Kolumne Wörterbericht

so(zu)sagen

Wenn man sich die Sprache als ein Meer voller Wörter vorstellt, welche sind dann die unscheinbarsten Lebewesen darin, das Plankton im Ozean? Es sind die Füllwörter – Wörter wie »doch« und »mal«, »halt« und »eben«. Oder wagen wir ein Festlandgleichnis: Füllwörter sind die Filzeinlagen der Kommunikation, sie sorgen dafür, dass unsere Schritte leiser und unsere Tritte weicher wirken. Linguisten nennen diese Wörter Abdämpfungspartikel; sie mindern Kälte und Tempo eines Satzes, sie umgeben jede Gemeinheit mit dem Flausch des Verbindlichen. Auf Füllwörter kann man nicht verzichten, sie verändern sich kaum, auch wenn die Sprache im Wandel ist. Ein bedeutendes Füllwort allerdings hat sich in letzter Zeit doch gewandelt: sozusagen. Dieses Wort, rhetorisches Zwischengas, dazu geschaffen, dem Sprecher Zeit zu gewinnen, um das ferne Ziel des Satzes zu entwerfen, ist unter Intellektuellen fast nur noch in seiner dreisilbigen Eil- und Knautschform gebräuchlich, als sosagen. Sosagen ist die Lücke, die keine Luft, die Pause, die keinen Aufschub mehr verschafft. Gerade im Nebensächlichen verraten wir uns: als hastige Knechte der Effizienz. So(zu)sagen ist wie so vieles, was aus den guten alten Tagen in unsere Zeit hineinragt: ein Luxus, den wir uns eigentlich nicht mehr leisten können. Peter Kümmel

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    • Serie Audio
    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
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