier komme ich nicht an, weil ich längst da bin. Nicht Herr Rattle befehligt das Orchester, sondern ich, denn ich kann es pausieren lassen, wenn Tante Rita anruft, und keiner zischt mich an oder macht Pssst.
Welcher Kunde ist hier erwünscht? Zunächst einer mit Bankverbindung. Noch bevor man einen Ton gehört hat, wird man in der Digital Concert Hall schon heute auf den Knopf »zur Kasse« gelenkt. Sollte man die Kunden nicht einige Wochen lang schnuppern lassen? Die Berliner Philharmoniker gestatten kein Schnuppern, sie wähnen sich stets anklickens- und kaufenswert, so ein Unternehmen kostet ja irrsinnig viel Geld, auch wenn die Deutsche Bank als Hauptsponsor beteiligt ist. Zugleich sind die Preise strategisch kalkuliert, eine Haydn-Sinfonie kostet im Archiv drei, eine von Brahms bereits fünf Euro. Das ganze Konzert – toller Rabatt – schlägt mit 7,90 Euro zu Buche. Dagegen ist das Saison-Abo (alles inklusive) mit 89 Euro vergleichsweise günstig. Das erste Live-Ereignis gibt es freilich erst am 6. Januar.
So ein Live-Stream ist natürlich eine feine Sache, wenn um 19.25 Uhr unerwartet die Lichtmaschine des Autos ausfällt, der Rezensent nicht aus der Redaktion wegkommt oder draußen der Orkan Herbert wütet. Apropos: Der Herr von Karajan sähe sich die neuen Segnungen gewiss mit einer Mischung aus Faszination und Neid an, schließlich war er der Prototyp der Idee, Musik multimedial als Nachweis seiner Schaffenskraft zu konservieren. Live-Mitschnitte waren ihm zu riskant. Da ist Sir Simon Rattle weiter. Live ist hip – und nach dem Applaus automatisch in der Schublade.
Aus dem Pressebüro des Orchesters ist zu hören, die Digital Concert Hall sei ein Paradies für diejenigen, die in Berlin vergeblich Schlange stünden, und weltweit habe das Orchester ohnedies etliche Fans, die in den Genuss kommen wollten, die Philharmoniker auch optisch zu erleben. Nun, diese Fans müssen eine leistungsfähige Internetverbindung besitzen, sonst sind die Philharmoniker auf dem Bildschirm so groß wie drei Skatkarten nebeneinander.
Könnte sein, dass die Philharmoniker Freikarten für Ehrengäste in Zukunft nur noch selten aushändigen; der in Berlin weilende Staatspräsident von Laos kann ja per Freigutschein ins Internet gehen. Den habe ich einstweilen auch, also nutze ich ihn brav am Ende meines Selbstversuchs, es ist jetzt 1.15 Uhr, und ich habe Lust auf Bartóks Konzert für Orchester. Kann sein, dass ich darüber einschlafe. Auch das wird egal sein, die Berliner Philharmoniker spielen weiter, solange die Leitung steht. Gute Nacht!
- Datum 24.12.2008 - 00:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Guten Abend.
Im Grunde befürworte ich den ganzen digitalen Käse, es ist nämlich verblüffend, was ich an Vorlesungen, Mitschnitten, Dokumentationen finde. Nicht nur Musiken, Filme oder Kurzfilme, sondern ganze Serien von Kollegen zu Chemie, Biologie oder Mathematik finden sich im Internet. Allesamt kostenlos, wenngleich verstreut.
Die kurze Freude über die Möglichkeit die Philharmoniker live und nach belieben nachträglich zu hören, verflog nach der Registrierung und des von dem Autor bereits erwähnten Preises. Um zehn Euro werde ich zur Kasse gebeten für ein Konzert, das nicht den gleichen Hörgenuss bieten kann wie ein Konzert, und weiter: Anscheinend, aber ich mag mich irren, habe ich auf das sozusagen gekaufte Stück nur einen begrenzten Zugriff von zwei Tagen.
Ich nehme an, die Philharmoniker sehnen eine neue Einkommensquelle herbei und ließen sich dabei von windigen Medienspekulanten berieseln, die wiederum einen zu eiligen Vergleich zwischen Live-Konzert und Online-Konzert zogen. Ist doch beides ein Besuch, könnte man meinen. Falsch geschlossen. Offenbar wusste niemand etwas von der ZDF-Mediathek oder dem arte-+7-Archiv. arte ist höflich genug viele seiner Sendungen kostenlos zur Verfügung zu stellen, sieben Tage rückwärts in der Zeit. Von den ZDF-Pionieren ganz zu schweigen. Ob das Modell auf eine Philharmonie, Theater, Filme oder sonstige Konzerte und Veranstaltungen übertragbar ist, müsste man prüfen.
Auch wenn das Projekt scheitern sollte, sähe ich ein Konzert oder Theaterstück oder einen Film irgendwann wirklich gerne am heimischen Notebook. Eine Art Online-Theaterkanal empfände ich infolge der verknappten Zeit als echte Innovation. Schließlich bereiten mir nur die 10 Euro Sorge. Nicht bloß, da ich eine Saisonkarte besitze.
Natürlich ist ein Live-Konzert (und nicht nur eines der Berliner Philharmoniker) ein besonderes Erlebnis, mit allem was dazu gehört: dem "Sich-zurecht-machen" (auch gern in schicker Kleidung), der Fahrt zum Konzertsaal, die Atmosphäre, das Sehen und Gesehenwerden. Und dieses Live-Erlebnis kann man nicht ersetzen oder gar abschaffen.
Doch sollte man nicht so zynisch und elitär sein und die Tatsache, dass ein großes Orchester beschlossen hat, seine Auftritte zusätzlich digital anzubieten, ins Lächerliche ziehen.
(Klassische) Musik "aus der Konserve" (sei es auf CD, in Radio- oder Fernsehübertragungen) sind ein Weg der Rezeption, ohne dass sich das Feuilleton darüber Sorgen machte, ob und was der Hörer beim Lauschen isst und ob die Kleidung, die er dabei trägt, der Musikform angemessen sei.
Ich wäre froh, ich könnte öfter Konzerte der Philharmoniker besuchen, aber mit knapp siebenhundert Kilometern Entfernung zwischen mir und der Philharmonie ist das nicht so ganz einfach zu bewerkstelligen.
Von daher werde ich der Digital Concert Hall auf jeden Fall eine Chance geben, in dem Wissen, dass Akustik und "Experience" nicht an das Erlebnis vor Ort heranreichen werden. Aber dessen bin ich mir bewusst und zahle ja auch "nur" 10 Euro. Ich bin keineswegs (wie mein Vorredner) der Meinung, dieses Angebot müsse kostenlos und zeitlich unbefristet zur Verfügung stehen. Das Live-Konzert kann ich ja auch nicht "mit nach Hause nehmen" und den Preis finde ich angemessen für das, was ich (nicht) bekomme.
Nach dem 6. Januar kann ich dann beurteilen, ob es sich gelohnt hat. Aber ein neuer, interessanter Ansatz, die Musik der Philharmoniker durch ein neues Medium populärer zu machen, ist es dieses Projekt auf jeden Fall.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren