Von Sabine und Thomas Müller fehlt jede Spur, aber hier steht ihre Eckcouch, das Modell "Florenz" in Eierschalengelb, auf dem Karen Heumann sitzt, die Chefstrategin der Werbeagentur Jung von Matt. Der Blick schweift über die terracottafarbenen Wände, über die mit Nippes dekorierte Schrankwand und fixiert schließlich den Adventskranz auf dem geschwungenen Glastisch.

Die Müllers, erklärt Frau Heumann, gebe es in Wirklichkeit gar nicht. Sie existieren nur in der Vorstellung der Werber von Jung von Matt. Zwei Durchschnittsdeutsche, wie sie die Statistik hervorgebracht hat. Ihr Wohnzimmer besteht aus 22 Quadratmetern Durchschnittsgeschmack. Millionenfach gibt es deutsche Stuben wie diese hier.

Wenn die Kreativen dieser besonders kreativen Agentur sich überlegen, wie sie die Deutschen zu mehr Einkäufen überreden können, wenn sie über Kampagnen für Autos, Handys oder Schokoriegel brüten, dann sitzen sie hier – mitten im Leben, im Herz der Republik, dessen perfektes Abbild sich im Hamburger Karolinenviertel befindet.

Jetzt ist Wirtschaftskrise, und Karen Heumann versucht, die Stimmung im Müllerschen Wohnzimmer zu beschreiben. "Es herrscht eine allgemeine Verunsicherung", sagt sie, "eine diffuse Angst", aber das klingt ja selber noch ganz allgemein und diffus, Frau Heumann, kann man das nicht konkreter sagen? Die Müllers, kommt die Antwort vom Sofa, haben Angst vor persönlichen Einschränkungen. Vor einem sinkenden Lebensstandard. Die Müllers sagen sich, es soll doch bitte alles so bleiben, wie es ist. Erwarten Orientierung, Ehrlichkeit, Transparenz, Glaubwürdigkeit. Ausgerechnet von den Werbern, Frau Heumann? Die Unternehmen müssen nun den Dialog mit den Kunden herstellen und Vertrauen aufbauen. Marktschreierische Anzeigen mit der Botschaft "Wir sind groß, wir sind fett, wir sind erfolgreich", die funktionieren nicht mehr.

Was jetzt gut funktioniert, ist Angst. Besonders stolz ist Frau Heumann auf die Jung-von-Matt-Kampagne für die Versicherungssparte von KarstadtQuelle. Die wurde jüngst mit einem Effizienzpreis des Gesamtverbandes Kommunikationsagenturen ausgezeichnet und bemüht gleich mehrere menschliche Ängste: Unfall, Krankheit, Tod.

Ein Anzeigenmotiv zeigt den Kopf eines älteren Herrn mit Hornbrille und Halbglatze. Er wirbt für eine Sterbegeld-Absicherung und sagt: "Von wegen: Der Tod kostet nur das Leben." Sabine und Thomas Müller, sagt Heumann, sehnten sich nach Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten.