»Distanz zu sich selbst«

Der Publizist Jürg Tobler, einst Chefredaktor in Luzern und St. Gallen, sagt, der Schweizer Journalismus und das Land seien in einem ähnlich schlechten Zustand

DIE ZEIT: Herr Tobler, Sie waren als Chefredaktor in Luzern und St. Gallen eine Ikone des Schweizer Journalismus. Sie haben sich dann 1998 mit knapp 60 Jahren plötzlich verabschiedet. Bereuen Sie das heute?

jürg tobler: Es gab Momente des Bedauerns, ja. Ich hatte damals wohl darauf spekuliert, dass man mir von allen Seiten zurufe, man brauche mich doch noch. Das passierte anfänglich schon, wenn auch nicht von allen Seiten… und nicht verlockend genug. Da ich mich auch im südfranzösischen Rebgarten eines Sohnes ergehen wollte, fielen Mandate, die eine Dauerpräsenz in der Schweiz voraussetzten, von vornherein außer Betracht. Der Presserat, zum Beispiel.

zeit: Sie fühlten sich »gefangen« in der Schweiz?

tobler: Die Familie Tobler ist zwölfmal innerhalb der Schweiz umgezogen. Das sagt etwas über meinen Bewegungsdrang und die Angst, mich in örtlichen Netzen zu verfangen. Und sagt noch mehr über die Leidensfähigkeit meiner Nächsten.

zeit: Sie sind kein glücklicher Mensch.

tobler: Da mögen Sie recht haben. Jedenfalls ist es mir bisher nicht gelungen, Glück zu definieren.

Zeit: Wie kommt Ihnen heute der Schweizer Journalismus vor?

tobler: Was ich jetzt sage, wird vermutlich dem Grauschleier eines trübselig Alternden zugeschrieben. Sei’s drum! Ich bin nicht erst im fortgeschrittenen Alter ein konventioneller Geist, was die Rollen-Gebote in der Medienwelt anlangt. Wenn sich die Gewichte vom kognitiven zum affektiven Geschäft hin verlagern, kann ich keine Freude empfinden. Die Vermischung von Wesentlichem und Beiläufigem, die Verwischung von Ernst und Spaß – ein Wort, das mir fast nicht über die Lippen geht –, ertrage ich nicht schmerzlos. Ebenso wenig das Personalisieren um seiner selbst willen. Die Person als Vehikel zur Sache, das lob ich mir. Ebenso auffällige wie ermüdende Tendenz Nummer zwei ist die Sensationalisierung von allem und jedem, die schroffe Dissonanz. Darin steckt häufig nicht viel mehr als die Spekulation auf eine Konsonanz im Ressentiment. Auch Zeitungen, die mir lieb und teuer sind, unterwerfen sich zuweilen dem Trend zum zeitgeistig Ungeschiedenen, Modischen. Die sprachlichen Anleihen verraten Defizite geistiger Selbstständigkeit. Verflachungen der Anspruchsprofile, wo man genauer hinschaut, Angleichungen, Anbiederungen an ein Publikum, das rapid bedient sein will. Erkenntnis ist ohne Arbeit nicht zu haben. Ich verachte die faits divers keineswegs. Sie sollen ihren Raum haben, nicht aber in allen Sparten ihre Nistplätze. Das Scheiden und Ordnen der Dinge scheint keine erstrangige Journalistentugend mehr zu sein.

zeit: Und das Urteil wird immer mehr den Tatsachen vorgezogen.

tobler: Bevor ein Sachverhalt plastisch gemacht wird, sagt oder suggeriert uns der Journalist, was wir davon zu halten haben. Die vorschnellen Deutungsanleitungen verderben den letzten Lesern noch das Vergnügen. Die hygienische Grundregel der Angelsachsen wird verlernt, kaum dass wir sie, spät genug, gelernt haben.

zeit: Sie waren auch ein gefürchteter Chefredaktor.

tobler: Ist mir nie zu Ohren gekommen.

zeit: Sie lachen.

tobler: Auch ich bin natürlich ein Mensch, der geliebt sein möchte. Aber mein Rollenverständnis als Chefredaktor auferlegte mir einen gewissen Abstand. Ich wollte ohne Selbstschonung über die Ansprüche des Metiers reden können.

zeit: Was haben Sie zuletzt gelesen, das Sie wütend macht?

tobler: Wenn etwa auf der Frontseite der NZZ über die Koalitionspläne in Hessen von einem »parlamentarischen Putschversuch« die Rede ist. Der Ingress des Aufmachers spricht schon von »Machtübernahme«. Fehlt nur noch das Wort »Machtergreifung«. Putsch, um Himmels willen! Begriffsarbeit ist eine journalistische Aufgabe, das kann man von der Politik nicht erwarten.

zeit: Kann man vom Journalismus eigentlich zurücktreten?

tobler: Es hat mich mir selbst ein wenig verdächtig gemacht, dass ich es konnte. Mein erster Lehrmeister, Oskar Reck, schrieb mit schwerer Leukämie bis zum letzten Atemstoß. So sind die leidenschaftlichen Publizisten. Auf mich hat das Wort Friedrich des Großen »servir et disparaître« stets große Überzeugungskraft ausgeübt. Für eine Ästhetik des Verschwindens wird viel zu wenig geworben. Es bleiben zu viele zu lange in ihrer Schießscharte. Man sollte der nachdrängenden Generation zeitig das Feld räumen, zumindest in exponierten Positionen. Es braucht nur ein bisschen Distanz zu sich selbst.

zeit: Ich stelle das Gegenteil in vielen Medien fest: Der Journalist stellt sich selbst immer mehr ins Zentrum seines Schaffens.

tobler: Exakt! Wenn wir dem Journalismus – mit Max Weber – die doppelte Distanz wünschen, diejenige zur Sache und diejenige zur eigenen Person, können wir mit der gegenwärtigen Medienproduktion kaum zufrieden sein.

zeit: Was sind die Gründe für diese überbordende Eitelkeit?

tobler: Das hat mit einer Wahnvorstellung von Individualismus zu tun. Wenn in nachbeuysscher Zeit alle Künstler sein können, darf doch wohl jeder Journalist auch gleich Literat sein. Sie reden mit einem Veteranen, und ich weiß: Erinnerung ist eine listige Magd. Doch wenn ich mich nicht allzu sehr täusche, konnte es für den Journalisten der siebziger Jahre noch ein Glücksgefühl sein, einen schwierigen Sachverhalt scharf gekennzeichnet, erhellt zu haben. Heute muss es schon ein Scoop sein. Das Kenntlichmachen ist nicht mehr so wichtig. Wohl aber das Gekanntsein.

zeit: Journalisten werden zu Promis.

tobler: Was Prominenz ist und was Relevanz, das wissen wir nicht mehr so präzis. Zwischen Prominenten und Promis zu unterscheiden ist vollends zu viel verlangt. Es gibt ein Heer von Berufspromis, das immerfort aus allen möglichen Fensterchen winkt. Sie haben vor 20 Jahren vielleicht mal auf einer großen Bühne gestanden oder haben auch nur eine große Erbschaft angetreten und machen indessen nichts mehr, außer sich zu zeigen. Das ist ihre ganze Botschaft, die Zeigelust, Gefallsucht. Und nicht bloß die Yellow Press wünscht dieser Botschaft ein großes und staunendes Publikum, auch die Regionalblätter tun es, vorzüglich mit dem berühmten Lokalbezug. Nein, es ist nicht wahr, dass wir vom Jeunismus der neunziger Jahre nicht loskämen; wir machen große Fortschritte in Richtung Infantilismus.

zeit: Ist die Hoffnung auf solche Beachtungswerte denn falsch?

tobler: Man kann dem Publikum alles beliebt machen. Es gibt den alten Satz eines BBC-Direktors: »Wenn du das Publikum fragst, was es will, so wird es wollen, was du ihm gibst.« Das ist für mich noch immer gültig. Und in dieser Wahrheit liegt die Verantwortung des Journalisten. Früher wurde ein Redaktor auch nach seiner Fähigkeit der Hierarchisierung des Stoffes beurteilt. Er gliederte die Angebotsteile nach Gesichtspunkten der Relevanz. Die res publica hatte ihr kleines Vollzugsgesetz.

zeit: Medien sind Megafone des gesellschaftlichen Zustands. Was sagt also die Verfassung der Medien über die Verfassung des Landes?

tobler: Die allgemeine Entgrenzung des ökonomischen Denkens hat die Veränderungen im Medienbetrieb begünstigt – um nicht mehr zu sagen. Der Kommunikationsbegriff, den wir ständig im Munde führen, ist entleert. Womöglich geht er schon bald im Talk-Gewerblichen auf, in der Problempflege will-maisch-illnerscher Art. Die Moderatoren sind die Leitfiguren der Tagesorientierung geworden, wenn nicht gar unsere Weltdeuter. Neuerdings müssen selbst KKL-Konzerte von Herrn Klapproth anmoderiert werden… Ich sehe nicht, dass unser Sinn fürs Allgemeine, fürs Politische von dieser Kommunikationspraxis profitieren könnte.

zeit: Was ist das größte Problem der Schweiz?

tobler: Eine fast täglich neu inszenierte Selbsttäuschung. Wir bestehen auf einer Unabhängigkeit, von der wir möglicherweise spüren, dass sie nicht mehr vorhanden oder doch ausgehöhlt ist. Wir sind Geschobene und Gestoßene, die den Souverän spielen.

zeit: Sie schreiben: »Früher oder später werden wir des Sonderfalls überdrüssig sein.«

tobler: Als politische Lebensform sehen und leben wir ihn kaum mehr. Der Sonderfall ist uns noch recht für unsere Schlaumeiereien, zugunsten des Finanzplatzes vor allen Dingen. Wir bringen den Sonderfall in Stellung, wenn wir uns bedroht, das heißt: unsere Interessen tangiert sehen. Nichts gegen Interessenwahrung! Doch ich fürchte, wir ideologisieren unsere Interessen viel zu sehr. Und operieren allzu taktisch, auch wenn wir gern von Strategie reden. Der kurze Blick wird sich rächen. Hier, rund um Luzern, leben viele ausländische Millionäre und einige Milliardäre. Dass sie nach Lebensaufwand besteuert werden und dem genannten Fiskus abliefern, was ein gut gestellter Vizedirektor mit Schweizer Papieren abliefern muss, irritiert mich in meinem naiven Glauben an die Rechtsgleichheit.

zeit: Was will denn die Schweiz noch?

tobler: Sich so lange und so weit wie möglich isolieren und davon profitieren. Die Partei, für die das langfristig Unvereinbare das halbe Programm ist, hätte noch größeren Wählerzustrom, wenn die steueroptimierten Ausländer mitwählen dürften. Sie sagen uns: »Bleibt so, wie ihr seid! Geht ja nicht in die EU!« Und viele Schweizer denken, die müssten’s doch wissen, und glauben unerschütterlich, wir könnten ein Hohlraum in Europa bleiben.

zeit: Und die Politik stellt nichts dagegen?

tobler: Der Einfluss der Medien auf das politische Personal ist enorm. Wo ein Scheinwerfer ist, drücken die politischen Akteure jeden Handstand – mit wenigen Ausnahmen. Die Politik ist kleinchirurgisch tätig. Mit andern Worten: Sie gestaltet nicht mehr in der langen Sicht. Wenn wir vom Journalismus sagen, dass viele von seinen Akteuren nur noch sich selbst meinen, dann wimmelt es im politischen Geschäft von selbstdarstellerischen Gesinnungsathleten.

zeit: Was macht Sie sicher, dass Ihre Analyse erstens richtig und zweitens beklagenswert ist?

tobler: So sicher bin ich nicht. Am meisten beunruhigen ja die erdachten Gefahren, mich speziell die durch Talk und Ulk systematisch betriebene Schwächung der Kritikfähigkeit. Der Sonderfall wollte uns als politische Nation. Gewiss, wir erfreuen uns noch einer Handvoll lesenswerter Zeitungen und anregender Radioprogramme. Und wenn wir die Information – Information im Wortsinn – hartnäckig genug suchen, finden wir sie fein dosiert auch noch im Fernsehen idée suisse. Die journalistischen Trends und die wirtschaftlichen Aussichten versprechen allerdings nicht einmal den Fortbestand dieses geschrumpften Glücks.

zeit: Soll die Schweiz in die EU?

tobler: Ich bei ein »Euro-Skeptiker« und habe meine Bedenken in zahlreichen Texten ausgebreitet. In der jetzigen Lage wünschte ich mir eine landesweite und gründliche Debatte über die Frage, wie unser Staatswesen umgestaltet werden müsste, wenn wir der EU beitreten wollten – eine große virtuelle Staatsreform sozusagen. Aufgrund einer solchen Auslegeordnung ließe sich endlich qualifiziert streiten. Vorläufig neige ich der Meinung zu, eine Mitwirkung bei der weiteren Ausgestaltung oder auch Eindämmung der EU wäre einem kapitulatorischen Nachlegiferieren vorzuziehen. Auszublenden, was rings um uns ist – ein befriedetes Europa, das gefälligst »die andern« bestellen sollen –, ist in meinem Empfinden keine allzu würdige Haltung. In einer Zeit der mondialen ökonomischen und ökologischen Krisen wird solcher Eigensinn zu einer Frage der Selbstachtung. Mittschalpen in der Nachhut… Darauf reduziert sich unsere Souveränität zusehends.

zeit: »Autonomer Nachvollzug« heißt das.

tobler: Jawohl, dieser Begriff entstellt die Sachlage zur Kenntlichkeit.

Das Gespräch führte Peer Teuwsen

»Unsere Unabhängigkeit ist nicht mehr vorhanden oder doch ausgehöhlt. Wir Schweizer sind nur noch Geschobene und Gestoßene, die den Souverän spielen.«

Foto [M]: Sandra Dominika Sutter für DIE ZEIT

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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