Von wegen Auslaufmodell

Oft totgesagt und viel kritisiert, aber selbst in der Krise nützlich: Flächentarifverträge Von Kolja Rudzio

Trillerpfeifen. Warnstreiks. Fahnen. Nächtelange Verhandlungen, die immer kurz vor dem Scheitern stehen. Am Ende dann doch ein Kompromiss. Eine Prozentzahl, die angibt, wie stark der Lohn von Millionen Menschen steigen soll. Das ist die Welt der Flächentarife. Eine Welt, die manchem Arbeitnehmer irgendwie nicht mehr zeitgemäß erscheint. Seit Jahren wird über die »Tarifrituale« gespottet. Seit Jahren heißt es, starre Regelwerke, die alle gleich behandeln, seien nicht flexibel genug für die bunte Wirtschaftswirklichkeit. Der Flächentarif sei ein Auslaufmodell. Solche Verträge sollte man am besten »über dem Lagerfeuer verbrennen«, forderte einst der ehemalige Industrieverbandspräsident Michael Rogowski.

Doch als ginge es darum, das abgenutzte Sprichwort von den Totgesagten zu bestätigen, schließen die Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern immer wieder Verträge dieser Art ab. Der Flächentarif ist – entgegen allen Erwartungen – quicklebendig. Er regelt nach wie vor die Lohnhöhe und Arbeitsbedingungen. Im Westen sind 52 Prozent aller Arbeitnehmer direkt an einen Flächentarif gebunden, bei weiteren 22 Prozent wird er ohne formale Pflicht angewandt. In Ostdeutschland fallen 33 Prozent aller Beschäftigten unmittelbar und 27 Prozent indirekt unter die Tarifregeln. Dabei beziehen sich diese Zahlen nur auf die private Wirtschaft, im öffentlichen Dienst erfassen die Tarifwerke sogar bis zu 83 Prozent aller Beschäftigten.

Angesichts dessen hat sich in Deutschland in den vergangenen Jahren Erstaunliches getan. Über längere Zeit, während hoher Arbeitslosigkeit, sind die Löhne nur gering gestiegen. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wuchs. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil die Kritiker des sogenannten Tarifkartells immer gewarnt hatten, bei Tarifverhandlungen würden die Interessen der Arbeitslosen nicht berücksichtigt‚. Die blieben außen vor, die Lohnfindung bewege sich weitgehend losgelöst von den realen Problemen am Arbeitsmarkt.

Das war in den vergangenen Jahren nicht der Fall. Selbst in Branchen mit starken Gewerkschaften und relativ guter Tarifbindung wie der Chemie- und der Metallindustrie blieben die Lohnsteigerungen moderat. Und auch in der sich jetzt rasant verschärfenden Wirtschaftskrise erweist sich das Tarifinstrumentarium als sehr flexibel. Ein Beispiel ist der jüngste Abschluss in der Metall- und Elektroindustrie. Die IG Metall ging mit der ungewöhnlich hohen Forderung von acht Prozent mehr Lohn in die Verhandlungen. Formuliert worden war dieses Ziel, lange bevor die Finanzkrise die Weltwirtschaft erschütterte. Doch obwohl die 2,3-Millionen-Mitglieder-Organisation ihre Tarifziele nicht leichtfertig aufstellt, sondern sie in monatelangen Diskussions- und Abstimmungsprozessen zwischen Basis und Führung entwickelt, zeigten sich ihre Verhandlungsführer am Ende sehr beweglich. Im Angesicht der Krise vereinbarten die Tarifpartner einen ausgesprochen moderaten Abschluss mit einer zweistufigen Lohnerhöhung. Danach steigen die Gehälter je nach wirtschaftlicher Entwicklung etwas schneller oder deutlich langsamer. So flexibel sind heute Flächentarife.

Für Krisenzeiten bieten viele Tarifvereinbarungen längst zahlreiche Öffnungsklauseln. Einzelne Betriebe können die Löhne senken, wenn sie in Not geraten. Auch die Arbeitszeit ist mit Zustimmung der Gewerkschaften oft variabel geregelt. Fehlt es an Aufträgen, können die Betriebe die Wochenarbeitszeit vorübergehend verringern. Der Auf- und Abbau von Arbeitszeitkonten ist häufig tarifvertraglich geregelt. Die Bestimmungen auszuhandeln ist zwar ein mühsamer Prozess, aber in der Krise ermöglichen sie es, schnell und ohne lange Diskussionen zu reagieren – gerade weil dann schon ein für alle im Betrieb verbindliches Regelwerk existiert.

Die Flächentarife von heute sind längst nicht mehr so starr wie früher. Gerade deshalb funktioniert die kollektive Lohnfindung immer noch. Das gilt nicht in allen Branchen, viele Teile des Handwerks etwa werden heute nicht mehr von Tarifverträgen erfasst. Und das Modell erstreckt sich nicht mehr so flächendeckend über alle Berufsgruppen einer Branche. Spartengewerkschaften wie die der Lokführer versuchen für ihre Klientel Sonderregeln durchzusetzen. Außerdem gibt es heute mehr besonders qualifizierte Fachkräfte, die ihren Lohn lieber individuell mit ihrem Chef aushandeln. Deshalb beherrscht der Flächentarif weniger als einst die gesamte Lohnbildung. Für viele Menschen dürfte das vermeintliche Auslaufmodell dennoch auf absehbare Zeit weiter die Basis von Lohn und Arbeitszeit bilden.

i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/ausblicke–2009

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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