Tom Cruise : Gespräch mit einem Halbgott

Wie ich von Tom Cruise etwas über seinen Stauffenberg-Film "Operation Walküre" erfahren wollte

Psst! Leise! Wir sind im Gebäude der New York Times. Im Heiligtum. Dies ist Amerika, das große Amerika. Und in Amerika dienen die meisten Leute einem von zwei Göttern – Jesus oder der New York Times. Ich persönlich bin zwar nicht religiös, aber manchmal bin ich einfach gern unter Gläubigen. Zum Beispiel heute.

Wollen Sie wissen, was heute Abend hier stattfindet? Ich werd’s Ihnen sagen. Draußen an diesem imposanten Gebäude hängt ein kleiner Anschlag. Ich lese Ihnen mal vor, was darauf steht:

"New York Times Live präsentiert TimesTalks. EIN GESPRÄCH MIT TOM CRUISE. Nutzen Sie diese einmalige Gelegenheit, einen der führenden Schauspieler-Produzenten Hollywoods im Gespräch über seine Karriere und den neuen Film Operation Walküre zu erleben. Heute Abend im TheTimesCenter. Gesprächspartnerin ist Lynn Hirschberg vom New York Times Magazine . AUSVERKAUFT."

Während ich Platz nehme, denke ich an meinen deutschen Freund, der es kaum erwarten kann, dass Operation Walküre in die Kinos kommt. Ich war ganz gerührt, als ich merkte, wie nahe ihm ein simpler Film geht. Schließlich, sagte er, mit Dankbarkeit in der Stimme, haben wir einen großen amerikanischen Schauspieler, der der Welt die gute Seite Deutschlands zeigt. Der der ganzen Welt zeigt, dass sich damals nicht alle Deutschen schuldig gemacht haben, dass es auch gute Deutsche gab, Leute, die bereit waren, im Kampf gegen die Nazis ihr Leben zu geben.

Seine Stimme klingt mir noch im Ohr, aber ich habe meine Zweifel. Ist Tom Cruise, der ultimative amerikanische Schauspieler, der Richtige für die Rolle des Hitler-Attentäters Oberst Graf Stauffenberg?

Ich erwarte Aufklärung. Tom sagt: "Film fand ich schon immer klasse"

Stauffenberg war kein einfacher Charakter, und seine Motive sind nicht unumstritten. Manche Leute werfen ihm eine antisemitische Einstellung vor, zitieren einen Brief, in dem er die Juden als "Volk, das sich nur unter der Knute wohlfühlt", bezeichnet haben soll. Wie denkt Tom Cruise darüber, der Stauffenberg in den höchsten Tönen gepriesen hat? Und wird Lynn Hirschberg in ihrem tiefschürfenden Interview, wie man es von der New York Times erwarten darf, herausfinden, wie Mr Cruise zu dieser beispiellosen Periode in der Geschichte steht?

Die Veranstaltung ist natürlich vom Feinsten. Jede Menge Wachpersonal, ausgestattet mit der allerneuesten Technik, kontrolliert die Gäste, ihre Tickets, Mäntel und Taschen. Der Saal ist perfekt, wunderschöne rote Sessel, nagelneu, picobello. An jeder Saaltür zwei Aufpasser. Der Secret Service könnte es nicht besser machen. Ein Wunder, dass ich das Gefühl habe, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein? Natürlich nicht. Lässig lege ich den Mantel ab und freue mich auf einen Abend, der Platon alle Ehre machen wird.

Es wird dunkel im Saal, unsere beiden Figuren treten stilvoll auf.

Tom ist à la Steve Jobs gekleidet, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Hose. Lynn trägt hübsche schwarze Stiefel und Minirock, eine Winter-Sommer-Kombi. Modisch im besten Sinne, könnte man sagen.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2
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@ ZEIT: "jüdischer Regisseur"?

Inwiefern ist die Konfession wichtig für das Verständnis des Beitrags?

"Tom ist à la Steve Jobs gekleidet, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Hose."
Falsch: Steve Jobs trägt bei seinen Apple-Keynotes weder Rollkragenpullover, noch schwarze Hose.

"Vielleicht sollte ich Modedesigner werden."
Bei dieser mangelhaften Beobachtungsgabe besser nicht, Herr Tenenbom!
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"Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
(Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)

...und schon wieder hat es der Religionskonzern, bzw. einer seiner Protagonisten, in die Medien geschafft... steht der Konzern eigentlich nicht unter Beobachtung was Staatsgefärdenen Aktivitäten anbelangt?

Steuern wollen die ja wegen angeblicher Religiöser Tätigkeit auch nicht gerne bezahlen, fahren dann aber mit mindestens einem Luxusschiff rund um den Globus und bewirten und bezirzen einige reiche und Mächtige dieser Welt...

In diesem Fall verzichte ich auf die sonst übliche Freiheit der Kunst (sofern Kommerzielle Filme dazu zählen) sich zu interpretieren...

;-)

“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

... bitte, wir sind alle stauffenberg

zum glück gibt es noch außenseiter, die sich einen klaren blick bewahrt haben für die peinlichen seiten des lebens, v.a. wenn es um naive geschichtsklitterung geht.
peinlich die freudige erwartung des "deutschen freundes", der auf eine nachträgliche reinwaschung von hollywoods gnaden hofft.
peinlich die beschreibung der kriecherischen haltung von moderator und publikum derartigen banalitäten gegenüber.

danke, herr tenenbom.

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