Helmut Schmidt

Herr Schmidt, wie feiern Sie eigentlich Weihnachten?

Zu zweit.

Gehen Sie mit Loki in die Kirche?

Das haben wir früher getan, vor allem wegen der Musik. Und wegen der Musik können wir es heute nicht mehr; das machen meine Ohren nicht mehr mit.

Ich habe einen Vortrag gefunden, den Sie 1997 in der Hamburger Katharinenkirche gehalten haben. Darin sagen Sie: »Ich brauche das Vaterunser, die Zehn Gebote, die Kirchenmusik und den Choral.« Besinnen Sie sich zu Weihnachten wirklich auf das Christentum?

Nicht nur zu Weihnachten, aber das Fest ist ein Anlass. Ich erinnere mich an einen sehr schönen Weihnachtsspaziergang mit Loki. Wir waren jung verheiratet, es war Krieg, und ich hatte Heimaturlaub. Wir gingen von der Wohnung meiner Eltern in Eilbek zu Fuß rüber nach Barmbek, wo wir unsere Wohnung hatten. Als wir den Kanal überquerten, ertönten von der Eilbeker Kirche drei Trompeten. Sie bliesen Vom Himmel hoch, da komm ich her. Das hat mich sehr bewegt. Es ist immer noch in meinem Gedächtnis. (Schweigt lange)

Wie sah denn in Ihrer Jugend ein typisches Weihnachtsfest bei armen Leuten aus?

Meine Großeltern väterlicherseits waren sehr arm. Sie hatten einen kleinen Weihnachtsbaum mit Lichtern, und am Heiligen Abend gab es ein außergewöhnlich gutes Essen. Mein Großvater arbeitete im Hafen, meistens am Sandtorkai – da, wo jetzt die HafenCity gebaut wird. Beim Verladen der Waren ging immer mal etwas zu Bruch, offiziell aus Versehen, und dann konnte jeder von den Arbeitern einen Zampelbüdel voll Apfelsinen, Bananen oder Sardinenbüchsen mit nach Hause bringen. Zu Weihnachten gingen besonders viele Kisten kaputt.

Nehmen Sie an, dass die Chefs das wussten?

Ich glaube, das wurde geduldet, das war sozusagen Deputat. Zu Hause wurde dann alles auf dem Abendbrottisch aufgebaut, und Opa sagte: »Eet ji dat man allens op; betohlen mööt ji dat doch!« Das müsst ihr alles aufessen; bezahlen müsst ihr es sowieso!

Gibt es heute im Hause Schmidt noch einen Weihnachtsbaum?

Nein. Aber es gibt Kerzen.

Kommt Ihre Tochter zu Weihnachten rüber?

Zu meinem Geburtstag kommt sie rüber, an Weihnachten muss sie zurück nach England.

Haben Sie jemals Pakete in die DDR geschickt, wie es zu Weihnachten in vielen Familien üblich war?

Daran erinnere ich mich nicht. Ich weiß wohl, dass wir Pakete nach Polen geschickt haben. Aber in der DDR hatten wir keine Freunde mehr. Die letzten waren 1962 nach Hamburg gekommen. Übrigens auf abenteuerlichem Wege – mit einem Visum für Schweden, das wir hier in Hamburg gefälscht hatten. Das war sicherlich nicht rechtens, aber moralisch in Ordnung.

Um bei der weihnachtlichen Milde zu bleiben: Gibt es in diesem Jahr Menschen, von denen Sie sagen würden, sie haben zu viel Prügel abbekommen?

Da fällt mir der frühere Chef von Siemens ein, Heinrich von Pierer. Übrigens gilt das wahrscheinlich auch für seinen unmittelbaren Nachfolger Kleinfeld. Die sind ein bisschen sehr schlecht behandelt worden.

Kleinfeld verstehe ich gut, aber warum von Pierer?

Er hat sicherlich eine Mitverantwortung für das, was sein Vorstand insgesamt getan und gelassen hat, aber er hat eben auch ganz große Verdienste. Ohne von Pierer wäre Siemens nicht zu dieser Weltfirma aufgestiegen, die es inzwischen ist.

Wenn Sie heute in der Verlegenheit wären, eine Weihnachtsansprache halten zu müssen, was würden Sie den Deutschen wünschen?

Ich würde ihnen Selbstvertrauen wünschen. Und, bitte sehr: die Abwesenheit von Angst.

Auf eine Zigarette mit

Über Weihnachtsfeste, die ihm in Erinnerung blieben»Drei Trompeten bliesen ›Vom Himmel hoch, da komm ich her‹. Das hat mich sehr bewegt«

ZEIT magazin Das Gespräch führte Giovanni di Lorenzo ––– Foto Daniel Biskup/laif

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service