Kuba Celias todkranke Liebe

Kubas Sozialismus wird fünfzig Jahre alt. Eine Revolutionärin feiert – und streitet sich mit ihren Kindern

Am frühen Morgen des 1. Januar wird Celia Salas ohne Kater erwachen. Sie wird ihre Haare auf Wickler drehen, etwas Lippenstift auftragen, nicht zu viel, gerade eben so, wie es zu einer Dame von 68 Jahren passt, und ihren Hals mit jenem sündhaft teuren Parfüm bestäuben, das sie sich für ganz besondere Anlässe aufspart. Sie wird die Uniform der Milizen anlegen, die seit Wochen akkurat gebügelt im Schrank hängt, und einige der Auszeichnungen anheften, die sie in einer Kiste aufbewahrt. Schön will Celia sein, wenn sie auf die Straße geht, um das 50-jährige Bestehen des sozialistischen Staates auf Kuba zu feiern. Die alten Freunde wird sie treffen, die alten Lieder singen und sich über die Tausenden von Menschen freuen, die ihrem Staat zujubeln. Und einen rauschhaften Moment lang wird es so aussehen, als seien sie eins, die Menschen und ihr Staat, ein Wesen, mit tausend Augen, tausend Ohren und einem Ziel. Für Celia ist es ein beruhigendes Bild, ganz ohne Brüche.

Celia hat für den sozialistischen Staat auf Kuba gekämpft, als es ihn noch gar nicht gab. Sie hat ihn verteidigt, als viele ihn fallen ließen. Traurig war sie, als die Mauer in Berlin fiel und die Menschen im Fernsehen sich begeistert umarmten. Sie schwor sich: »Wir werden weiterkämpfen!« Als die Sowjetunion kollabierte und es in Kuba an allem mangelte, sagte sie: »Wir schaffen das auch so. Trotz der USA und ihres Embargos!« Nachts saß Celia oft im Dunkeln, weil das Stromnetz ohne die sowjetischen Öllieferungen zusammenbrach, tagsüber wartete sie vergeblich auf den Bus, weil die Busse ohne sowjetisches Benzin nicht fuhren. Sie zweifelte nicht: »Ich werde als Revolutionärin sterben.« Selbst als sie die Fotos vom todkranken Fidel sah, ihrem Fidel, von dem sie sagt, er sei allwissend, konnte das ihren Glauben nicht erschüttern. Kuba, sagt sie, »wird niemals kapitalistisch werden«.

Celia war die Burg, an der sich die Wirklichkeit viele Jahrzehnte lang brechen konnte, ohne auch nur einen Kratzer zu hinterlassen. Dann aber taten sich Risse in Celias Mauern auf – nicht Druck von außen verursachte sie, sondern Druck von innen, ein sanftes, stetiges Drängen. Es kam von jenen, die zur Haustür hereinspazierten und sich an den Tisch setzten, um ihre Bohnen zu essen. Von ihren eigenen Kindern. Immer hatte Celia gehofft, dass diese, die beiden Töchter und der Sohn, zu wahren Revolutionären heranwachsen würden. Hatte es nicht so gut angefangen? Hatten sie nicht alle drei Karrieren im Innenministerium begonnen?

Celia sitzt am Esstisch ihrer großen Wohnung, nicht weit vom Malecón, dort, wo sich der Geruch nach Benzin mit salziger Gischt vermengt. Die Viertel, in denen Brüder sich ein Bett teilen müssen, weil die Familie groß und der Wohnraum klein ist, liegen weit von hier, die Salas gehören zum Revolutionsadel. In den Regalen stehen Nippesfiguren, an der Wand hängt ein Kalender mit Fotos des jungen Che. Celias Esstisch ist der Fixstern, um den die Familie kreist. Immer wieder kommen Schwestern, Töchter und Enkel herein, auf einen Kaffee, auf einen Plausch. Jetzt aber sitzt nur sie dort, allein mit ihren Erinnerungen.

Die Sache mit ihrem Sohn Julio war am schlimmsten. An einem Tag vor acht Jahren kam er vorbei: »Ich fahre für drei Tage an den Strand.« Er sollte nie wieder kommen. Einen Monat lang hörte sie nichts von ihm, einen Monat lang war sie krank vor Sorge. Dann kam sein Anruf: »Ich bin in den USA.« Ihr Julio ein Verräter, ein gusano, ein Wurm! Einer von Hunderttausenden, die übers Meer geflüchtet waren, auf Schlauchbooten, Flößen, selbst gezimmerten Barkassen, alleine oder mit der Hilfe von Schleppern. Keiner weiß, wie viele das Meer verschluckte. Die Haie der Karibik, erzählt man sich auf Kuba, seien fett geworden vom Menschenfleisch. Wer es schafft, der lässt alles zurück. Kein US-Flüchtling darf jemals seine Eltern, Kinder, Geschwister auf Kuba besuchen.

Celia stand vor der Entscheidung ihres Lebens: ihr Sohn oder ihre Ideale? Sie packte die Koffer und fuhr in das Land des Feindes. Als sie sich am Flughafen von Las Vegas sahen, Jahre nachdem er gegangen war, habe keiner ein Wort herausgebracht, erzählt Celia. Stumm klammerten sie sich aneinander. Nie hat sie ihm gesagt, wie falsch sie das findet, seine Flucht, seinen Verrat, seinen Job als Croupier in einem Kasino. Er wisse es auch so, sagt sie.

Zum ersten Mal in ihrem Leben besuchte Celia den Klassenfeind, und zu ihrer Überraschung fand sie ihn sogar verlockend. Das gewaltige Kasino im römischen Stil, bevölkert von italienischen Gondolieri, »es war doch schön«. Auf den Fotos jener Reise steht eine kleine Frau im violetten Rollkragenpullover vor einarmigen Banditen und Schriftzügen, die all das versprechen, was sie immer bekämpft hat: schwindelerregenden Reichtum, den amerikanischen Traum. Auf den ersten Blick wirkt sie unbeeindruckt, auf den zweiten ein wenig verloren.

Auf der Rückreise erlebte Celia ihre größte Demütigung. In Miami, jenem zweiten Kuba, in dem die Revolution verachtet wird. Das Haus der Freundin, bei der Celia wohnte, gehörte einem, der auf Kuba als politischer Häftling im Gefängnis gesessen hatte. »Was?«, schrie er, »du fährst zurück? In diese Scheiße? Zu Fidel, diesem verdammten Dieb?« Celia bebte vor Wut und sagte doch nichts. Er warf sie trotzdem auf die Straße. Warum hasst er das, wofür sie ihr ganzes Leben lang gekämpft hat? Sie kann das nicht verstehen.

Einmal half Celia bei einem Attentat, sie ist stolz darauf

Celia wurde in einer Hütte im Osten des Landes geboren, mitten in weiten Zuckerrohrfeldern, die alle den Amerikanern gehörten. Zur Erntezeit kämpften sich kubanische Tagelöhner machetenschwingend durch die Felder. Nur wenige Kinder gingen zur Schule. Wer keine Schuhe oder Hose besaß, kam gar nicht erst hinein. Die Familie Salas war nicht reich, doch privilegiert unter den Armen. Der Vater besaß als einer von wenigen eine feste Stelle, die Amerikaner hatten ihn zu ihrem Vorarbeiter gemacht. Seine sieben Kinder besuchten die Schule.

Celias Revolution ist keine Revolution der Bücher und Manifeste. Sie ist eine Revolution aus Fleisch und Blut, verwoben mit jenen, die sie liebt. Den Vater, einen überzeugten Revolutionär. Die Brüder und Schwestern, ihre Kampfgefährten. Fidel und Raúl, mit denen sie aufwuchs. Die Ferien verbrachte die Familie Salas bei Verwandten in Birán, Nachbarn der Großgrundbesitzerfamilie Castro. Celia war damals noch ein Kind, und doch schwärmt sie für jene beiden Männer. Auf eine verhaltene, respektvolle Weise, eine, die sagen möchte, es geht nur um Politik, wo es doch auch ein wenig um Liebe geht. Sie erinnert sich. Der blutjunge Fidel, gerade der Dusche entstiegen, ein Handtuch um die Hüfte geschlungen, Wasser tropft auf das Parkett. »Ich will Präsident werden, und sei es nur für einen Tag«, sagt er. »Dann werdet ihr sehen, wie ich dieses Land in Ordnung bringe.« Raúl, der weichere der beiden, auf dessen Schoß sie oft saß, der mit ihr spielte. Was wird werden aus Celias Revolution, wenn Fidel und Raúl mal nicht mehr sind?

Vier von Celias Brüdern schlossen sich den Guerilleros in der Sierra Maestra an. Einer nach dem anderen gingen sie ohne ein Wort, hinterließen nur einen Abschiedsbrief auf dem Küchentisch. Der Rest der Familie kämpfte im Untergrund, organisierte Streiks, überbrachte Geheimbotschaften, brannte die Zuckerrohrfelder ab. Celia und ihre Schwestern buken für die Guerilleros, legten ihnen Rosenkränze ins Gepäck. Denn wenngleich viele von ihnen für den Sozialismus kämpften, kämpften sie doch auch mit Gottes Hilfe. Einmal half Celia bei einem Attentat, sie ist stolz darauf. In ihrem Dorf gab es einen Sergeanten namens Cariñoa, einen Schwerenöter. Eines Nachmittags bezirzten ihn Celia und ihre Freundinnen, führten ihn untergehakt davon, während ihre Kampfgenossen den exklusiven Club in die Luft jagten, der ihre Wut erregt hatte, weil Arme und Schwarze keinen Zutritt hatten. Gab es Tote? Celia glaubt das nicht.

Im Januar 1959 hörte Celia im Radio vom Sieg der Revolutionäre über den Diktator Batista. Sie rannte auf die Straße hinaus, umarmte jeden, den sie dort traf, sang und tanzte, während ihre Brüder mit Fidel in Havanna einritten. Schon bald holten sie die Familie nach, ihr Haus wurde zu einem Zentrum der Revolutionäre, die Mädchen rissen sich um die barbudos, die Bärtigen, schön, wild und privilegiert. Celia war euphorisch, die Ziele des neuen Staates waren auch die ihren, Gleichheit, Bildung für alle, ein Kuba, das sich frei von allen Usurpatoren sein Schicksal wählen konnte. Sie ließ sich zur Milizionärin ausbilden, schloss sich der Frauen- und der Jugendbewegung an, studierte, demonstrierte, die neue Zeit trug sie wie eine Welle. Und doch galten trotz allen revolutionären Schwungs für Celia traditionelle Werte. Ihren Verlobten durfte sie nur unter den wachsamen Augen ihrer Mutter treffen, der höchstens mal ein Kuss entging. Mit 21 Jahren ging Celia als Jungfrau in die Ehe.

Unterdessen rasierten sich die Guerilleros ihre Bärte und wurden zu Funktionären. Die Trunkenheit des Ausnahmezustands war vorüber. Fidel, Raúl und Che, die in den ersten Jahren für jeden ein Ohr gehabt hatten, zogen sich in die Regierungsgebäude zurück. Sie ereilte das Schicksal aller Revolutionäre: Sie entfernten sich von dem Volk, das sie regierten.

Celia studierte Jura, ließ sich nach wenigen Jahren Ehe scheiden und begann für das Innenministerium zu arbeiten – so wie all ihre Geschwister. Die Schwester arbeitete für die Polizei, ein Bruder war hoher Militärchef. Und was tat Celia für die Revolution? Hat sie am Ende geholfen, andersdenkende Landsleute zu bespitzeln und zu verfolgen? Ein schmales Lächeln, es bleibt noch lange in ihrem Gesicht. »Das ist geheim.«

Celia muss weg, zu einer Nachbarin, dafür ist ihre Tochter Rosa mit ihrem 19-jährigen Sohn Jaime gekommen. Seit ein paar Monaten lebt Rosa mit ihren beiden Söhnen bei der Mutter, sie kann wegen eines Unfalls ihre rechte Hand nicht bewegen. Rosa ist 42 Jahre alt, sie ist laut, sie ist lustig, sie ist wütend. »Meine Mutter ist eine Extremistin«, sagt Rosa. »Die glaubt jedes Wort, das in der Zeitung steht. 95 Prozent der Kubaner denken ganz anders.« Weil es doch hinten und vorne nicht reicht! Dabei ist Rosa privilegiert, sie hat einen Job in einem Geschäft für Touristen, und im Tourismus wollen alle arbeiten. Na und?, fragt sie. Elf Stunden Arbeit am Tag für einen Monatslohn von 400 Pesos, umgerechnet 16 Dollar, »dafür kann ich mir noch nicht mal ein paar Schuhe kaufen!«.

Früher, als Rosa jung war, gab es auf Kuba sowjetische Autos und Kühlschränke, Fleisch und Birnen aus sowjetischen Konserven. Mit der Libretta, dem monatlichen Bezugsschein, bekam Rosa fast alles, was sie zum Leben brauchte. Dann brach die Sowjetunion zusammen, und die Wirtschaft in Kuba kam zum Erliegen. In ihrer verzweifelten Suche nach Devisen setzte die politische Führung auf den Tourismus. Touristrojka statt Perestrojka. Das brachte einen bescheidenen Aufschwung und die ungeahnten Probleme einer Zwitterwirtschaft. Um an die Devisen der Ausländer zu kommen, ersann der Staat Devisengeschäfte, in denen mit der teuren Dollarersatzwährung CUC bezahlt werden muss. Doch weil es mit der Libretta nur noch das Allernötigste gibt und für den billigen Peso, Lohn der Kubaner, fast nichts zu kaufen ist, muss sich Rosa alltägliche Dinge in Devisengeschäften besorgen. Umgerechnet ein bis zwei Dollar zahlt sie dort für ein Shampoo, mindestens 20 für ein paar Schuhe.

»Der Kubaner ist im eigenen Land nichts wert«, schimpft Rosa. Die tollen Hotels? Wie soll sie sich die leisten? Die Nachtclubs von Havanna? Dort kostet ein Abend ein Monatsgehalt. Der Strand von Varadero? Ist für kubanische Badegäste Sperrgebiet.

»Ehrliche Arbeit lohnt sich nicht mehr«, sagt Rosa. Sie kann sie doch täglich sehen, in der Altstadt von Havanna, die Schwarzmarkthändler und die jineteros, die Jockeys, die sich auf den Rücken der Touristen schwingen, um ihnen ein Almosen, ein Geschenk, eine Ehe im Ausland abzuringen. Ein Vielfaches von ihrem Einkommen machten die!

»Ein Studium hier bringt doch auch nichts«, sagt ihr Sohn Jaime. »Jahrelang an der Uni rumhängen für ein paar Hundert Peso im Monat.« Er hat gerade sein Informatikstudium geschmissen, »wir hatten an der Uni nicht mal Internet«, keiner hat es Celia verraten. Jaime will jetzt was mit Fremdsprachen machen, er will weg, alle seine Freunde wollen weg. Dorthin, woher die Touristen kommen mit ihren schicken Handys und dicken Geldbeuteln. Denn natürlich vergleicht er sich mit ihnen und den Exilkubanern in Miami, nicht mit den armen Nachbarn im Süden, den Haitianern, den Dominikanern, den Millionen Habenichtsen auf dem Kontinent.

Celia ist zurückgekommen, gemeinsam sitzen sie am Esstisch und gehen ihrem täglichen Ritual nach: Mutter und Tochter streiten über die Revolution. Sie zerren, als sei die Wahrheit ein Tuch, das man über den Tisch auf eine Seite ziehen könnte, wenn man nur genug Gewalt anwendete. Wenn Celia sagt: »In Kuba kann jeder alles studieren. Du kannst fünf Doktortitel machen und zahlst keinen Peso dafür.« Dann fragt Rosa: »Und was machst du dann mit deinem Studium?« Wenn Celia sagt: »Unser Gesundheitssystem ist fantastisch.« Dann ruft Rosa: »Das stimmt ja, aber man kann doch nicht nur studieren und krank sein!« Wenn Rosa klagt: »Alles in diesem Land ist zu teuer.« Dann kontert Celia: »Aber die Theater- und Kinokarten sind fast geschenkt.« Wenn Celia beginnt, von Fidel zu schwärmen, verdreht Rosa die Augen.

Vielleicht wird die Tochter bald ausreisen, ihr Mann lebt in den USA

Fidel liegt auf dem Krankenbett, Celias Held wird bald sterben. Wie es dann weitergeht, ist noch lange nicht ausgemacht. Sein Bruder Raúl hat mit äußerst vorsichtigen Reformen begonnen, und feiert derzeit außenpolitische Erfolge. Im November waren der russische und der chinesische Staatschef zu Besuch, soeben haben sich die lateinamerikanischen Staaten hinter Kuba gestellt und die USA aufgefordert, ihr Embargo aufzuheben. Was kommt nach Fidel? Reformen nach chinesischem Modell, eine Stunde null, ein abrupter Wandel? Welche Rolle werden die USA spielen, welche die Exilkubaner?

Vielleicht werden Rosa und ihre Kinder selbst bald ausreisen, ihr Mann lebt bereits in den USA. »Ich bin ein Floß zwischen zwei Ufern«, sagt Rosa. »Keine Ahnung, wohin es mich treiben wird.« Celia sagt nichts dazu. Wie sollte sie auch ihre Kinder überzeugen, dass sie eine Zukunft auf Kuba haben, dass es sich lohnt, trotz der Armut und Schwierigkeiten? Stattdessen serviert Celia Kaffee. Und einen Moment lang sitzen alle schweigend um den Tisch herum, eine Familie, die sich liebt und braucht und missversteht. »Heute ist übrigens Tag der Revolutionäre«, sagt Celia plötzlich. Rosa sieht sie lange an, ein Blick zwischen Ironie, Unverständnis und Zärtlichkeit. »Na, Glückwunsch.«

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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