Der mit dem Possum tanzt
Ein Wiener in Sydney. Der Grafikdesigner Helge Parsch, 66, betreut als Uncle Heck Studenten
Wie viele andere Menschen auch haben meine Frau und ich in unseren frühen Vierzigern öfter vom Auswandern gesprochen. Ich war Teilhaber eines gut gehenden Wiener Werbestudios und fragte mich, ob das schon alles gewesen sein könnte. Der Erfolg der politischen Rechten schürte unseren Unmut. Schließlich gab die Gemengelage aus Tschernobyl-Angst, Waldheim-Skandal und Abenteuerlust den Ausschlag: Mit unseren Kindern, sie waren damals 7, 11 und 15 Jahre alt, sowie der 75-jährigen Schwiegermutter machten wir uns vor gut zwanzig Jahren auf die Reise.
Heute sind wir Weltbürger mit australischen Pässen. Aus den Kindern sind eine Ärztin, eine Designerin und ein Historiker geworden. Meine Frau und ich unterrichten am Sydney Design College, die Studierenden aus aller Welt rufen uns dort »Uncle Heck« und »Aunt Silvia«. Aufgrund unserer Leistungen wurde uns als Designern ein Ehrendiplom verliehen. In diesen Tagen beschäftigen uns neben den Abschlussfeierlichkeiten am College aber vor allem Revierkämpfe mit den Possums, das sind kleine australische Beuteltiere. Die wollen die Holzterrasse vor unserem Haus übernehmen. Die Possums sind zwar possierlich, aber auch heimtückisch, laut und frech. Wenn nötig, vertreiben wir sie mit Wassergüssen. Wir leben mitten in der Natur in Avalon, einem sehr grünen Stadtteil an den Northern Beaches, die durch die Fernsehserie Bay Watch weltbekannt geworden sind. Wir füttern Regenbogenpapageien und Kookaburras, eine Eisvogelart, die man im Deutschen Lachender Hans nennt.
Anfang der siebziger Jahre brachte ich mit Freunden die Popzeitschrift Playback heraus. Das Magazin wurde rasch wieder eingestellt, doch verhalf es mir beim Neustart in Sydney zu meinem ersten Job. Es war für die Australier optisch so ansprechend, dass sie mir prompt die Artdirektion für das Stadtmagazin sydney inc. übertrugen. Damals waren die Australier in Sachen Gestaltung noch nicht so selbstbewusst. Sie glaubten, dass europäisches Design grundsätzlich besser sei als das eigene. Das hat sich längst geändert.
Kaum eine andere Stadt ist so auf ihren Auftritt bedacht wie Sydney. Ob man das Hafenviertel Darling Harbour als Beispiel nimmt, das in seiner Synthese aus Himmel, Wasser und Licht zu einem Anziehungspunkt für Architekten aus aller Welt geworden ist. Oder die Modewoche in Sydney, die australische Strandkultur in alle Welt exportiert. Australisches Design ist tendenziell besonders leicht, lebenslustig, farbig und sommerlich. Gerade in der aktuellen Weltwirtschaftskrise tut das gut.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
Foto: privat
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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