Als sie an jenem Morgen im August 2007 die große Freitreppe zum Grand Horizon Ballroom der Universität von Los Angeles hinaufgehen, sind die Gäste von einem einzigen Gedanken beseelt: Wann wird der erste Mensch den Mars betreten? Auf Tischen vor dem Ballroom liegen Bücher mit Titeln wie Auf zum Mars: Die Kolonisation einer neuen Welt. Daneben steht ein kleiner silberner Raumgleiter. Es ist das zehnte Treffen der Mars Society, und in den nächsten drei Tagen werden 200 Enthusiasten über alle möglichen Fragen der Marskolonisierung sprechen. Sie alle sehen aus, als hätten sie die erste Mondlandung 1969 als Teenager erlebt – ältere Herren, die an das Unmögliche glauben.

Der zwei Meter große, verschwitzte Mann, der mit seinem fast bartlosen Jungengesicht vor den vollen Stuhlreihen des Ballrooms steht, passt da nicht recht hinein. Er kommt in letzter Minute, und nun funktioniert sein Computer nicht. Als der Präsident der Mars Society den Konferenzbesuchern den jungen Mann mit einiger Verzögerung ankündigt, steht der daneben, als ginge ihn das alles nichts an. Auf seinem BlackBerry checkt er noch schnell seine E-Mails.

Das Publikum begrüßt ihn mit lang anhaltendem Beifall. Die Leute sind aus der Wüste, aus Oklahoma, Chicago, einige sogar aus Deutschland gekommen, um ihn zu sehen. Die Angehörigen einer allmählich aussterbenden Generation von Weltraumbegeisterten feiern ihn wie die letzte große Hoffnung. Der Mann fächelt sich noch einmal mit seinem Hemd Luft den Rücken hinauf und tritt ans Podium.

Elon Musk ist einer jener Stars, die das Silicon Valley und der Internetboom unermesslich reich gemacht haben. Vor fünf Jahren hat er begonnen, an einer Rakete zu bauen, mit der er zum Mars fliegen will. Musk ist 37, ein Träumer war er noch nie. Er ist Unternehmer, und seine Marsmission geht er pragmatisch an. Die Menschheit wächst und wächst, die Grenzen der irdischen Kapazitäten sind bald erreicht, also braucht man einen zweiten Planeten. Dafür bietet sich der Mars an, er ist von seiner Beschaffenheit her der Erde am ähnlichsten, seine Besiedelung der nächste Schritt in der Evolution der Menschheit. Für die meisten Zuhörer im Horizon Ballroom ist das ein Traum, für Elon Musk ein Businessplan.

Dem Verteidigungsministerium hat er schon Raketenflüge verkauft

Der Mars – über ihn hat Musk alles gelesen, was er auftreiben konnte. 230 Millionen Kilometer von der Erde entfernt; die Temperatur schwankt zwischen minus 133 Grad und plus 27 Grad Celsius; der Mars ist etwa halb so klein wie die Erde, die Atmosphäre ist zu dünn zum Atmen, die Sonnenstrahlen werden kaum gefiltert. Der Mars braucht 687 Tage, um die Sonne zu umrunden, die Jahreszeiten sind doppelt so lang wie auf der Erde. Vor Kurzem hat die Nasa zum ersten Mal Hinweise auf Wasser gefunden. Musk ist im Geiste schon oft auf dem Mars gewesen, aber mehr als der Planet selbst interessiert ihn der Weg dorthin. Er will ein Pionier werden, so wie es Cornelius Vanderbilt war, den man den Eisenbahnkönig nannte, im 19. Jahrhundert, als Amerika erschlossen wurde. 100 Millionen Dollar seines privaten Vermögens hat Elon Musk schon in seine Raketenfirma SpaceX gesteckt.

Dem Publikum in der Universität von Los Angeles erklärt Musk jetzt, dass es darauf ankomme, die Transportkosten zu senken, damit die Menschheit sich auf den Mars ausdehnen könne. Die Delta-4-Rakete der Nasa kostet 155 Millionen Dollar pro Start, das Space Shuttle 400 Millionen, zu teuer. Seine Falcon-9 werde 35 Millionen kosten, sagt Musk. Er entwickle gerade die kleinere Falcon-1, mit der er erst einmal gegen Bezahlung Satelliten im All aussetzen wolle. Damit finanziere er die Entwicklung der stärkeren Falcon-9, die dann die billigste Rakete der Welt sein werde, um Fracht und Astronauten ins All schicken zu können. Die richtige Rakete für den Mars.

Flüge der Falcon-1 hat er schon an das amerikanische Verteidigungsministerium, die malaysische Regierung und private Firmen verkauft, um Satelliten im All auszusetzen. Und das, ohne je bewiesen zu haben, dass die Rakete überhaupt fliegt. Und wie er da vor seinem Publikum spricht, mit seinem etwas stockenden Vortragsstil, bei dem er manche Wörter so lange wiederholt, bis ihm das nächste eingefallen ist, fragt man sich schon, wie er das gemacht hat. Aber vielleicht verleiht ihm gerade diese Ungeschliffenheit die Glaubwürdigkeit eines Wissenschaftlers. Es scheint ihn auch nicht zu irritieren, dass seine Rakete bislang die niedrige Satelliten-Erdumlaufbahn in 400 Kilometer Entfernung noch kein einziges Mal erreicht hat. Dann klappt er seinen Laptop zusammen und verabschiedet sich unter Applaus.

»Ich bin ein Hardcore-Atheist. Märchen sind was für Kinder«

Musk geht die große Freitreppe hinunter, wimmelt ein paar Studenten ab, einem älteren Verehrer gibt er ein Autogramm. Auf die Frage, warum er sich gerade das teuerste und schwierigste aller Ziele ausgesucht habe, antwortet er: »Ich bin ein Hardcore-Atheist, Märchen sind was für Kinder. Das wichtigste Ereignis in der Menschheitsgeschichte ist die Entstehung von Mehrzellern aus Einzellern, die Entwicklung von Pflanzen, Tieren, der Übergang vom Wasser auf das Land. Der logische nächste Schritt ist es nun, dass wir uns von einem Planeten auf andere ausdehnen. Und das ist in den vier Milliarden Jahren der Erdgeschichte jetzt zum ersten Mal möglich.« Außerdem sei es lebensnotwendig, denn »irgendwann wird die Erde ohnehin zu übervölkert und verschmutzt sein, als dass wir hier noch leben könnten«. Musk setzt sich in seinen grauen Porsche 911 Turbo, lässt den Motor an und zischt davon.

An Wunderheiler glauben die Menschen immer dann, wenn sie verzweifelt sind, und es ist nicht ganz falsch, auch bei der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa eine gewisse Form der Verzweiflung auszumachen. Sie ist in diesem Jahr 50 geworden und hat mittlerweile selbst gemerkt, wie sehr sie leidet. Seit der Mondlandung hat sie nie wieder ein großes Ziel gehabt. Kein Mensch sitzt bei den Starts der Space Shuttles zur Internationalen Raumstation (ISS) noch gebannt am Fernseher. Diese Ereignisse laufen hochprofessionell ab, und solange nichts explodiert, nimmt kaum jemand davon Notiz. Brauchen wir die teure bemannte Weltraumfahrt überhaupt noch, fragte man sich in Washington und verkleinerte das Budget.