Was läuft noch?

Trotz der Krise funktionieren erstaunlich viele Dinge im Kapitalismus Von Uwe Jean Heuser

Es ist Krise, ja. Aber das Gerede von der »Kernschmelze« oder dem »Absturz« ist verfehlt. Vieles, ja das meiste in der sozialen Marktwirtschaft funktioniert weiter. Manches jetzt sogar erst recht.

Einerseits ist es ein Drama, wenn die Volkswirtschaft künftig wie befürchtet schrumpft. Viele Menschen müssen um ihre Arbeitsplätze und andere um ihr Vermögen bangen. Schon wenn die Wirtschaft stagniert, bedeutet das Rückschritt: Wenn nichts wächst, ist der Gewinn des einen immer der Verlust des anderen – eine Gesellschaft im Verdrängungswettkampf. Weil die Produktivität der Arbeit zunimmt, für die gleiche Produktion also weniger Beschäftigte gebraucht werden, kommt es zu Jobverlusten.

Andererseits muss man diese Schrumpfkur aber ins Verhältnis setzen. Selbst wenn die Befürchtung stimmt, dass die Volkswirtschaft im Jahr 2009 um drei Prozent kleiner wird, dann produziert sie immer noch etwa so viel wie 2006, im ersten echten Aufschwungjahr dieses Jahrzehnts. Ernst zu nehmende Ökonomen meinen gar, nach Boomjahren bedürfe es eines solchen Abschwungs, um die Wirtschaft wieder zu reinigen. Denn im Boom kann man kaum zwischen dem Nachhaltigen und dem Kurzlebigen unterscheiden – fast jeder macht Profit. Erst danach zeigen sich die Unterschiede. Unternehmen, die nicht vorgesorgt haben, scheitern. Schlechte Geldanlagen lösen sich auf.

Die echten Erfolgsmodelle hingegen reichen über den Boom hinaus. Cash is king – Unternehmer, die mit voller Schatulle in den Abschwung gehen und nicht nur auf die Moden des Moments gesetzt haben, sind jetzt nicht auf klamme Banken angewiesen, können weiter in Innovationen investieren und für relativ wenig Geld andere Firmen übernehmen.

Die privaten Sparer, die nicht im Boom alles auf Aktien gesetzt haben, verspüren wenig Grund zur Panik. Tarifpartner, die flexible Arbeitsverträge ausgehandelt haben, entgehen Entlassungswellen. In der Krise beweist sich, wer wirklich erfinderisch war – und wer einen langen Atem hat. Eine härtere Selektion gibt es zu keiner Zeit.

Freilich gehören zu all dem auch Glück und Pech. Dass die Deutsche Bank gerade noch vor der Finanzkrise Milliarden Euro an Schrottpapieren verkaufte, war neben Können auch Glück. Dass die Familie Schaeffler Conti übernahm und die Krise sie dann in Finanznöte trieb, war neben Übermut auch Pech. Aber es ist wie überall im Leben: Das Pech trifft vor allem die Prinzipienlosen, die sich vom Boom mitreißen lassen.

So finden sich bei der Suche nach dem, was im angeschlagenen Kapitalismus noch funktioniert, vor allem auf Dauer ausgerichtete Modelle. Wie beim Nivea-Hersteller Beiersdorf (Seite 20) oder im staatlichen Rentensystem (Seite 26). Die Prinzipien der Welthandelsorganisation weisen den Weg in eine geordnetere Globalisierung (Seite 21), ebenso das hiesige Tarifsystem (Seite 22). Dazu kommen Erfolgsphänomene aus Unternehmen der Internetbranche (Seite 23) oder aus der Philanthropie (Seite 25). Sie alle trotzen der Krise. Noch jedenfalls.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service