Hörbuch
Meuterei und Metzelei
Die Untergangsfantasie "Arthur Gordon Pym"
Neben den rätselhaft schönen Erzählungen und symbolistischen Gedichten ist dies die wilde Auszeit des zu den Drogen flüchtenden Dichters. Jetzt wird fantasiert, natürlich auch vom Untergang. Arthur Gordon Pym: derselbe Silbenfall wie Edgar Allan Poe. Keine Autobiografie, eher eine Vernichtungs- und zugleich eine Erlösungsfantasie.
Schon bei der eine halbe Seite füllenden Ankündigung des »Inhalts« greifen empfindsame Leser seit anderthalb Jahrhunderten nach Shawl und Mantel: »Meuterei [...], Metzelei, schreckliche Erleidnisse unter Verschmachtungserscheinungen [...], Mannschaft massakriert« – ehe die erlösenden Worte trösten: »erstaunliche Abenteuer und Entdeckungen«. So war das damals, vor 150 Jahren. Die Welt wurde, auch auf See, erobert – und alle wollten, wenigstens als Leser, dabei sein. Zwei Buben wagen, nach einem Familienfest mit viel Alkohol, die nächtliche Ausfahrt mit ihrem Segelboot – und werden von einem heimkehrenden Walfangschiff vor dem Hafen Nantucket, Massachusetts, überrollt. Der Kapitän will nur nach Haus, die Mannschaft besteht auf einer Untersuchung. Man findet, unter aberwitzigen Bedingungen, die Kinder. Wie im Märchen: Eben noch halb tot, sitzen die Bengel am Morgen beim Frühstück.
Und jetzt geht die Geschichte erst los. Der Sohn des Kapitäns versteckt den Freund in einer Kiste im auslaufenden Walfänger. Das Kind verhungert fast, gerät unter Wassermangel ins Delirium, wird vom Neufundländer-Hund im Dunkel des Schiffbauchs schier aufgefressen. Auf Deck bricht der Krieg aus: Die Mannschaft meutert gegen den Kapitän. »Die Antwort bestand in einem Hieb mit der Axt vor die Stirn. Der arme Kerl schlug ohne 1 Laut aufs Deck hin, und der schwarze Koch hob ihn, wie er es mit einem Kinde getan hätte, auf den Arm und kippte ihn wohlbedächtig in die See.« Und so fort. Da werden mit Zahnstochern und aus der Fingerkuppe gesaugtem Blut kurze Briefe geschrieben, dem »Tiger« genannten großen Hund die Nachrichten angehängt. Um an Bord zu kommen, verkleidet sich der Erzähler als Leiche eines Matrosen – und natürlich gibt es einen Schiffbruch. Kieloben treiben der Erzähler und sein Freund wochenlang auf dem Wrack. Möwen picken an Leichen. Menschen fressen einander. Von den vermeintlich freundlichen »Schwarzfellkriegern« auf einer fernen Insel werden dann alle, bis auf den Erzähler und seinen Freund, massakriert.
Das muss man, mit wohligem Schaudern, wie alle Gruselromane der »Schauerromantik« selber lesen – oder hören. Christian Brückner hat beides drauf: den sachlichen Ton des Berichterstatters, der mit nautischen, geografischen, technischen Details dem Leser eine Wirklichkeit vorgaukelt, und den erstaunten Klang eines Kindes, das die Wunder der Welt zum ersten Mal am eigenen Leib erfährt.
Brückner liest die Übersetzung von Arno Schmidt, die genussvoll ausflippt ins Biedermeierliche der Entstehungszeit (»hinwegzuklabastern«, »Labygrümpel« oder, Heinrich Heine zuzwinkernd, »Matratzengruft«), aber auch deftig Modernes nicht scheut: »massig Zeit«, »flott«, »die Sellerie war wirklich ein Schlager«. Hörgenuss vom Feinsten.
- Datum 3.1.2009 - 14:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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