Placebo-Prognosen
Wann geht es aufwärts? Je genauer Finanzexperten jetzt darauf antworten, desto weniger sollte man sich auf sie verlassenVon joachim riedl
Die Prognosen werden immer grimmiger. Die österreichische Wirtschaftsleistung werde im kommenden Jahr um ein halbes Prozent zurückgehen, befürchtet nun Karl Aiginger, der Leiter des Wirtschaftsforschungsinstitutes. Ewald Nowotny, der Gouverneur der Nationalbank, hält es mittlerweile sogar für vorstellbar, dass das Bruttoinlandsprodukt um ein ganzes Prozent schrumpfen könnte (siehe auch das Gespräch auf Seite 11). Es ist nur ein schwacher Trost, dass dieser Abschwung auf sehr hohem Niveau erfolgt. »Da stecken echte Leiden dahinter«, sagt Nowotny.
Auf eine Voraussage festlegen möchte sich allerdings keiner der Experten. Ihre Prognosen seien lediglich Momentaufnahmen, beteuern sie. Zu viele Faktoren sind derzeit unabwägbar, und die meisten Annahmen, unter denen die Entwicklung jetzt eingeschätzt wird, sind zu vage. Sie basieren auf der Hoffnung, in rund einem halben Jahr könnte die Talsohle des Konjunkturrückganges erreicht sein. Das ist zwar optimistisch, doch in der gegenwärtigen Ungewissheit bleibt den Finanzfachleuten kaum eine andere Wahl. Jetzt sollen Beschwörungen dort helfen, wo an es an konkretem Know-how mangelt. Manchmal zeigt ja sogar ein Placebo überraschende Wirkung.
Niemand konnte sich die aktuelle Finanzkrise wirklich vorstellen
Auch die Experten sind von der Wucht und dem rasanten Tempo der Finanzkrise überrumpelt worden. Vergleichbares war noch nie beobachtet worden. Ähnlich mag es seinerzeit den Züchtern, Händlern und Spekulanten in Haarlem und Amsterdam ergangen sein, als im großen Tulpenfieber des Jahres 1637 der Preis für eine einzige Zwiebel der Semper Augustus, der teuersten Sorte, auf 10000 Gulden kletterte (um diese Summe zu verdienen, musste ein niederländischer Handwerker 40 Jahre lang arbeiten) und innerhalb von Tagen um 95 Prozent wieder abstürzte.
Hunderte Spekulationsblasen später ist das wirtschaftswissenschaftliche Instrumentarium zwar verfeinert worden, doch niemand konnte oder wollte sich vor dem aktuellen Zusammenbruch die beispiellose Kettenreaktion vorstellen, die auf der ganzen Welt durch faule Immobilienkredite in den USA ausgelöst wurde. Zu abstrakt war vielen das Wissen um das engmaschige globale Netz der Finanzinstitutionen und der von ihnen abhängigen Unternehmen. Dass ein Rentner in einer Provinzstadt plötzlich sein Erspartes verliert, weil in Manhattan eine mächtige Investmentbank, von der er bis dahin noch nie gehört hatte, in sich zusammenfällt: Das war bis zu diesem Zeitpunkt reichlich blasse Theorie, Stoff für Volkswirtschaftsseminare. Es gibt einen kalten, technischen Begriff für die komplexen Zusammenhänge, er lautet Interdependenz. Aber wer wollte sich unter solch einem Zungenbrecher ein lebensnahes Ereignis vorstellen?
Die Menschheit leidet seit je darunter, dass sie ein Geschehen, das droht an die Grenzen der Vorstellungskraft heranzureichen, am liebsten ausblendet. Der Philosoph Günter Anders hat dieses Phänomen die menschliche »Apokalypseblindheit« genannt – sie existiert im Großen wie im Kleinen.
Ungewissheit fördert jedoch Misstrauen, was wiederum dazu führt, dass sich viele bedeckt halten. Man möchte den Optimisten Glauben schenken, wagt es aber nicht. Vorsichtshalber verharrt man in einer Schreckstarre. In der aktuellen Situation nennt sich das Kreditklemme und Angstsparen.
Ist den Weltuntergangspropheten zu trauen, die keinen Ausweg mehr sehen?
Anderseits beflügelt große Ungewissheit auch Weltuntergangspropheten, die, wie einst mittelalterliche Pestprediger, eine ungeahnte Katastrophe für nicht mehr abwendbar halten. Soll man diesen Verkündigern trauen, die behaupten, Wohlstand, Fortschritt und sozialer Zusammenhalt würden bald verschwinden? Dann wäre ein kollektiver Konsumrausch durchaus nachvollziehbar: Es könnte ja das letzte Mal sein. Genau das, behaupten die Finanzexperten, sei nun das richtige Rezept, um die Krise zu bewältigen. Es könnte also auch bergauf gehen, obwohl alle nur schwarzsehen: Hauptsache, es wird konsumiert und nicht gespart.
Wenn Prognosen trügerisch geworden sind, fällt es ungleich schwerer, das richtige Rezept zur Krisenbewältigung zu finden. Die Fachleute verfügen zwar über reiche historische Erfahrung und jede Menge Theorien, ob die allerdings unter den drastisch geänderten Bedingungen auch die gewünschte Wirkung zeigen, muss sich erst herausstellen. Mit ungeheurem Aufwand und unter Einsatz aller Tricks ist es vorläufig lediglich gelungen, einen Kollaps zu verhindern. Das war Notfallversorgung, keine Therapie.
Insgeheim gestehen viele Experten, auch jene, die als Entscheidungsträger direkten Einfluss auf die Finanzwirtschaft haben, ein, dass sie fatalistisch geworden sind. Wie die berühmten Ärzte am Krankenbett versammeln sie sich zu einem Consilium und grübeln, wie dem Patienten Kapitalismus am besten wieder auf die Beine geholfen werden könnte. Sie verabreichen ihm ein finanzpolitisches Tonikum und beobachten gespannt die Wirkung. Verpufft es, greifen sie zum nächsten Mittel. So lange, bis sie entweder mit ihrem Latein am Ende sind oder sich überraschende Heilung eingestellt hat. Das ist die Methode von Versuch und Irrtum. Sich dabei auf Prognosen verlassen zu wollen wäre reines Glücksspiel.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren