»Er kannte Israel nicht«

Seit Tagen lebt die Bevölkerung Gazas unter den Bombenangriffen der israelischen Luftwaffe. Eine Augenzeugin berichtet aus Khan Younis

Ich schaute in die Augen meiner Schwester, ich schaute in die Augen meiner Mutter, und im nächsten Augenblick rannte ich zu den Stufen in den Garten, um meine Kinder vom Kindergarten und der Schule abzuholen… Mein sechsjähriger Neffe hatte eine Klassenarbeit geschrieben, sodass er früh nach Hause gekommen war. Die anderen beiden standen schon in der Tür. Unser Nachbar war in der Stadt und hatte sie mitgebracht, als er sein eigenes Kind holte. Die Kinder hatten Angst. Sie sprachen über den großen Lärm, den sie nicht verstanden. Wael, mein vierjähriger Neffe, hat überhaupt nichts verstanden. Er wusste noch nicht einmal, dass es Israel gibt. Jetzt weiß er es. Wie die anderen Kinder.

Um 17 Uhr fuhr ich in das Haus meines Cousins, weil das Feuer aufhörte. Es ist nur fünf Autominuten von uns entfernt. Die Kinder wollten unbedingt mitkommen und fingen an zu weinen, sodass ich sie mitnahm. Wir fuhren eine Schleife um das Haus. Aber dann fiel mir ein, dass es dort eine Polizeistation gibt, und ich dachte, dass ich besser einen anderen Weg nehme. Ich drehte um und fuhr in die andere Straße. Dort sah ich direkt vor uns ein Flugzeug, das ein Auto angriff. Die Kinder sahen die Flammen und hörten den Lärm. Sie waren so verängstigt, dass ich ihnen erzählte, dies sei das Silvesterfeuerwerk.

Wir nahmen die Kinder mit ins Bett, bis sie eingeschlafen waren. Dann erst legten wir sie in ihre eigenen Betten. Sie sollten sich sicher fühlen. Ich selbst konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich hörte die Bomben. Ich rief Freunde und Familie an, um mich zu vergewissern, dass es ihnen gut geht.

Am nächsten Morgen wachte Wael auf und kam zu mir, um mir seinen geschwollenen Finger zu zeigen. Er sagte: »Guck, das ist vom Bombardement und vom Anschlag aus der Luft.« Ich fragte ihn, wann das war. Und er sagte: »Letzte Nacht, als ich schlief, trafen sie mich.« – »Du lügst«, sagte ich. Er lächelte und sagte: »Du lügst auch.«

Die Autorin arbeitet für eine NGO in Khan Younis

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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