Selbstsucht
Die Lehren eines Pastors im Londoner Finanzdistrikt Von John F. Jungclaussen
John Pierpont Morgan war für seine Ruchlosigkeit bekannt. Der große amerikanische Banker wurde auch Jupiter genannt – so groß war sein Einfluss auf die globale Finanzwelt am Ende des 19. Jahrhunderts. Zeitgenossen verachteten ihn als gierigen Monopolisten, der den Reingewinn seines Bankhauses über alles stellte. Gleichzeitig war J. P. Morgan aber auch ein engagiertes Mitglied der Episkopalkirche. Einer, der viel Sinn für das Gemeinwohl hatte und vor allem zum Ende seines Lebens Zuflucht in seinem Glauben suchte. Genau wie Darwin, der nie die Absicht hatte, der Schöpfungsgeschichte mit seiner Evolutionstheorie den Teppich unter den Füßen wegzureißen, wollte auch Morgan das Christentum nicht durch die Anbetung des Mammons ersetzen. In beiden Fällen übernahmen das nachfolgende Generationen.
Gier statt Menschlichkeit hat die Welt seit J. P. Morgans Tod 1913 immer wieder erlebt – und immer wieder ist sie damit gescheitert. Zuletzt in den achtziger Jahren, dann zu Beginn des Jahrtausends, als die New-Economy-Blase platzte, und nun wieder. Peter Mullen wundert das nicht. Er ist Pastor an zwei Gemeinden der anglikanischen Kirche in der City of London und außerdem Kaplan der Londoner Börse.
»Der menschliche Instinkt ist es, selbstsüchtig zu sein«, erklärt der Hirte im Zentrum der globalen Geldwelt, die nun zusammengebrochen ist. Dieses Jahr hat Pastor Mullen eine außergewöhnliche Adventszeit erlebt. In der Vorweihnachtszeit hätte es bei den Bankern schon immer »eine gewisse Einkehr« gegeben, sagt Mullen.
Die Zeit, in der hier obszöne Boni bezahlt wurden, war gleichzeitig auch eine, in der gemeinnützige Einrichtungen die größten Spenden erhielten. In diesem Jahr gibt es kaum Boni. In der Folge klagen wohltätige Organisationen über magere Spenden. Dafür sind die Kirchen in der City voller als sonst. In den Gotteshäusern St. Michael’s und St. Sepulchre sieht man morgens um acht Uhr Männer und Frauen in dunklen Businessanzügen, die auf dem Weg zum Schreibtisch kurz innehalten, als beteten sie inständig dafür, nicht die Kündigungs-E-Mail vorzufinden, wenn sie ihren Computer hochfahren.
Für den Moment wenigstens scheint hier der Glaube an die Symbole des einfachen Geldes geschwunden zu sein: die schnellen Sportwagen, die höchstens sonntags mal aus der Garage geholt werden konnten, weil der Rest der Woche dem gnadenlosen Geldverdienen gehörte. Oder die zeitgenössische Kunst, deren Anziehungskraft lediglich im gegenwärtigen Marktwert des Künstlers lag.
»Wenn du nach dem Preis fragen musst, kannst du es dir nicht leisten« – ein Satz von J. P. Morgan, der neue Gültigkeit erlangt hat. Aber Pastor Mullen glaubt nicht an einen echten Sinneswandel.
»Irgendwie wird sich das System wieder aufrappeln, und dann geht alles wieder von vorne los.« Wenn er recht hat, bleibt nur noch eins: der Glaube an die Ursünde.
- Datum
- Quelle DIE ZEIT, 31.12.2008 Nr. 02
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