Spender sucht Helfer...
...und umgekehrt. Internet-Plattformen wie betterplace machen es beiden Seiten leichter Von kerstin bund
An die 500 Kinositze erinnern nur noch gusseiserne Skelette. Zentimeterdick sind sie bedeckt mit Asche und Staub. Die Leinwand ist vergilbt und an den Seiten eingerissen. Zwischen den morschen Dachbalken klaffen riesige Löcher.
So sieht es aus auf den Internetfotos des Lichtspielhauses von Dschenin im Westjordanland. Als 1987 die erste Intifada ausbrach, wurde es geschlossen. Marcus Vetter will den Kinosaal wieder zum Treffpunkt machen – für die Bewohner der Stadt und des angrenzenden Flüchtlingslagers. Das Geld sammelt der deutsche Dokumentarfilmer im Netz, auf der Seite betterplace.org.
Die Plattform hat eine neue Art des Spendensammelns im Internet etabliert: interaktiv, direkt und relativ transparent. Hier können sich Hilfesuchende mit Spendenwilligen treffen. Über 500 Projekte aus rund 85 Ländern präsentieren sich auf dem Spendenportal – mit ganz unterschiedlichen Anliegen. Die World Toilet Organization aus Singapur etwa kämpft dafür, dass die weltweit 2,6 Milliarden Menschen ohne Zugang zu funktionierenden Toiletten ein ordentliches Klo bekommen. Ein Kinderheim in Berlin-Neukölln hingegen sammelt für Weihnachtsgeschenke.
Betterplace ist nicht das einzige Angebot dieser Art. Daneben gibt es etwa elargio.de, helpedia.org, gute-tat.de oder pledgebank.com. Doch allein bei betterplace haben sich im ersten Jahr des Bestehens 7000 Nutzer registriert und zusammen 300000 Euro gespendet. Einige Mitglieder helfen zudem mit Sachspenden oder arbeiten freiwillig bei Projekten mit.
»Die Spender können online verfolgen, was mit jedem einzelnen Euro geschieht«, sagt Till Behnke, Gründer und Geschäftsführer der betterplace Stiftung. Wer ein Hilfsprojekt vorstellt, beschreibt konkret, was er braucht. Und der Nutzer spendet gezielt: für ein Buch in einem kenianischen Waisenhaus etwa, für eine Wasserleitung in einem Indianerdorf in Peru oder für einen Spezialrollstuhl eines Mädchens aus Mannheim.
Die Projektleiter müssen regelmäßig auf der Webseite über den Fortschritt der Arbeit berichten und aktuelle Fotos einstellen. Die Nutzer können mit ihnen über die Internetseite direkt kommunizieren oder das Projekt selbst besuchen. »Das sorgt für radikale Transparenz«, hofft der 29-jährige Behnke, der gerade erst als Social Entrepreneur von der internationalen Organisation Ashoka ausgezeichnet wurde. Und Transparenz – das zeigte Anfang des Jahres die Unicef-Affäre um dubiose Beraterhonorare – ist im Geschäft mit den Wohltaten die wichtigste Währung.
Bei betterplace wird die Seriosität über ein Netz des Vertrauens überprüft: Die Nutzer bewerten die Projekte. Sind sie von einer Idee überzeugt, werben sie unter den Mitgliedern dafür. Je positiver ihre Beurteilung, das Rating, ausfällt, desto glaubwürdiger wirkt eine Initiative – und zieht weitere Unterstützer an.
Kritik an dieser Selbstkontrolle des sozialen Marktplatzes kommt vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). »Ich bezweifle, dass die Summe von Einzelmeinungen aussagekräftiger ist als unabhängige Berichte«, sagt der Geschäftsführer Burkhard Wilke. Die subjektiven Bewertungen könnten Zertifizierungen allenfalls ergänzen.
Behnke wehrt sich gegen solche Vorwürfe. »Wir unterstützen viele Kleinstprojekte«, sagt er, »die unter dem Radar der großen Hilfsorganisationen verschwinden.« Von diesen kleinen Initiativen könnten sich die meisten externe Prüfungen und Gütezeichen gar nicht leisten. Das DZI-Spendensiegel etwa lassen sich Organisationen – je nach Spendenaufkommen – 500 bis 10000 Euro im Jahr kosten.
Große Einrichtungen wie das Deutsche Kinderhilfswerk, die Kindernothilfe oder die Caritas nutzen das Spendenportal bereits als neuen Kommunikationsweg. Deutschlandweit sind 55 Prozent der Spender älter als 60 Jahre. »Über das Internet erreichen wir jetzt eine jüngere Zielgruppe«, sagt Astrid Marxen, Referentin für Fundraising bei der Nothilfe Care Deutschland. Im Netz ließe sich zudem bei Katastrophen schnelle Hilfe mobilisieren. Allein für die Opfer des Zyklons in Myanmar im Frühjahr sammelte Care auf betterplace mehr als 42000 Euro ein.
Das war vor der Krise. Und jetzt? »Wir spüren die Rezession nicht«, sagt Till Behnke. Im Dezember erwartet er sogar einen neuen Spendenrekord. Dieser Monat lebt zwar immer von der hohen Hilfsbereitschaft vor Weihnachten, aber auch daüber hinaus entwickelt sich betterplace gegen den allgemeinen Trend: Der Deutsche Spendenrat stellt in seiner Bilanz des Helfens 2008 insgesamt eine sinkende Spendenbereitschaft und eine zunehmende Skepsis bei den Wohltätern fest. Drei von vier Deutschen sind demnach der Ansicht, dass zu viel Geld in die Verwaltung der Institutionen fließt – bei großen Hilfsorganisationen sind das im Schnitt 16 Prozent der eingesammelten Spenden. »Wir leiten einhundert Prozent an das jeweilige Projekt weiter«, versichert hingegen Behnke.
Noch deckt das Jungunternehmen seine laufenden Kosten mit dem Geld von privaten Förderern. Später will sich die wohltätige Plattform aber selbst tragen, indem sie Unternehmen bei ihrem sozialen Engagement berät – gegen ein Entgelt von 50 Cent pro Mitarbeiter und Monat. Inzwischen meldet Marcus Vetter den betterplace-Freunden erste Erfolge: Mit der Renovierung des Dachs und der Kinostühle werde in Dschenin bald begonnen. Im März 2010 soll dann endlich wieder eine Vorstellung stattfinden, nach 23 Jahren.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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