Nahost-Konflikt Logik des WahnsinnsSeite 2/2

Das Ziel ist nicht die Zweistaatenlösung; Hamas und Iran wollen Israel in der Tat »ausradieren«. Doch ist diese Endlösung bloß fernes Endziel. Hier und jetzt geht es um die Machtfrage in Mittelost – gegen Amerika, gegen Israel als seinen »Festlandsdegen«, gegen die sunnitischen Verbündeten der USA. Probates Mittel ist der Zermürbungs- und Demoralisierungskrieg. Was in westlicher Logik Wahnsinn ist, verwandelt sich im Kopf des Gotteskriegers in Rationalität – Bombardements, ja den Einmarsch zu provozieren ist Teil der Strategie. Je mächtiger die Zerstörung, desto höher der Sympathie- und Solidarisierungseffekt im Bilderkrieg – in Arabien wie im Westen. Das ist die Perfektion der Perversion: Israelis umzubringen ist gut; die eigenen Leute sterben zu lassen ist es auch.

Bloß hat sich Hamas diesmal verkalkuliert. Die Israelis haben die alten Hemmungen ebenso verworfen wie – bis zum Redaktionsschluss – einen neuen Einmarsch, auf den Hamas sich mit Tunneln, Bunkern und Minenfeldern so gut vorbereitet hatte. Statt in die Falle des Straßenkrieges zu laufen, machen sich die Israelis eine »asymmetrische Kriegführung« zu eigen – mit Präzisions- und Abstandswaffen aus der Luft.

Verkalkuliert haben sich Hamas und Iran auch auf der größeren Bühne zwischen Beirut und Basra. Auf dieser dreht sich der zentrale Konflikt nicht um das Westjordanland und Gaza, sondern um die Vorherrschaft, um die Revolution unter der grünen Flagge des Propheten. Doch geht die Rechnung nicht auf. Lieber paktieren die arabischen Regime mit Israel und Amerika, als sich Teheran zu unterwerfen.

Israel mag diesen Krieg gewinnen. Aber die Schwächung von Hamas bedeutet nicht die Stärkung des Friedens. Das Gros der Israelis hat sich zwar zu einer Zweistaatenlösung durchgerungen, aber die rückt mit jeder Hamas-Rakete weiter ins Land der Albträume. Hat die Räumung Gazas den Zermürbungskrieg nicht genauso provoziert wie der Rückzug aus dem Libanon 2000? Und jetzt soll Israel dem Iran-Freund Syrien den Golan zurückgeben?

Da Iran und Genossen die Vetomacht haben, lautet die bittere Wahrheit: Der »kleine« Konflikt – Israel/Palästina – kann erst gelöst werden, wenn der »große« zwischen Iran und Amerika sowie seinen arabischen Verbündeten entschärft wird. Diese Herkulesarbeit kann weder das »Quartett« (EU, USA, UN, Russland) noch ein weiteres »Annapolis« leisten. Auch nicht die israelische Luftwaffe, denn die kann keine friedensbeseelte Hamas herbeibomben.

Hoffen wir auf das schnelle Ende der Luftoffensive – mehr lässt sich nicht erträumen. Und auf einen israelischen Wahlausgang im Februar, der nicht die Hardliner an die Macht bringt. Und schließlich auf den Wunderheiler Obama. Wer die große Hillary bezwungen hat, schafft womöglich auch die Ahmadineschads und Assads. Good luck, Mr. President.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • doron
    • 28.01.2009 um 1:03 Uhr

    Wenn schon jetzt die Hamas so agiert, wie wird es erst weitergehen, wenn der Iran die Atombombe hat?
    Darum http://de.stopthebomb.net...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Serie Audio
  • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
  • Kommentare 1
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Konflikt | Nahost
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service