Mission »Augustina Christin ist«Seite 5/5
Wie unvereinbar völlig verschiedene Welten, Wünsche und Erwartungen aufeinanderprallen konnten, zeigt das Beispiel Saidas in Burghausen, die am 29.August 1858 unter großem Volksandrang und deswegen unter Polizeischutz getauft wurde. »Saida«, so berichtete die Oberin, »die sonsten so unbeugsame stolze Saida, benahm sich höchst lobenswerth, denn sie ist durchdrungen, daß sie nunmehr anderst leben muß. Saida brauchte bis jetzt eine Geduld, die unerschöpflich ist. Da sie einer besseren Familie angehört, so beansprucht sie Vorrechte und Auszeichnungen, die nur Prinzessinnen verlangen können. Das Wort, ich bitte oder ersuche, bringt sie nur mit größter Überwindung über die Lippen, und es geschah schon, daß sie einen ganzen Tag keinen Bissen genoß, um nur nicht bitten zu müssen. Sie fordert eine Bedienung, wie man sie nur an großen Höfen antrifft; wenn das Glas Wasser vor ihr steht, so soll es ihr noch gereicht werden. Sie schenkt niemandem Liebe, wenn sie nicht weis, daß er eine Herrschaft hat. Die Englischen [Fräulein] behandelt sie wegwerfend, und wird ihr das Mindeste untersagt, dann geräth sie in Ärger, ja, sie ging schon so weit, daß sie das Umbringen drohte. [] Aber bei all diesen Unarten muß man sie lieben. Seit ihrer Taufe verhält sie sich in mancher Beziehung schon anderst. Heute stand sie früh auf und kleidete sich allein an, und als man um die Ursache fragte, antwortete sie: ›Augustina Christin ist, Christen nicht so lange schlafen dürfen.‹«
Gleich bei ihrer Ankunft werden die Kinder zur Schau gestellt
Die Taufen wurden als außergewöhnliche Ereignisse gefeiert. Sie fanden auch außerhalb des Klosters große Resonanz und wurden in den Missionsheftchen detailliert beschrieben. Nachdem man oft schon bei Ankunft der Kinder die Tore des Klosters geöffnet hatte, um der einheimischen Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, diese »exotischen Geschöpfe« zu bestaunen, fanden sich meist Damen der Gesellschaft bereit, eine Patenschaft zu übernehmen, um den Unterhalt des jeweiligen Kindes zu finanzieren. In München durften die Kleinen in der königlichen Kutsche ins Schloss fahren und in Klagenfurt mit dem Erzbischof die für sie gesammelten Spenden zählen. Die Präsentation der Kinder – noch auf dem Totenbett – erinnert ein wenig an die später so beliebten Kolonialausstellungen und die Völkerschauen wie die des Zoos und Zirkus Hagenbeck in Hamburg.
Weil das Ergebnis des ganzen Unternehmens am Ende nur desaströs war, wurde der »Loskauf von Negerkindern« gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingestellt. Olivieri hatte »nur« Seelen retten wollen, daher war es aus theologischer Sicht irrelevant, wie jung die Kinder starben. Die missionarische Arbeit der wenigen Mädchen, die – wie geplant – später nach Afrika zurückgingen (zum Beispiel Elisa Mairama aus Altötting), ist allenfalls Beleg für das Scheitern des gesamten Projekts.
Wer heute von den Leiden der Kinder in Darfur oder im Kongo weiß, wer die Spendenappelle der großen Hilfswerke liest und die Sternsinger empfängt, die im Januar wieder von Haus zu Haus ziehen, den wird dieses bizarre Kapitel der europäisch-afrikanischen Geschichte bitter stimmen. Es zeigt, wie so vieles »Gutgemeintes« durch Ignoranz und Hochmut von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.
Die Autorin ist Historikerin und lebt in Essen
- Datum 13.05.2009 - 13:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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"oh gott" ist so ziemlich das einzige was mir als kommentar zu diesem artikel einfällt....
Dass die Kirche viel Blut vergossen und viele Leben auf dem Gewissen hat weiß man ja, aber das habe ich (als leider nicht besonders geschichtsbewanderter Mensch) noch nicht gewusst.
Danke an die Zeit und die Autorin für einen weiteren Schritt Aufklärung
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