Dass die Barthaare ausfallen

klassik

Vor 100 Jahren schrieb sich Claude Debussy ein elementares Unbehagen von der Seele. »Der Erbe der Familie Usher lässt mich nicht ruhen«, teilte er seinem Verleger Durand mit, »die Außenwelt existiert für mich nicht mehr«, der Monolog des Roderick sei »so traurig, dass die Steine weinen«. Debussys Nerven sind wie »Violinsaiten gespannt«; der Komponist ist der Gefangene eines Opernstoffs. Die Familie Usher, dieses verfluchte Geschlecht des Edgar Allan Poe, spürt er in sich selbst. Seine eigene Wohnung kommt ihm so vor, als wüte Gift darin. Die Oper Der Fall des Hauses Usher vollendet er nie, zurück bleiben Fetzen, die »nach Schimmel riechen«, und die Stimmung »wird erzielt durch die Mischung der tiefen Oboe mit den Flageoletts der Violinen«.

Debussy kannte sich aus in tödlich verwitterten Familiensitzen; das Schloss Allemonde in seiner Oper Pelléas et Mélisande atmete bereits Fäulnis und Erstarrung. Auch in seinem neuen Projekt sollten die Wände tödlich sein, und Debussy hatte sich die Malerfarben des Komponierens bereits zurechtgelegt, es gab einen Auftrag der New Yorker Metropolitan Opera. Doch forderte ihn kein Zeitlimit, zudem kamen andere Projekte dazwischen. Debussy war darüber heilfroh, denn er wusste nicht, wie er jene Farben mischen wollte. Ihm schwebte eine völlig neue Tonsprache vor, aber er zögerte, diese Modernität zu fixieren: Jeder, so fürchtete er, hätte ihn für verrückt erklärt.

Seit Langem hatte ihn Poes Erzählung in Baudelaires Übersetzung begleitet, wie ein Geschwür, das nicht ausbrechen wollte. Der Gedanke an die Vision der lebendig begrabenen Lady Madeleine faszinierte und zermarterte ihn. Eine seiner Änderungen gegenüber Poe bestand darin, Lady Madeleine, die gezeichnete, irrlichternde Schwester von Roderick Usher, gleich zu Beginn auftreten und singen zu lassen. In der zweiten Änderung seines Librettos wird der Familienarzt der Ushers zum Monster: Er ist es, der Madeleine bei lebendigem Leib begräbt, nicht Roderick. Bei Poe umfasst die Geschichte knapp eine Woche, bei Debussy sollte sie 45 Minuten am Stück dauern. Debussy wollte keine zweite Pelléas komponieren, trotzdem gibt es Ähnlichkeiten, die er später zu tilgen versuchte. Nach seinem Tod 1918 verloren sich die Skizzen in alle Himmelsrichtungen, ein Teil landete in der Pariser Nationalbibliothek, einen anderen Teil verschenkte seine zweite Ehefrau Emma Bardac Seite für Seite an Freunde. Der Unstern über dem Hause Usher glühte weiter.

Debussys Werk blieb eine Sphinx der Musikgeschichte, deren Rätsel erst Jahre später zu lösen versucht wurden: Zuerst war es Juan Allende-Blin, der 1977 die Skizzen auskomponierte, danach Robert Orledge, der nun das Quellenmaterial überblickte und für die Bregenzer Festspiele 2006 ausarbeitete. Dort hörte man eine Oper, die gemäß Debussys geheimem Willen weit über dessen Horizont hinausschritt. Diese Moderne war aus dem Blick in den Abgrund des Grauens geboren. Vor seinem Tod schrieb Debussy jenen ominösen Brief, in dem er die Ähnlichkeiten zwischen sich und Roderick anklingen ließ: »Darüber könnte ich Ihnen Details mitteilen, dass Ihnen die Barthaare ausfallen.« Diese Details nahm Debussy mit ins Grab, diesmal sein eigenes. wolfram Goertz

Claude Debussy: Der Fall des Hauses Usher

(Bregenzer Festspiele; Capriccio DVD 93517; Vertrieb: Naxos)

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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