Hochschule »Die Uni muss ein emotionaler Ort sein«
Ein Gespräch mit dem Lüneburger Universitätspräsidenten Sascha Spoun über die umstrittene Neuausrichtung seiner Hochschule
DIE ZEIT: Auf ihrer Bildungsreise hat Bundeskanzlerin Angela Merkel genau eine Universität besucht. Die Ihre, die weder besonders groß ist noch als besonders exzellent gilt. Warum Lüneburg? Haben Ihre Kritiker doch recht, die behaupten, Sie sonnten sich gern im Scheinwerferlicht?
SASCHA SPOUN: Das Kanzleramt ist auf uns zugekommen, nicht umgekehrt. Die Bundeskanzlerin wollte im Rahmen ihrer Bildungsreise Orte in Deutschland besuchen, wo Innovationen passieren. Natürlich freuen wir uns, dass sie sich für Lüneburg entschieden hat. Aber ich sehe die Leuphana hier als prototypische Stellvertreterin für alle 80 deutschen Universitäten, die gleichermaßen dem tief greifenden gesellschaftlichen Wandel begegnen müssen.
ZEIT: Hört sich bescheiden an. Sonst sagen Sie auch gern mal, Lüneburg sei ganz und gar untypisch, weil die Probleme hier noch größer seien als anderswo, und rechtfertigen damit Ihren harten Reformkurs.
SPOUN: Natürlich ist die Leuphana auch insofern untypisch, als dass wir hier mit mehreren Herausforderungen gleichzeitig fertig werden müssen. Wie alle Hochschulen arbeiten wir zum Beispiel an der Bologna-Reform, aber wir wollen sie anders machen, konsequenter, indem wir den allgemeinbildenden Aspekt des Bachelors in den Vordergrund stellen.
ZEIT: Die anderen machen es also falsch?
SPOUN: Nicht zwangsläufig, aber wir gehen unseren eigenen Weg. Wir haben ein gemeinsames erstes Semester eingeführt und ein Komplementärstudium, das alle Studenten belegen müssen. So ergänzen wir das Fachstudium um andere Wissenschaftsperspektiven und grundlegende Methodenbildung. Wir sind dabei, eigene Zulassungstests zu entwickeln, um mehr als die Abi-Note berücksichtigen zu können. Dieses Jahr haben wir so die ersten 500 Studenten ausgewählt. Und wir wollen die Qualität der Lehre verbessern, indem wir unseren Professoren aufwendige Fortbildungsseminare bieten bis hin zu Einzelcoachings.
ZEIT: Ihr Leuphana-Bachelor allein bedeutet noch keine erschwerten Bedingungen.
SPOUN: Richtig. Wie andere kleinere Hochschulen müssen wir aber auch gleichzeitig unsere Forschungsaktivitäten fokussieren. Statt vieles zu machen, müssen wir uns auf ausgewählte Bereiche beschränken, um diese interdisziplinär und intensiver zu bearbeiten. Den Traum von der Volluniversität können sich nur noch die Großen leisten. Und schließlich, das ist eine Besonderheit, müssen wir eine zum Teil schmerzhafte Fusion der ehemaligen Fachhochschule und der Universität bewältigen.
ZEIT: Aktuell gibt es auf dem Campus heftige Proteste gegen Pläne des neu berufenen Stiftungsrates, Professoren stärker von externen Experten auswählen zu lassen. So werde die wissenschaftliche Freiheit ausgehebelt, heißt es. Sie selbst sind bald drei Jahre im Amt und wehren sich ebenso lange gegen Vorwürfe, ein neoliberaler Wirtschaftsfreund zu sein, der die Ökonomisierung der Bildung betreibt.
SPOUN: Diese Kritik taucht derzeit deutschlandweit nicht nur an Hochschulen auf, sondern überall dort, wo Antworten gesucht werden auf die Globalisierung, auf die Digitalisierung, auf die sozialen Verschiebungen. Doch wenn man sich genauer anschaut, was wir vorhaben, erledigen sich die Befürchtungen von selbst. Wir betreiben eben keine Ökonomisierung, wenn wir drei unserer vier Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Lehrerbildung, Nachhaltigkeit und Kulturforschung setzen. Uns geht es vielmehr um ein weiterentwickeltes Rollenverständnis für die Universität. Sie soll nicht nur sich selbst genügen, nach innen gerichtet, sondern aktiver Teil der Zivilgesellschaft sein. Ein attraktiver Ort, zu dem die Menschen gerne kommen, um Kompetenz und Gedankenaustausch zu erleben. Für die Studierenden soll die Universität gleichzeitig ein Ort sein, an dem sie sich gerne aufhalten.
ZEIT: Sollten Sie nicht die Qualität der Lehre steigern, statt über den Wohlfühlfaktor nachzudenken?
SPOUN: Das eine bedingt das andere. Ich weiß, die Vorstellung der Universität als emotional ansprechender Ort in Deutschland muss manchmal eigenartig erscheinen. Wir haben zu lange eine Reduktion aufs Rationale gehabt. Doch erfolgreiche Universitäten weltweit machen es vor: Da, wo die Studierenden einen Gemeinschaftsgeist mit den Lehrenden erleben, wo sie Erfahrungen sammeln, an die sie sich gern erinnern, floriert auch die Wissenschaft. Beispiel Startwoche: In ihren ersten Uni-Tagen arbeiten die Studierenden unabhängig von ihren Fächern an einem gemeinsamen Problem. Dieses Jahr ging es um Lösungen für eine Stadt, deren Hauptarbeitgeber dichtmachen. Wie kann man eine neue Basis für Wohlstand schaffen, ohne die soziale Balance aus dem Auge zu verlieren? Dieses Gemeinschaftserlebnis vergessen die Studierenden nie.
ZEIT: Sie haben den US-Stararchitekten Daniel Libeskind für die Neugestaltung des Campus gewonnen. Noch ein PR-Coup?
SPOUN: In Deutschland ist es noch etwas fast Undenkbares, dass ein weltweit bekannter Architekt sich bereit erklärt, einer öffentlichen Universität als Professor zu dienen. In anderen Ländern ist ehrenamtliches Engagement besonders Erfolgreicher dagegen eine Selbstverständlichkeit. Das hatten wir im Hinterkopf und freuen uns über die unerwartet große öffentliche Aufmerksamkeit.
ZEIT: Das nehmen wir Ihnen nicht ab.
SPOUN: Doch selbst wenn es anders wäre, wo ist das Problem? Es gibt in Deutschland offenbar Leistungen, für die man keine Werbung machen darf, kein professionelles Marketing. Die Hochschule war lange ein solcher Bereich. Das ändert sich allmählich. Ob wir wollen oder nicht: Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie. Für den WWF, Opernhäuser oder Universitäten gilt wie für andere Organisationen auch: Es kommt darauf an, wahrgenommen zu werden, um überhaupt eine Chance zu haben.
ZEIT: Das mit der Aufmerksamkeit haben Sie gut hinbekommen. In nur zwei Jahren hat die Landesregierung ihren Zuschuss für Lüneburg um 20 Prozent erhöht, deutschlandweiter Rekord. Zum Nachteil der anderen Hochschulen in Niedersachsen?
SPOUN: Wir haben uns nicht auf Kosten anderer bedient. Im Vergleich haben wir immer noch einen Nachholbedarf. Trotzdem ist der Zuwachs, den wir bekommen haben, sehr beachtlich, wir sind dankbar dafür. Er zeigt, dass etwas in Bewegung kommen kann, wenn man Dinge gut macht. Wir sind für die Politik ein verlässlicher Partner: Die angekündigten Vorhaben, wie College, Graduate School, Kooperation mit Unternehmen und Stiftungen, entwickeln sich und werden tatsächlich umgesetzt.
ZEIT: Manche sehen in dem Zuwachs auch eine Prämie für Ihre Treue dem Ministerium gegenüber.
SPOUN: Die Kritik verstehe ich nicht. Gute Kooperation zwischen Universität und Ministerium nützt doch Institution und Land. Die Leuphana will ihre Qualität verbessern. Eine attraktive Uni hat höhere Lebenschancen. Und es ist doch auch für andere Hochschulen eine Ermutigung, zu sehen, dass man über Innovation und Anstrengung tatsächlich Veränderungen erreichen kann in unserem öffentlichen Hochschulsystem. Die Leuphana arbeitet daran.
Die Fragen stellteJan-Martin Wiarda
- Datum 31.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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Mindestens ein wichtiges Them fand im Interview keine Erwähnung. In der Printausgabe wurde von AStA-Sprecher Björn Gluesen und Professorin Christine Garbe insbesondere der beinahe autoritäre Führungsstil des Präsidenten angegriffen. Mir scheint, dies ist derzeit der wichtigste Kritikpunkt an der Arbeit des Präsidiums. Dies hätte gerne in zwei bis drei Fragen erörtert werden können.
Ansonsten, vielen Dank für das kostenlose Marketing.
Habe mein Auslandsjahr an einer englischen Universität verbracht, die dem, was Herr Spoun hier skizziert, weitgehend entspricht. Bleibt nur zu hoffen, dass den Ankündigungen von Seiten des Landes Niedersachsen und der Universität Lüneburg Taten folgen. Es wäre den Studenten zu wünschen!
Spoun hat es tatsächlich geschafft, die Uni durch geschickte Werbung und eine knallharte Umsetzung des vom Ministerium unterstützten Fusionsprojekts finanziell nach vorne zu bringen. Das ist anzuerkennen, dafür wurde er geholt, auch wenn es auf Kosten anderer niedersäschsischer Hochschulen geht. Ob sein Konzept inhaltlich trät, bleibt abzuwarten. Es wird sicher weiter kritisch beäugt.
Ansonsten ein (von mir seltenes) Lob an Herrn Wiarda für das Interview, der sich zuweilen gegenüber "Refeormern" aller Couleur gerne mit dem Stichwortgeben begnügt.
grundbesoldung:
Besoldungsgruppe W 1: 3.507,50 Euro
Grundgehalt W 2: 4.006,73 Euro (Ost: 3598,28 Euro)
Grundgehalt W 3: 4.865,32 Euro (Ost: 4369,34 Euro)
Ferner liegen die Grundgehälter von W1 und W2 ab einem bestimmten Alter unter denen ab A13, obwohl mit letzteren Tarifen niedriger qualifizierte Beamtengruppen besoldet werden, z.B. Studienräte, Oberstudienräte usw. an Realschulen und Gymnasien. (quelle: http://de.wikipedia.org/w...)
gut, das ist nur die grundbesoldung. beachtet man den notwendigen qualifikationsmarathon, der auf sich genommen wird obwohl nur eine sehr geringe chance besteht ueberhaupt eine professur zu bekommen, so verbietet es sich wohl von "hochbezahlt" zu sprechen.
das hauptproblem der deutschen universitaeten ist nach wie vor, dass sie systematisch kaputtgespart werden. daran hat sich auch mit dem bildungspolitischen lachblatt "exzellenz"initiativen (= einige wenige universitaeten kommen damit wieder auf das niveau vor den streichungsorgien; allerdings fliessen die gelder in die forschung, nicht in die lehre) nichts geaendert.
Über die nach der Reform der Professorenbesoldung Anfang des Jahrzehnts sehr unattraktive Bezahlung deutscher Professoren hat Quotetheraven ja schon geschrieben; ausgerechnet diejenige Berufsgruppe an den Hochschulen, die am meisten aus sich selbst heraus motiviert ist, wird heute "leistungsorientiert" bezahlt, während in der Hochschulverwaltung alles beim Alten gebleiben ist. "Leistungsorientiert" heisst in Deutschland, dass das gleichbleibende (!) Budget für die Hochschullehrer nach immer noch höchst schwammigen Leistungskriterien auf die einzelnen Professoren aufgeteilt wird. Das bedeutet zwar, dass man sich nun ein paar teure etablierte Spitzenleute aus dem Ausland oder aus der Wirtschaft einkaufen kann, aber auch, dass für die anderen entsprechend weniger übrig bleibt. Das Pikante bzw. Infame an der Sache ist das gedeckelte Gesamtbudget: wenn also alle 20% mehr leisten würden, würde trotzdem jeder noch das gleiche Gehalt bekommen. (Ich füge gleich hinzu, dass ich bezweifle, dass eine nennenswerte Steigerung der Leistung bei den meisten Professoren überhaupt möglich wäre). Oder anders ausgedrückt: eine Gehaltssteigerung kann man nur auf Kosten der anderen Kollegen bekommen.
Über die absolute Höhe deutscher Professorengehälter kann man in der Wirtschaft nur schmunzeln, gerade in den Natur- und Ingenieurwissenschaften und in der Informatik verdienen Absolventen in der Wirtschaft schon nach wenigen Jahren Berufspraxis beträchtlich mehr als die Professoren, die sie ausgebildet haben. Das ist bei Lehrern zwar oft so, aber im Gegensatz zum "herkömmlichen" Lehrer hat ein Professor eine äusserst langwierige Weiterqualifikation (Promotion, Habilitation) und ein äußerst strenges Auswahlverfahren durchlaufen.
Gerade junge Nachwuchsprofessoren haben unter der (gut gemeinten) Flexibilisierung der Professorenvergütung zu leiden, denn sie haben bei der ersten Einstellung eine denkbare schlechte Verhandlungsposition. "Jung" heisst hier: ca 10-15 Jahre wissenschaftliche Spitzenleistungen, sonst wird man erst garnicht berufen. Solche Leute werden heute zu geradezu unanständig niedrigen "Einstiegsgehältern" eingestellt, verbunden mit der Aufforderung, wenn man mehr verdienen wolle, dann könne man sich ja schnell wegbewerben. So geht man in Deutschland mit den Spitzenkräften der Forschung um!
Über die nach der Reform der Professorenbesoldung Anfang des Jahrzehnts sehr unattraktive Bezahlung deutscher Professoren hat Quotetheraven ja schon geschrieben; ausgerechnet diejenige Berufsgruppe an den Hochschulen, die am meisten aus sich selbst heraus motiviert ist, wird heute "leistungsorientiert" bezahlt, während in der Hochschulverwaltung alles beim Alten gebleiben ist. "Leistungsorientiert" heisst in Deutschland, dass das gleichbleibende (!) Budget für die Hochschullehrer nach immer noch höchst schwammigen Leistungskriterien auf die einzelnen Professoren aufgeteilt wird. Das bedeutet zwar, dass man sich nun ein paar teure etablierte Spitzenleute aus dem Ausland oder aus der Wirtschaft einkaufen kann, aber auch, dass für die anderen entsprechend weniger übrig bleibt. Das Pikante bzw. Infame an der Sache ist das gedeckelte Gesamtbudget: wenn also alle 20% mehr leisten würden, würde trotzdem jeder noch das gleiche Gehalt bekommen. (Ich füge gleich hinzu, dass ich bezweifle, dass eine nennenswerte Steigerung der Leistung bei den meisten Professoren überhaupt möglich wäre). Oder anders ausgedrückt: eine Gehaltssteigerung kann man nur auf Kosten der anderen Kollegen bekommen.
Über die absolute Höhe deutscher Professorengehälter kann man in der Wirtschaft nur schmunzeln, gerade in den Natur- und Ingenieurwissenschaften und in der Informatik verdienen Absolventen in der Wirtschaft schon nach wenigen Jahren Berufspraxis beträchtlich mehr als die Professoren, die sie ausgebildet haben. Das ist bei Lehrern zwar oft so, aber im Gegensatz zum "herkömmlichen" Lehrer hat ein Professor eine äusserst langwierige Weiterqualifikation (Promotion, Habilitation) und ein äußerst strenges Auswahlverfahren durchlaufen.
Gerade junge Nachwuchsprofessoren haben unter der (gut gemeinten) Flexibilisierung der Professorenvergütung zu leiden, denn sie haben bei der ersten Einstellung eine denkbare schlechte Verhandlungsposition. "Jung" heisst hier: ca 10-15 Jahre wissenschaftliche Spitzenleistungen, sonst wird man erst garnicht berufen. Solche Leute werden heute zu geradezu unanständig niedrigen "Einstiegsgehältern" eingestellt, verbunden mit der Aufforderung, wenn man mehr verdienen wolle, dann könne man sich ja schnell wegbewerben. So geht man in Deutschland mit den Spitzenkräften der Forschung um!
avianusfabulus
dieser herr formuliert in technokratischen worthülsen seine vorstellungen. wenn man die website der lüneburger universität liest, kommen einem starke bedenken. vorwiegend gefasel. - wenn man andererseits die akademiker 25-30j. und ihre sprachlichen hohlblockbausteine wie auch ihre fehlende praxis, menschlichkeit, ihr apparatschik-verhalten beobachtet, sollte man sich fragen, ob nicht gerade lüneburg das studium beginnen lassen sollte mit 1 jahr arbeit in landwirtschaft oder fabrik. - enzensberger wäre der geeignete mann, diesen abstrusen wortbrei der selbstdarstellung zu analysieren. - nehmen die studenten den kram ernst?? - ich lache: interdisziplinär, kultur, allgemeinbildung. - und dazu gibt dann der maiordomus dieser universität seine kleinen senf-phrasen ab, um die nächsten generationen dieser sozial inkompetenten bwl'er etc.pp auszubilden?? nene, ein richtig kluger ordinarius aus der gelehrtenrepublik wäre einem lieber. - auffallend ist heute: hilflos können junge juristInnen ärztInnen etc. kaum mit menschen umgehen.
Lieber "Nazo", wenn Sie "Auslandssemester in England und Kanada" verbracht haben, dann werden Sie wissen, dass es auch dort -- und in den so hochgepriesenen USA -- office hours der Professoren gibt, also Sprechstunden, und abgesehen von der dort deutlich geringeren Lehrverpflichtung ist es auch nicht üblich, dass der Prof auf Zuruf den Studenten zur Verfügung steht. Es ist eben der Sinn einer Sprechstunde, dass man sich zu anderen Zeiten ungestört auf andere Pflichten konzentrieren kann. Der Beruf eines Professors ist nämlich, hier wie dort, etwas völlig anderes als der Beruf eines Vollzeit-Lehrers. Ein Professor an einer wissenschaftlichen Universität ist ein Forscher mit einer in Deutschland ziemlich umfangreichen Lehrverpflichtung. Er ist meist auch Leiter einer Forschungsgruppe, er hat die Verpflichtung, zu publizieren und seine Forschungsergebnisse unter Kollegen und in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Er schreibt Forschungsanträge und Projektberichte, und begutachtet Projektanträge und Veröffentlichungen anderer Kollegen. Er plant Lehrveranstaltungen und Studiengänge und arbeitet an deren Weiterentwicklung. In der heutigen Zeit ist er überdies auch noch in die Selbstverwaltung der Universität verpflichtet sowie in die stetig zunehmende Evaluierung der Hochschullehrer untereinander eingebunden. Für alles dies wird Zeit benötigt, und natürlich eine Zeitplanung, und aus diesem simplen Grund gibt es Sprechstunden, und deshalb gibt es auch Wochentage, an denen Professoren üblicherweise diese anderen Aufgaben erledigen.
Auch in Deutschland sind die Sekretariate der Professoren ständig geöffnet (es sei denn, man hat dort nur eine Halbtagsstelle), und ob es viele oder wenige Tutoren gibt, ist nicht vom Professor, sondern von der Hochschulleitung zu verantworten, denn diese - und nicht etwa der Prof - legen die Budgets für die Lehre fest.
Kurz gesagt: die Anwesenheit eines Profs an der Universität hat mit dessen Arbeitseinsatz sehr, sehr wenig zu tun. Oder wissen Sie, was Ihre Profs tun, wenn sie nicht an der Uni sind? Viele Professoren arbeiten zu Hause an ihren Veröffentlichungen und an ihren Vorlesungen, gerade weil an der Uni in kurzen Abständen alle möglichen Anfragen auftreten, die alle für sich durchaus berechtigt sind, aber ein konzentriertes Arbeiten überaus erschweren. Um dies alles vernünftig und effizient zu organisieren, wurden Sekretariate, Tutoren und Sprechstunden erfunden. Und es gehört geradezu zum Berufsbild, sehr viel unterwegs zu sein (Konferenzen, internationale Projekte, Zusammenarbeit mit der Wirtschaft).
Es gilt - in Deutschland - seit rund 10 Jahren als regelrecht schick, Professor(inn)en als arbeitsscheu zu verunglimpfen, weil derjenige, der sich nicht auskennt, Anwesenheit oder Sprechstundenzeit mit Arbeitszeit gleichsetzt. Mit der durchschnittlichen Arbeitszeit eines deutschen Professors oder einer deutschen Professorin wäre man in der Wirtschaft überaus zufrieden, erst recht unter Berücksichtigung des typischen deutschen Professorengehalts. In anderen Ländern wäre diese Professorenschelte, welche die ZEIT übrigens durch einzelne Redakteure sehr gefördert hat, übrigens völlig unakzeptabel. Speziell an "Nazo" gerichtet: Falls Sie selbst noch an der Uni sind, sprechen Sie mal Ihre Professor(inn)en darauf an, wie ihr "Job" aussieht.
Über die nach der Reform der Professorenbesoldung Anfang des Jahrzehnts sehr unattraktive Bezahlung deutscher Professoren hat Quotetheraven ja schon geschrieben; ausgerechnet diejenige Berufsgruppe an den Hochschulen, die am meisten aus sich selbst heraus motiviert ist, wird heute "leistungsorientiert" bezahlt, während in der Hochschulverwaltung alles beim Alten gebleiben ist. "Leistungsorientiert" heisst in Deutschland, dass das gleichbleibende (!) Budget für die Hochschullehrer nach immer noch höchst schwammigen Leistungskriterien auf die einzelnen Professoren aufgeteilt wird. Das bedeutet zwar, dass man sich nun ein paar teure etablierte Spitzenleute aus dem Ausland oder aus der Wirtschaft einkaufen kann, aber auch, dass für die anderen entsprechend weniger übrig bleibt. Das Pikante bzw. Infame an der Sache ist das gedeckelte Gesamtbudget: wenn also alle 20% mehr leisten würden, würde trotzdem jeder noch das gleiche Gehalt bekommen. (Ich füge gleich hinzu, dass ich bezweifle, dass eine nennenswerte Steigerung der Leistung bei den meisten Professoren überhaupt möglich wäre). Oder anders ausgedrückt: eine Gehaltssteigerung kann man nur auf Kosten der anderen Kollegen bekommen.
Über die absolute Höhe deutscher Professorengehälter kann man in der Wirtschaft nur schmunzeln, gerade in den Natur- und Ingenieurwissenschaften und in der Informatik verdienen Absolventen in der Wirtschaft schon nach wenigen Jahren Berufspraxis beträchtlich mehr als die Professoren, die sie ausgebildet haben. Das ist bei Lehrern zwar oft so, aber im Gegensatz zum "herkömmlichen" Lehrer hat ein Professor eine äusserst langwierige Weiterqualifikation (Promotion, Habilitation) und ein äußerst strenges Auswahlverfahren durchlaufen.
Gerade junge Nachwuchsprofessoren haben unter der (gut gemeinten) Flexibilisierung der Professorenvergütung zu leiden, denn sie haben bei der ersten Einstellung eine denkbare schlechte Verhandlungsposition. "Jung" heisst hier: ca 10-15 Jahre wissenschaftliche Spitzenleistungen, sonst wird man erst garnicht berufen. Solche Leute werden heute zu geradezu unanständig niedrigen "Einstiegsgehältern" eingestellt, verbunden mit der Aufforderung, wenn man mehr verdienen wolle, dann könne man sich ja schnell wegbewerben. So geht man in Deutschland mit den Spitzenkräften der Forschung um!
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