Die Angst vor dem Angstsparen

Ewald Nowotny, Gouverneur der Nationalbank, über Krisenstimmung, falsche Prognosen und Experten, die nur im Trüben fischen können

Die Zeit: Herr Gouverneur, was haben wir in den letzten Monaten erlebt: einen heilsamen Schock, die größte Wirtschaftskrise seit 1929 oder den Anfang vom Ende der modernen Wohlstandsgesellschaft?

Ewald Nowotny: Wir sind noch mitten in dem Geschehen, daher kann man solch große Entwicklungen derzeit nicht beurteilen. Ich versuche, die Dinge nüchtern und pragmatisch zu sehen. Was wir erlebt haben, ist ein sehr rascher Einbruch der Wachstumsraten in allen großen Industriestaaten, ein Rückgang der Inflation und Versuche aller Staaten, diesem Einbruch entgegenzuwirken. Bis jetzt wurde dadurch zumindest erreicht, dass es zu keiner Eskalation gekommen ist.

Zeit: Sie vermeiden offensichtlich das Wort Krise.

Nowotny: Ich wäre vorsichtig mit diesem Begriff, er ist zu umfassend. Wir beobachten derzeit einen sehr deutlichen Rückgang des Wirtschaftswachstums – allerdings von einem sehr hohen Niveau ausgehend.

Zeit: Experten meinen, wir seien auf den Stand von 2005 zurückgefallen.

Nowotny: Das könnte sich am Ende des Tages so ergeben. Der massive Boom der vergangenen Jahre hat sich als nicht dauerhaft erwiesen. Aber das ist noch keine Krise.

Zeit: Sie selbst halten mittlerweile ein Negativwachstum des Bruttoinlandsproduktes von bis zu minus einem Prozent in Österreich für vorstellbar. Erst 2010 soll dann eine sanfte Erholung stattfinden. Allerdings nur unter der Annahme, die USA würde rasch ihre Talsohle durchschreiten, so sie diese bereits erreicht haben. Ist das überhaupt realistisch?

Nowotny: Leider werden von Monat zu Monat die Prognosen schlechter. Es hat den interessanten Vorschlag eines deutschen Wirtschaftswissenschafters gegeben, ein Prognosemoratorium einzuführen.

Zeit: Weil diese Prognosen zu Selffulfilling Prophecys werden könnten?

Nowotny: Sie können das Klima negativ beeinflussen. Faktum ist, wir werden einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes erleben, wie es ihn in der Nachkriegszeit noch nicht gegeben hat.

Zeit: Aber von einem sehr hohen Niveau aus, wie Sie sagen. Ist die Krisenstimmung vielleicht vor allem ein psychologisches Problem, weil die Gesellschaft an einen Rückgang des Wirtschaftswachstums nicht gewöhnt ist?

Nowotny: Na ja, Psychologie spielt sicherlich eine wichtige Rolle. Andererseits darf man die Augen vor den harten Fakten nicht verschließen, die zum Beispiel darin bestehen, dass die Zahl der Arbeitslosen ansteigen wird. Es herrscht aber ein Wechselspiel zwischen psychologischen Erwartungen und harten Fakten – das eine wirkt auf das andere ein. Daher bitte ich auch, die Rolle einer Stabilisierung des Vertrauens nicht zu unterschätzen. Das ist, fürchte ich, derzeit noch nicht gelungen.

Zeit: Taugen die Prognosemodelle überhaupt noch, wenn so viele ungewisse Faktoren im Spiel sind?

Nowotny: Es ist richtig, dass viele der traditionellen Modelle nicht funktioniert haben, weil es zwei tatsächlich neue Phänomene gab. Das eine bestand darin, dass der Geldmarkt zusammenbrach. Man hätte nie erwartet, dass Banken sich aus ihrem eigentlichen Geschäft, nämlich der Kreditvergabe, zurückziehen würden. Dazu kam die unerwartet hohe Geschwindigkeit der Entwicklung. Beides sind meiner Meinung nach Globalisierungseffekte, die wir noch nicht richtig erfasst haben. Deshalb hinken die Prognosen der Wirklichkeit hinterher.

Zeit: Was steht auf dem Spiel für österreichische Durchschnittshaushalte: die Existenz oder das dritte Mobiltelefon pro Familie?

Nowotny: Die Existenz sicherlich nicht. Wirklich gravierend ist das Gefühl der Unsicherheit, das um sich greift. Das kann sich in dem bekannten Phänomen des Angstsparens auswirken. Es wäre allerdings zynisch zu behaupten, der Einbruch wäre lediglich eine Wohlstandsmigräne. Da stecken schon echte Leiden dahinter.

Zeit: In den Einkaufszonen der Städte konnte man im Dezember den Eindruck des Angstsparens aber eher nicht gewinnen.

Nowotny: Als Ökonom sehe ich das mit großer Freude. Ich fürchte nur, die Gesamtzahlen werden doch eine andere Sprache sprechen. In Österreich herrscht eine positivere Grundstimmung als etwa in den USA. Das birgt die Chance einer rascheren Stabilisierung.

Zeit: Was war für Sie der schwärzeste Augenblick dieser Krise, die Sie nicht Krise nennen mögen?

Nowotny: Ein Wendepunkt war zweifellos die Weigerung der amerikanischen Regierung, das Bankhaus Lehman im September zu stützen. Eigentlich befanden sich die Finanzmärkte zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg der Besserung. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers hat dann jedoch zu dem verhängnisvollen Vertrauensschwund der Banken untereinander geführt.

Zeit: War die Weigerung ein Fehler?

Nowotny: Ein massiver Fehler, nicht nur aus meiner Sicht. Ich denke, darüber herrscht Konsens.

Zeit: Nun haben Wirtschafts- und Finanzexperten derzeit meistens ein ausgesprochen mulmiges Gefühl, wenn sie an die Zukunft denken. Zu Recht?

Nowotny: Natürlich sind das schwierige Zeiten, vor allem weil niemand seriös voraussagen kann, wann der Wendepunkt zum Besseren erreicht sein wird. Andererseits wäre es die Aufgabe gerade der Fachleute, die Kirche im Dorf zu lassen. Es gibt ja jetzt schon einen Wettlauf um das dramatischere Krisenszenario.

Zeit: Und vor allem diese Szenarien drücken die allgemeine Stimmung.

Nowotny: Ja, leider. Ich glaube, man muss nüchtern zwei große Problembereiche erkennen. Einerseits funktioniert das Finanzierungssystem nach wie vor nicht ausreichend, und andererseits entsteht dadurch in der Realwirtschaft ein massiver Rückgang. Das sind zwei ganz konkrete Punkte. Das bedeutet aber nicht, dass wir insgesamt vor einem Zusammenbruch des Systems stehen.

Zeit: Häufig entsteht der Eindruck, die Verantwortlichen würden die volle Wahrheit nicht auf den Tisch legen und die schlimmen Nachrichten nur scheibchenweise servieren.

Nowotny: Es ist eine Illusion zu glauben, beispielsweise bei Banken müsse man nur einen Status erfassen, und dann wäre die Situation ein für alle Mal geklärt. Tatsächlich bewegen sich die Dinge laufend.

Zeit: Dennoch drängt sich die Frage auf: Wissen es die Verantwortlichen nicht besser, wollen sie es nicht wissen, oder wollen sie bloß, dass wir es nicht wissen?

Nowotny: Ich möchte nicht ausschließen, dass in manchen Fällen ein Interesse daran besteht, nicht alles sofort auf den Tisch zu legen. Das größere Problem aber besteht darin, dass sich die Dinge fortwährend entwickeln.

Zeit: Das heißt: Man weiß es nicht.

Nowotny: Man kann es gar nicht in vollem Ausmaß wissen, weil heute niemand sagen kann, wie sich die Verschlechterung in der realen Wirtschaft beispielsweise auf die Bankenbilanzen auswirken wird. Umgekehrt sind auch Prognosen für die Realwirtschaft schwierig, wenn man die Entwicklung der Finanzierungsbedingungen nicht kennt.

Zeit: Das erinnert ein an das Caspar-David-Friedrich-Gemälde vom Wanderer im Nebelmeer.

Nowotny: In dieser Situation befinden sich Konjunkturpolitiker ja häufiger. Aber auch jeder Nebel lichtet sich einmal.

Zeit: Das ist nur dann trostreich, wenn man zuvor im Nebel nicht den Abgrund übersehen hat. Möchten Sie sich ausmalen, was in Europa ohne Eurosystem passiert wäre?

Nowotny: Dann hätte es wahrscheinlich einen massiven Zusammenbruch der einzelnen Bankensysteme gegeben. Eine einzelne nationale Notenbank hätte nie jene erhöhte Liquiditätsvorsorge treffen können, wie es die EZB getan hat, weil eine einzelne Notenbank sofort in große Vertrauensprobleme geraten wäre.

Zeit: Verfügen Sie eigentlich über ein Worst-Case-Szenario?

Nowotny: Jeder vernünftige Ökonom hat Best-Case- und Worst-Case-Szenarien. Aber das sind Überlegungen, die man am besten mit sich selbst beredet.

Zeit: Da möchten Sie keinen Einblick gewähren?

Nowotny: Es gibt eine Menge von Szenarien, die wir immer wieder durchspielen. Ein Beispiel ist etwa der schwere Wirtschaftseinbruch Skandinaviens nach dem Ende des Ostblocks. Dort hat es eine massive Bankenkrise gegeben, und das hat in der Folge zu einem massiven Abschwung geführt.

Zeit: Sie sind ja Mitglied des Rates, also des Leitungsgremiums der EZB. Wie ist die Stimmung in diesem Kollegium?

Nowotny: Präsident Jean-Claude Trichet drückt das gerne so aus: Wir verfolgen die Dinge mit hoher Aufmerksamkeit.

Zeit: Das erhofft man sich aber auch in wirtschaftlich guten Zeiten.

Nowotny: Ja, klar. Aber jetzt besteht ein hohes Maß an Unsicherheit über die künftige Entwicklung. Es gibt positive und es gibt negative Signale, und man muss daher unter Umständen auch sehr kurzfristig reagieren.

Zeit: Wäre »nervöse Anspannung« eine zutreffende Beschreibung der Befindlichkeit?

Nowotny: Das Wort »nervös« würde ich weglassen, weil Notenbanker nicht nervös sein sollten.

Das Gespräch führte Joachim Riedl

»Faktum ist, wir werden einen Rückgang erleben, wie es ihn in der Nachkriegszeit nicht gegeben hat«

Foto: Ronald Zak/AP

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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