»Ich befreie Worte vom Papier«Flieg, Buchstabe, flieg!

Warum der New Yorker Ebon Heath aus Buchstaben Kunstwerke macht

Von Annabel Wahba

Der Künstler Ebon Heath hängt Schriftzeichen an Fäden und macht so Texte zu Skulpturen

Herr Heath, Sie verwandeln Buchstaben in Skulpturen. Kann man daraus Ihre Sehnsucht ablesen, etwas mit Händen zu erschaffen, weil Sie als Grafikdesigner meist nur digital arbeiten, mit zweidimensionaler Schrift?

Genau. Ich wollte wissen, was passiert, wenn unsere Sprache lebendig wird, wenn sie in die Luft springt, sich dreht und ihr eigenes Leben führt, anstatt nur starr auf dem Papier zu existieren. Ich stelle Buchstaben als ein lebendiges, körperliches Wesen dar. Bei mir ist das so: Wenn ich einen Hip-Hop-Song höre oder ein Gedicht lese, sehe ich die Buchstaben und Worte darin regelrecht vor mir.

Bei den meisten Menschen formt sich ein Wort oder ein Satz im Kopf zu einem Bild oder zu einem Gefühl. Und Sie sehen das Wort als Form vor sich?

Das Wort selbst bekommt für mich eine visuelle Bedeutung, und zwar seinem Inhalt entsprechend. Ein Wort mit einer leisen Konnotation sieht anders aus als eines mit einer lauten.

In Ihren Arbeiten erkennt man nicht nur Wörter, sondern ganze Texte.

Aber wie Bücher sollen meine typografischen Skulpturen nicht zu lesen sein. Die Skulpturen müssen gefühlt werden. Die Form soll eine eigene Reaktion stimulieren. Wenn man in einem Land ist, dessen Sprache man nicht versteht, sieht man sich die Wörter ja auch ganz anders an, man nimmt vor allem ihre Form wahr. Da versteht man, dass das Wort nicht nur eine Funktion hat. Ihm wohnt auch eine Schönheit inne, die darüber hinausgeht.

Jahrelang haben Sie Buchstaben mit der Hand aus Spezialpapier ausgeschnitten. Warum, um Himmels willen, diese ganze Arbeit?

Dieser Prozess hat mir gezeigt, was es bedeutet, die Buchstaben vom Papier zu befreien. An meinen ersten Arbeiten war alles analog. Die Utensilien, die ich brauchte, um die Buchstaben zusammenzufügen, stammten aus Angler- und Schmuckläden. Nachdem ich das lange genug gemacht hatte, habe ich begonnen, mit Lasertechnik zu schneiden.

Sie arbeiten nun schon seit acht Jahren an Ihrer Buchstaben-Kunst. Und die Ideen gehen Ihnen nicht aus?

Ich will unbedingt eine Performance machen, bei der die Objekte an menschliche Körper geheftet sind. Wenn sich die Menschen bewegen, werden die Objekte in der Luft flattern wie Drachen, die man steigen lässt. Außerdem will ich mit einer befreundeten Schriftstellerin Skulpturen aus ihren Büchern bauen.

Neben Ihrer Arbeit engagieren Sie sich für nachhaltigen Konsum. Früher waren sie kommerzieller orientiert. Zum Beispiel haben Sie Plattencover für Hip-Hop-Musiker entworfen.

In den Neunzigern hatte ich ein Designstudio, das für Hip-Hop-Stars und Modefirmen, Magazine und die Werbeindustrie arbeitete. Aber ich wollte keine Arbeit mehr machen, die für andere nur eine Entschuldigung dafür ist, etwas zu kaufen.

»Shout out« basiert auf einem Hip-Hop-Song (vorige Doppelseite und links); »Sacred Words« (rechts)»Channel Surfing« vereint Werbeslogans mit Kritik am Kapital (links); »The Futurist Manifesto« (rechts)Ebon Heath, 35, ist Grafikdesigner und Künstler und lebt in New York. Seit acht Jahren arbeitet er an seinem Projekt »Stereo.type: a typographical ballet«. Hier lässt er Mantras durch den Raum der Londoner Galerie Carte Blanche schweben

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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